Migazin vom 01.06.2018 - Flüchtlingsräte - Anker-Zentren verletzen Rechte von Minderjährigen // Auf ein Wort - von Lemiye: Überall in der Welt sind antidemokratische Kräfte auf dem Vormarsch // Dazu > Zeit-Online vom 29.05.2018 - Rechtspopulismus - Die Rückkehr der Menschenfeindlichkeit

Migazin vom 01.06.2018

Flüchtlingsräte

Anker-Zentren verletzen Rechte von Minderjährigen
Die Kritik an den geplanten Anker-Zentren reißt nicht ab. Mehrere Flüchtlingsorganisationen sehen den Kinder- und Jugendschutz in den geplanten Asyl- und Abschiebezentren gefährdet. Auch die Grünen sehen einen eklatanten Widerspruch zur UN-Kinderrechtskonvention.
 Stacheldraht © JarkkoManty @ pixabay.com (CC 0), bearb. MiG 
Flüchtlingsorganisationen sehen den besonderen Schutz von Kindern und Jugendlichen in den vom Bund geplanten Asyl- und Abschiebezentren gefährdet.

Studien und Erfahrungen aus der Praxis zeigten, dass die Unterbringung in großen Sammelunterkünften insbesondere dem Wohl von Kindern entgegenstehe und elementare Rechte von Minderjährigen verletze, heißt es in einer am Donnerstag in Bochum veröffentlichten Pressemitteilung von Landesflüchtlingsräten in Deutschland, dem Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, Pro Asyl und der Initiative Jugendliche ohne Grenzen. Das von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) geplante Sondersystem der Anker-Zentren treibe die Isolation und Diskriminierung weiter voran.
Bereits jetzt sei der Alltag der Kinder und Jugendlichen in Erstaufnahmeeinrichtungen und Transitzentren, die als Vorbild der Anker-Zentren dienen sollen, geprägt von beengten Wohnverhältnissen, fehlender Privatsphäre, dem Ausschluss von der Regelschule, unzureichender gesundheitlicher Versorgung sowie dem Miterleben von Gewalt, hieß es. Abschiebungen, zum Teil mitten in der Nacht, sorgten für eine Situation der Angst. Sachleistungsversorgung, fehlende Therapieangebote und mangelnde Hygiene in überlasteten Sanitärbereichen verschärften vielerorts die Situation.
Polat: Eklatanter Widerspruch

Auch die Grünen fordern die Bundesregierung auf, die in der UN-Kinderrechtskonvention verbürgten Rechte einzuhalten.

Die geplanten AnKER-Zentren stünden dazu in einem „eklatanten Widerspruch“, erklärt Filiz Polat, migrationspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Bundestag. „Wir stellen uns entschieden gegen die Isolierung und Kasernierung von Geflüchteten in den integrations- und kinderfeindlichen Großunterkünften. Kinderrechte haben für alle Kinder zu gelten, diskriminierungsfrei, unabhängig von Herkunft und Aufenthaltsstatus“, so die Grünen-Politikerin.
In den von der Bundesregierung geplanten Zentren soll das komplette Asylverfahren abgewickelt werden. Flüchtlinge mit geringen Bleibeperspektiven sollen dort bis zu 18 Monate untergebracht werden, Familien bis zu sechs Monate. Auch die Alterseinschätzung von unbegleiteten Minderjährigen soll dort erfolgen. Eine bundesweite Pilotphase soll im Herbst starten. Langfristig könnte es bundesweit 40 bis 50 Anker-Zentren geben, in denen jeweils bis zu 1.500 Flüchtlinge untergebracht werden sollen.

„Mit geltendem Recht nicht zu vereinbaren“

Für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge drohe damit eine Unterbringung in Einrichtungen mit fremden Erwachsenen bis zu ihrer Inobhutnahme durch die Jugendämter, erklärten die Flüchtlingsorganisationen anlässlich des Internationalen Kindertages (1. Juni). 


Dies widerspreche dem Minderjährigenschutz und sei mit geltendem Recht nicht zu vereinbaren. Standards, die in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe gelten, würden nicht berücksichtigt.
Flüchtlingsräte, Bundesfachverband und Pro Asyl appellieren an die Bundesländer, sich nicht am Anker-Projekt zu beteiligen.

„Landesaufnahmeeinrichtungen sind kein geeigneter Ort für Kinder“, erklärte Birgit Naujoks, Geschäftsführerin des Flüchtlingsrats NRW.
Nach zum Teil traumatischen Erlebnissen auf der Flucht sei es wichtig, dass ihnen in Deutschland ein normales Alltagsleben ermöglicht werden kann. Die dezentrale Unterbringung von Geflüchteten in Wohnungen sollte deshalb Priorität haben, hieß es.
 (epd/mig)

Hier der Link zum Artikel vom Migazin vom 01.06.2018 >>> 


Von Lemiye

Überall in der Welt sind antidemokratische Kräfte auf dem Vormarsch, auch in Deutschland
Heute ist meine Ansprache ans Volk wieder etwas länger geraten. Ich bitte euch, beim Lesen durchzuhalten, denn meine Überlegungen beziehen sich auf einen sehr lesenswerten Artikel des Sozialpsychologen Harald Welzer in der letzten Ausgabe der ZEIT: "Die Rückkehr der Menschenfeindlichkeit". 

(Der Artikel von Harald Welzer folgt dann im Anschluß von den Gedanken von unserer Bloggerin Lemiye)
 Harald Welzer ist ein deutscher Soziologe und Sozialpsychologe.
Das Foto wurde vom Pouya-Blog hinzugefügt. Quelle: hier


Liebe Freundinnen und Freunde!

Heute ist meine Ansprache ans Volk wieder etwas länger geraten. Ich bitte euch, beim Lesen durchzuhalten, denn meine Überlegungen beziehen sich auf einen sehr lesenswerten Artikel des Sozialpsychologen Harald Welzer in der letzten Ausgabe der ZEIT: "Die Rückkehr der Menschenfeindlichkeit".
Ich verwende die Begriffe „Konzentrationslager“ und „Deportation“ absichtlich, um eine Verbindung zur deutschen Geschichte herzustellen. Der Holocaust war ein beispielloses Menschheitsverbrechen, kein Vergleich ist zulässig, nichts kann ihn relativieren. Die Verwendung der Nazi-Begriffe ist die Erinnerung daran, dass der Holocaust kein Naturereignis darstellte, dem der Mensch hilflos ausgeliefert war. Er markierte vielmehr das Ende eines jahrelangen Weges. Man hätte ihn verhindern können.
Überall in der Welt sind antidemokratische Kräfte auf dem Vormarsch, auch in Deutschland. Tagtäglich präsentieren uns auch eigentlich unverdächtige Politikerinnen und Politiker neue Ideen, die unsere demokratischen Freiheiten einschränken. Dabei wird ständig der Popanz „islamischer Terrorismus“ beschworen, der vorzugsweise von Asylbewerbern und Migranten begangen werden soll.

Wie sehr die öffentliche Debatte mittlerweile von der Auseinandersetzung mit einem Problem, das gar keins ist, bestimmt wird, fällt auf den ersten Blick gar nicht auf. Anständige Menschen versuchen mit bewundernswerter Sachlichkeit und Argumentationskraft gegen Diffamierung, Hass und Hetze anzukämpfen, indem sie sich für die Ausgegrenzten und Abgelehnten einsetzen. 

Und da sind wir bei einem der größten Probleme unserer Gesellschaft angelangt. Es ist einer menschenfeindlichen, aggressiven, eloquenten Minderheit gelungen, die Inhalte der öffentlichen Debatte zu bestimmen. Statt Diffamierungen, Lügen und Hass kompromisslos an den Absender zurückzuschicken, setzen wir uns öffentlich, auch mit Hilfe der Medien, sehr ernsthaft mit ihnen auseinander. Populistische Politiker mit Hang zum Wahnsinn machen sie sich sogar zu eigen und fordern allen Ernstes eine „konservative Revolution“.

Ein Viertel der 170 Anfragen der AfD-Fraktion thematisiert Flucht und Migration. In der meist uninformierten Öffentlichkeit entsteht der Eindruck, das seien derzeit unsere größten Probleme. Plötzlich äußern Menschen, die bisher keinen Zweifel daran ließen, im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte zu sein, man könne nachts nicht mehr auf die Straße gehen und fühle sich fremd im eigenen Land – wegen all der Flüchtlinge und Migranten. Noch besser: Das Problem würde man sofort los, indem man die Flüchtlinge und Migranten los würde. 

Dazu analysiert H. Welzer: Das sagen "sie nicht wegen der AfD, sie tun es, weil Brückenfiguren wie Horst Seehofer oder Christian Lindner die ausgrenzenden und menschenfeindlichen Haltungen gesellschaftsfähig machen, indem sie diese in den Status normalisierten Sprechens und Handelns heben. Dabei ist es völlig gleichgültig, ob derlei aus Überzeugung oder Taktik geschieht; wirksam für die Konsensverschiebung ist es allemal.“

Konsensverschiebung. Einer Minderheit gelingt es mit ihren „toxischen Interventionen“ und mit Hilfe von Medien und Politikern derzeit sukzessive, „das zivilisatorische Niveau einer ganzen Gesellschaft zu perforieren“. Es ist äußerst beschämend, dass sich „ausgerechnet in einer Zeit von wirtschaftlicher Hochkonjunktur, spektakulären Tarifabschlüssen, Fachkräftemangel und sprudelnden Steuereinnahmen“ eine Tendenz entwickelt, die sich gnadenlos gegen die Ärmsten und Wehrlosesten richtet. Sie trifft nicht nur Flüchtlinge und Migranten, sondern explizit auch Langzeitarbeitslose und Hartz-IV-Empfänger. Sie werden so lange gedemütigt, bis sie innerlich tot sind.

Mittlerweile artikulieren sich die Angriffe auf unsere Demokratie und unser Grundgesetz immer unverhüllter. Der menschenfeindliche, teils offen rechtswidrige Umgang mit Flüchtlingen ist ein Beispiel. Besonders infam, aber wirkungsvoll ist die Kombination von „Flüchtlingen“ und „Kosten“. Die öffentlich vorgetragene Idee, Flüchtlinge zukünftig an den Kosten ihrer Anerkennungs- und späteren Rechtsverfahren sowie für ihre Unterkunft zu beteiligen, findet ebenso große Zustimmung wie das Vorhaben, sie angeblich kostengünstig in Lagerhaltung zu konzentrieren. Zahlreiche Deportations-Einzelfälle stellen eine eklatante Missachtung universaler Menschenrechte und des § 1 GG sowie weiterer Grundrechte dar. Doch auch hier: Zustimmung statt Gegenwehr aufgrund der Erkenntnis, dass es sich um Angriffe auf unsere demokratische Grundordnung handelt.

„Demokratien gehen nicht an zu vielen Feinden, sondern an zu wenigen Freunden und Verteidigerinnen zugrunde.“ Dass Fremdenhass und Menschenfeindlichkeit wieder salonfähig werden, „ist nur auf mangelnde Gegenwehr zurückzuführen“. Dabei kann jede/r etwas tun: „Das ist keine komplizierte Aufgabe. Es bedeutet (…), im Job und im Privaten, im Freundeskreis und in der Familie, in der Straßenbahn und in sozialen Netzwerken für Menschenrechte und den Schutz von Minderheiten einzutreten, und für eine Gesellschaft, die beides garantiert.“ (H. Welzer)

Zurück zum Vergleich mit dem Nationalsozialismus. 

H. Welzer erwähnt eine Beobachtung, die Sebastian Haffner machte („Geschichte eines Deutschen“): Die Nazis installierten die „Judenfrage“, indem sie sie offen mit dem Tode bedrohten. Plötzlich debattierte man über Juden, die „Nazifrage“ stellte sich gar nicht erst. Antisemiten applaudierten, anständige Menschen argumentierten für die Juden. Heute debattieren wir über die „Flüchtlingsfrage“ statt über die "Menschenfeindefrage" – und gehen damit erneut den menschenfeindlichen Demagogen auf den Leim. Mit mir ab sofort nicht mehr. Ich werde mit den Menschenfeinden nur noch ihre Menschenfeindichkeit diskutieren.

Wehret der Rückkehr der Menschenfeindlichkeit, bevor es zu spät ist!

In diesem Sinne: Macht euch wehrhaft, liebe Freundinnen und Freunde!
Lemiye, Juni 2018

(Alle Zitate entstammen dem o. g. Artikel und sind markiert.)   

Dazu >>

Zeit-Online vom 29.05.2018 
Rechtspopulismus

 Die Rückkehr der Menschenfeindlichkeit

Gegen den Rechtsruck in der deutschen Debatte: Wenn Ausgrenzung und Ressentiment politisch akzeptabel werden, wird Widerstand zur Pflicht.

Von Harald Welzer

Am vergangenen Sonntag wurde auch auf der Spree gegen die AfD demonstriert.
© Gerhard Westrich/laif
Zunächst eine wichtige Mitteilung: Vergleiche mit dem Nationalsozialismus sind erlaubt. Sie sind sogar notwendig, wenn man gesellschaftliche und normative Veränderungsprozesse einordnen und in ihrer Bedeutung abschätzen möchte. Der Holocaust war als größtes Menschheitsverbrechen der Geschichte einzigartig und unvergleichlich, der Weg dorthin aber war das Ergebnis einer verhängnisvollen Entwicklung, in der eine moderne Demokratie in eine diktatorische Ausgrenzungsgesellschaft transformiert wurde. Und mit ihr die moralischen Überzeugungen und die selbstverständlichen Annahmen darüber, wie man mit Menschen umgeht.
Dass solche Annahmen und Überzeugungen nie stabil sind, kann man aus der Geschichte lernen; in einer jeweiligen Gegenwart ist man eher blind dafür, weil sie sich sukzessive verändern und man sich selbst mit ihnen. Was gestern noch undenkbar und unsagbar schien, scheint heute schon erwartbar und normal.
Sebastian Haffner, der überaus genaue Chronist des rapiden Deutungs- und Einstellungswandels ab 1933 in Deutschland, erwähnt in seiner Geschichte eines Deutschen einen bemerkenswerten Mechanismus der damaligen öffentlichen Debatte: Indem die Nazis, schreibt Haffner, "irgendjemand – ein Land, ein Volk, eine Menschengruppe – öffentlich mit dem Tode bedrohten, brachten sie es zustande, dass nicht ihre, sondern seine Lebensberechtigung plötzlich allgemein diskutiert – d. h. in Frage gestellt wurde. Jeder fühlte sich auf einmal bemüßigt und berechtigt, sich eine Meinung über die Juden zu bilden und sie zum besten zu geben. Man machte feine Unterscheidungen zwischen 'anständigen' Juden und anderen; wenn die einen, gleichsam zur Rechtfertigung der Juden – Rechtfertigung wofür? Wogegen? – ihre wissenschaftlichen, künstlerischen, medizinischen Leistungen anführten, warfen die anderen ihnen gerade dies vor: Sie hätten Wissenschaft, Kunst, Medizin 'überfremdet'."


Bekanntlich gab es trotz aller Gewaltaktionen gegen "Gemeinschaftsfremde" keine "Nazifrage" im Deutschland jener Jahre, sondern eben eine "Judenfrage". Nicht die Angreifer der Demokratie und des Rechts erschienen als Problem, sondern ihre potenziellen Opfer.

Vergleichbares erleben wir seit mehr als zwei Jahren in Europa und leider auch in Deutschland. Völlig unbeschadet von allem, womit man jenen entgegengekommen ist, die die Flüchtlingspolitik der alten Bundesregierung kritisiert hatten (man gab ihnen Verschärfungen des Asyl- und Aufenthaltsrechts, die Einrichtung von Heimatministerien, die Verankerung einer "Obergrenze", die nur nicht so heißt, und manches mehr), ist eine "Konsensverschiebung" (Igor Levit) zu beobachten, in der sich das Phantasma einer "Masseneinwanderung" desto aggressiver verbreitet, je weniger Menschen ins Land kommen.

Sozialpsychologisch ist das ein Klassiker: Vorurteile und Ressentiments gedeihen dort am besten, wo es die Hassobjekte in Gestalt etwa von "Ausländern", "Muslimen", "Flüchtlingen", "Juden" und so weiter gar nicht gibt, wo mithin keine Realitätsprüfung stattfinden muss. Und so haben wir jetzt eine "Flüchtlingsfrage", keine "Menschenfeindefrage".

Wahrheit ist eine Funktion sozialer Übereinkunft. Je weiter sich die Rede von der "Masseneinwanderung", den "Wirtschaftsflüchtlingen", den "Kulturfremden" verbreitet, desto unbezweifelbarer scheinen die insinuierten Sachverhalte. 

Beispielhaft ist das zu sehen an der "Gemeinsamen Erklärung 2018", die inzwischen von mehr als 160.000 Menschen unterzeichnet wurde und in der die Einsetzung einer Kommission gefordert wird, die Vorschläge erarbeiten soll, wie der "durch die schrankenlose Migration eingetretene Kontrollverlust im Inneren des Landes beendet werden kann".

Es kursiert die Erzählung von den "Abgehängten"

Besonderen Schwung bekam diese Erklärung durch Erstunterzeichner wie Thilo Sarrazin oder Uwe Tellkamp, und sie wird seither von erstaunlich vielen Persönlichkeiten affirmiert. So etwa von Neo Rauch, der in Tellkamp gar einen "Wiedergänger Stauffenbergs" sieht und von seiner Gattin sekundiert wird, die fordert, den von Tellkamp genannten Wert von "95 Prozent Wirtschaftsflüchtlingen" unter den Asylbewerbern erst mal wissenschaftlich zu prüfen, bevor man die Aussage kritisiere.

Dass auch unter malenden Multimillionären Ängste vor Wirtschaftsflüchtlingen stark verbreitet sind, kann nicht mehr verwundern, verzeichnen wir doch eine regelrechte Obsession in der politischen Debatte um Fragen der Zuwanderung und der Sicherheit. 

Dabei macht es gar nichts, dass die Kriminalität auf dem niedrigsten Stand seit 1992 ist, weshalb man sich besser um reale Probleme wie die Vernachlässigung des ländlichen Raums oder die Mietpreisexplosionen in den Städten, die Folgen des Klimawandels oder die Demokratiegefährdungen durch die Digitalisierung kümmern sollte. 

Insbesondere seit den Wahlerfolgen der AfD kursiert die Erzählung von den "Abgehängten", die von den linksliberalen Eliten in Politik, Medien und Wirtschaft so sträflich vergessen worden seien, dass sie sich nun aber endlich mit dem Stimmzettel und, okay, auch mal mit der einen oder anderen rechtsextremistischen Straftat zur Wehr setzten. Und ohne jeden belastbaren empirischen Befund gilt es inzwischen als Tatsache, dass "die Globalisierung" vielen Menschen zu viel Angst mache, weshalb "Heimat", "Leitkultur", "Kulturpatriotismus" und ähnlich nebulöse Symbolbegriffe neuerdings ganz wichtig seien.
In solche Erzählungen stimmt man dann unter dem Schlagwort eines "neuen Konservatismus" ein, der so eigentümliche Dinge hervorbringt wie das "Ausländer beim Bäcker"-Theorem des FDP-Chefs Christian Lindner oder die Auslassungen des historisch uninformierten, aber stets hetzbereiten CSU-Manns Alexander Dobrindt und seinen Aufruf zur "konservativen Revolution" sowie seine vollends irre Rede von der "Anti-Abschiebe-Industrie".
Es hat etwas Epidemisches, wie derlei Themen Geländegewinne im öffentlichen Raum verzeichnen, so sehr übrigens, dass Teilnehmer des infamen rechtsextremistischen Rockfestivals in Ostritz bereits T-Shirts mit der Aufschrift trugen: "Ich war schon rechts, bevor es cool wurde."

Wenn man weiß, dass derartige Kommentare in den sozialen Netzwerken von immer denselben Dauererregten abgesetzt werden und die seit Jörg Haider probate Strategie der Neurechten darin besteht, die etablierten Medien als Resonanzkörper für ihre begrifflichen Grenzüberschreitungen zu nutzen, kommt man zu dem deprimierenden Befund, dass es einer Minderheit gelingen kann, mit ihren toxischen Interventionen das zivilisatorische Niveau einer ganzen Gesellschaft zu perforieren.
Plötzlich hört man im eigenen sozialen Umfeld, dass den Medien nicht zu trauen sei, plötzlich bekommt man Hassmails von früheren Freunden, plötzlich erzählen mittelständische Rentner aus saturierten Umlandgemeinden, nachts könne man ja nicht mehr auf die Straße gehen, wegen all der Flüchtlinge.

Brückenfiguren machen menschenfeindliche Haltungen gesellschaftsfähig

Das tun sie nicht wegen der AfD, sie tun es, weil Brückenfiguren wie Horst Seehofer oder Christian Lindner deren ausgrenzende und menschenfeindliche Haltungen gesellschaftsfähig machen, indem sie diese in den Status normalisierten Sprechens und Handelns heben. Dabei ist es völlig gleichgültig, ob derlei aus Überzeugung oder aus Taktik geschieht; wirksam für die Konsensverschiebung ist es allemal.

Seehofers erste Rede als Innenminister hat es ja deutlich gemacht: Wer nunmehr "Heimat" für sich und nicht für andere reklamiert, spricht in Übereinstimmung mit dem zuständigen Ministerium. 
Und Markus Söder verordnet die Kreuze dazu. Brückenfiguren sind aber auch diejenigen in den Medien, die neuerdings einen "Kulturkampf" (auch so ein Weimarer Begriff) herbeischreiben, in dem überfremdungs- und kulturbesorgte Bürgerinnen und Bürger einer gleichermaßen verbissenen Kohorte von Verteidigern des Grundgesetzes gegenüberstünden. 

Dabei liegt aber doch die Sache gerade so, dass sich die Angriffe auf die Demokratie und die Menschenfreundlichkeit immer unverhüllter und häufiger artikulieren, die Gegenreaktion vonseiten der zufriedenen (90 Prozent der Deutschen bezeichnen sich als "glücklich") Anhängerinnen und Anhänger der offenen Gesellschaft und des Grundgesetzes hingegen lange auf sich warten ließ – wenigstens bis zum vergangenen Sonntag, als ein AfD-Umzug auf die gut fünffache Zahl von Gegendemonstranten stieß

Doch ob diese Schwalbe einen Sommer macht? Bisher jedenfalls wurde auf die wachsenden Wählerquoten für die AfD und das sich offen zeigende Ressentiment überwiegend nicht mit steigender Bereitschaft reagiert, die Demokratie zu verteidigen, sondern mit sozialpädagogischem Verständnis – so als handele es sich um die Wirkung eines Defizits an politischem Wissen. Eine Wirkung, der mit ein bisschen Aufklärung und einfühlsamen Konzessionen ans Ressentiment abzuhelfen sei.
Demokratien gehen nicht an zu vielen Feinden, sondern an zu wenigen Freunden und Verteidigerinnen zugrunde.
Auch dies zeigt das Beispiel Weimar. Anders gesagt: Wenn die Demokratie angegriffen wird und man sich selbst als Demokrat versteht, sollte man sich auch selbst gemeint fühlen und die Sache persönlich nehmen.
Dann versteht man sofort, dass es sich bei alldem um einen gesellschaftspolitischen Konflikt handelt, nicht um ein pädagogisches Problem.

Dass in Zeiten von wirtschaftlicher Hochkonjunktur, spektakulären Tarifabschlüssen, Fachkräftemangel und sprudelnden Steuereinnahmen eine Menschenfeindlichkeit grassiert, die sich ausgerechnet gegen die Ärmsten und Hilflosesten richtet, weist die Grenzen des historischen Vergleichs auf. 

Denn rückblickend ist es ja vielleicht noch erklärlich, dass sich Menschen zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise in einer auch wissenschaftlich gepflegten Kultur von Eugenik und Rassenkunde für das menschenfeindliche Projekt Nationalsozialismus begeistern konnten, zumal es das größte Menschheitsverbrechen der Geschichte, auf das die Sache hinauslief, noch nicht gegeben hatte. 

Doch heute?

Vor diesem historischen Hintergrund ist die Renaissance der Menschenfeindlichkeit in der in fast jeder Hinsicht hervorragend funktionierenden Bundesrepublik der Gegenwart nur auf mangelnde Gegenwehr zurückzuführen.

Noch einmal: Wir haben keinen Mangel an Analyse, sondern an Engagement für die offene Gesellschaft. 

Das ist auch keine komplizierte Aufgabe. Es bedeutet für jeden und jede, im Job und im Privaten, im Freundeskreis und in der Familie, in der Straßenbahn und in sozialen Netzwerken für Menschenrechte und den Schutz von Minderheiten einzutreten, und für eine Gesellschaft, die beides garantiert. 

Und zwar, wenn es ganz alltäglich konkret wird und Menschen verächtlich gemacht werden.
Das kann etwas unbequem sein, hat jetzt aber Vorrang vorm routinierten Beobachten, Analysieren und Kommentieren. So was können wir zwar alle ziemlich gut, aber das nützt nichts gegen Menschenfeindlichkeit. Es ist nicht einmal mehr cool. 

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio 

Hier der Link zum Artikel von Zeit-Online vom 29.05.2018 >>>
Rechtspopulismus: Die Rückkehr der Menschenfeindlichkeit / Zeit-Online vom 29.05.2018

Anm.d.Blog-Redaktion:


Bravo, Harald Welzer!
Um es kurz zu machen, der klarste und deutlichste Artikel, den ich als Blogger zum Thema in der Analyse bisher gelesen habe.
Horst Berndt, Juni 2018

Die Würde aller Menschen ist unantastbar.

Gesetz für den gesamten Erdkreis.

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