FR: Flüchtlingspolitik - Bamf-Affäre ist bei Merkel angelangt // Anm.d.Blog-Redaktion: Was alles unter den Teppich gekehrt wird - wie wir belogen wurden! // Migazin: Spendenfinanziert Erstes Mahnmal in Deutschland erinnert an ertrunkene Flüchtlinge // Migazin: Den Behörden Beine machen - Das EuGH-Urteil zur Familien­zusammen­führung von Flüchtlingen

Frankfurter Rundschau vom 03.06.2018
Flüchtlingspolitik
Bamf-Affäre ist bei Merkel angelangt
Der ehemalige BamF-Chef Frank-Jürgen Weise macht der Bundesregierung schwere Vorhaltungen. Die SPD will wissen, was Kanzlerin Angela Merkel wann über die Entwicklung beim BamF wusste.Von Daniela Vates
Am nächsten Mittwoch wird Bundeskanzlerin Angela Merkel
von Abgeordneten im Bundestagsplenum befragt. Foto: afp
Es gibt diese Zufälle: Am nächsten Mittwoch wird Angela Merkel von Abgeordneten im Bundestagsplenum befragt. Es ist eine Premiere, bislang haben Kanzler wie auch die Kanzlerin im Parlament nur Reden gehalten.
Die SPD hat die Kanzlerinnenbefragungen in den Koalitionsverhandlungen durchgesetzt, es soll die Sitzungen interessanter machen. Dreimal im Jahr soll Merkel erscheinen, da wird es also mal langsam Zeit. Drei Sitzungswochen hat der Bundestag nur noch vor der Sommerpause.

Wie es der Zufall will, ist das bestimmende Thema der Innenpolitik gerade mal wieder die Flüchtlingspolitik, genauer gesagt: die Probleme im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf), das über die Asylanträge von Flüchtlingen entscheidet. Was mit Vorwürfen gegen die Bremer Außenstelle wegen angeblich allzu laxer Asylbescheidvergabe begonnen hat, hat sich inzwischen zu einem generellen Bamf-Skandal geweitet. Die Behörde steht da als überfordert bis unfähig.
Wie es der Zufall will, ist nun außerdem ein Papier des ehemaligen Bamf-Chefs Frank-Jürgen Weise aus dem vergangenen Jahr bekannt geworden. „Die Krise war vermeidbar“, schreibt Weise darin laut „BamS“ und „Spiegel“. Er kritisiert vor allem das Bundesinnenministerium: „Ein funktionierendes Controlling hätte bereits im Jahr 2014 eine Frühwarnung gegeben.“
Innenminister war damals Thomas de Maizière, der der aktuellen Regierung nicht mehr angehört. Weise hatte das Bamf im September 2015 übernommen.
In seinen Abschlussbericht Anfang 2017 schrieb er offenbar, er habe „noch nie einen so schlechten Zustand einer Behörde erlebt“. Es sei nicht erklärbar, wie angesichts dieses Zustands davon ausgegangen werden konnte, „dass das Bamf den erheblichen Zuwachs an geflüchteten Menschen auch nur ansatzweise bewerkstelligen könnte“.
Damit hat Weise, der als Krisenmanager geholt worden war und der Behörde bis 2016 vorstand, die Schuld deutlich von sich geschoben. Allerdings setzte Weise auf die mangelhaften Strukturen ein Krisenbewältigungsprogramm mit schnell angelernten neuen Mitarbeitern und massiv gestrafften Entscheidungsstrukturen.


Das Interesse dürfte sich nun dem politisch Verantwortlichen zuwenden: Thomas de Maizière. Fragen wird es auch an Peter Altmaier geben, der als Kanzleramtsminister zum Ende des entscheidenden Jahres 2015 die Hauptverantwortung für die Koordination der Flüchtlingskrise übernahm. Dies wurde damals als Entmachtung de Maizières verstanden. Altmaier ist mittlerweile Wirtschaftsminister.

SPD weist auf die Kanzlerin

Über Altmaier und Weise ist der Skandal nach einigen Umdrehungen bei Merkel angelangt. Die SPD, die weiterhin unter schlechten Umfragewerten leidet und sich zum Ziel gesetzt hat, in der Regierung nicht als allzu merkel-freundlich wahrgenommen zu werden, weist ganz direkt auf sie. 
Generalsekretär Lars Klingbeil verkündete nun auf Twitter: „Wir brauchen schnell Klarheit. Merkel muss Stellung beziehen, was sie wann über die Entwicklung beim Bamf wusste.“
Die Kanzlerin hat sich am Wochenende dazu nicht geäußert. In einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ spricht sie über die Notwendigkeit, dass sich die europäischen Mitgliedsstaaten auf eine gemeinsame Asylpolitik einigen. Das eigentliche Ziel, sich in Europa darauf auf dem nächsten Gipfel der Staats- und Regierungschefs Ende Juni zu verständigen, hält Merkel allerdings offenbar nicht mehr für erreichbar. Es müsse eine einstimmige Lösung geben, weil sich gezeigt habe, dass Mehrheitsentscheidungen nicht zu einer Befriedung führten.
Und deswegen müsse man da „lieber ein paar Wochen länger versuchen“, eine Lösung zu finden. Am Ende müsse es eine gemeinsame europäische Flüchtlingsbehörde geben für die Asylverfahren an den EU-Außengrenzen – eine Art Europa-Bamf also.
Erstmal aber diskutiert Merkel am Mittwoch mit den deutschen Parlamentariern – allerdings mit zeitlichen Grenzen: Statt einer halben Stunde wie bei den Ministerbefragungen ist für die Kanzlerin eine Stunde vorgesehen.

Hier der Link zum Artikel der Frankfurter Rundschau vom 03.06.2018 >>> 
Anm.d.Blog-Redaktion:
Was alles unter den Teppich gekehrt wird - wie wir belogen wurden!
Ein Einschätzung von Frank-Jürgen Weise, die erst jetzt an die Öffentlichkeit kommt, lässt uns erahnen, wie verrottet die Handhabung im Innenministerium zu Thema war.
Wir müssen dann auch klar feststellen, dass man die deutsche Gesellschaft in der Wahlkampfzeit 2017 bis zum Wahltag knallhart belogen hat. Das kann eigentlich nur bedeuten, dass es Konsequenzen geben muss. Da Frau Merkel, Herr Altmaier und Herr de Maiziére hier in Verantwortung waren, sollten diese Politiker auch zur Rechenschaft gezogen werden. Wundern, nein -  wundern ist hier schon lange nicht mehr angesagt.
Wir haben doch schon sehr lange geahnt, dass hier die Behörden auf Druck der Politik und von der AfD getrieben, bestimmte Vorgaben an die sogenannten Schreibtischtäter delegiert haben. Dass jetzt Bremen voll ins Visier genommen wird und 1200 Asylanträge womöglich falsch entschieden wurden, ist zu untersuchen. Allerdings ist der eigentliche Skandal, dass es über 30000 Asylanträge gibt, die von Gerichten kassiert sind und von diesen Gerichten sehr stark kritisiert und auch abgeändert wurden, dies zu Lasten der Behörde.
Eine wirklich Aufklärung wäre hier von Nöten. Eine Befragung im Bundestag wird uns da wohl nicht weiterbringen, man wird sich mit geschickten Formulierungen wieder aus der Verantwortung winden.

Horst  Berndt, Juni 2018
 


Migazin vom 04.06.2018
Spendenfinanziert
Erstes Mahnmal in Deutschland erinnert an ertrunkene Flüchtlinge
Das bundesweit erste Mahnmal erinnert an Flüchtlinge, die auf ihrem Weg nach Europa über das Mittelmeer gestorben sind. Die Skulptur ist spendenfinanziert. Theologe und Pro-Asyl-Gründer Jürgen Micksch wünscht sich weitere Mahnmale.
 Das Baby war gemeinsam mit rund 350 Flüchtlingen auf einem Holzboot unterwegs, als dieses kenterte © Christian Buettner/Eikon Nord GmbH Germany/Reuters / Das Foto wurde vom Pouya-Blog hinzugefügt.*
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Anm.d.Blog-Redaktion:
*Wer den Stern-Artikel vom 31.05.2018 zum Foto gern lesen möchte, kann dies hier tun.
Flüchtlingskrise - Dieses Bild soll dem Sterben im Mittelmeer ein Ende bereiten
"Wenn wir solche Bilder nicht mehr sehen wollen, müssen wir aufhören, sie zu produzieren": Die Organisation Sea-Watch hat das Bild eines ertrunkenen Babys veröffentlicht, das auf der Flucht nach Europa ertrank. Es soll die EU dringend zum Handeln auffordern.
Horst Berndt, Juni 2018
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In Bremen ist am Sonntag erstmals in Deutschland ein Mahnmal enthüllt worden, das an die Flüchtlinge erinnert, die auf ihrem Weg nach Europa über das Mittelmeer ertrunken oder an anderer Stelle ums Leben gekommen sind. Auf Initiative der evangelischen Kirchengemeinde Arsten-Habenhausen entstand auf dem Friedhof der Gemeinde eine Bronzeskulptur des Bremer Künstlers Klaus Effern.

Hoffentlich entstünden auch noch an anderen Orten derartige Mahnmale, sagte in einem Gottesdienst der evangelische Theologe und Pro-Asyl-Gründer Jürgen Micksch. „Ähnlich wie die vielen Denkmale, die für die sinnlos Getöteten in den Weltkriegen errichtet wurden.“ Gemeindepastor Christian Schulken sagte dem „Evangelischen Pressedienst“, das Mahnmal sei ein Ort der Trauer und des Mitgefühls. Es könne die Opfer im öffentlichen Bewusstsein halten und die Verantwortung der Aufnahmeländer hinterfragen.
Die spendenfinanzierte Skulptur symbolisiert Meer und Wüstensand. Sie trägt die biblische Inschrift „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen“. Die Gedenkstätte entstand neben einem Mahnmal, das an die Opfer der beiden Weltkriege erinnert. „So soll zugleich das traditionelle Totengedenken in eine neue zeitgemäße Dimension hinein geöffnet werden“, ergänzte Schulken. (epd/mig) 
  Gedenkstätte für ertrunkene Flüchtlinge in Bremen. dpa. / Das Foto wurde vom Pouya-Blog hinzugefügt.*
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Anm.d.Blog-Redaktion:
*Für Interessierte hier  der Artikel der MK Kreiszeitung vom 03.06.2018, zum Foto.
Ort zum Trauern: Gedenkstätte für tote Flüchtlinge eingeweiht
Bremen - In Bremen ist am Sonntag eine Gedenkstätte für Menschen eingeweiht worden, die auf der Flucht nach Europa ertrunken sind.
Horst Berndt, Juni 2018
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Hier der Link zum Artikel vom Migazin vom 04.06.2018 >>>  

Migazin vom 04.06.2018
Den Behörden Beine machen
Das EuGH-Urteil zur Familien­zusammen­führung von Flüchtlingen
Der Europäische Gerichtshof hat im April 2018 den Familiennachzug von Eltern zu unbegleiteten Kindern maßgeblich erleichtert. Diese Entscheidung stellt die europarechtswidrige Praxis der Behörden auf den Kopf. Von Dr. Constantin Hruschka
Dr. Constantin Hruschka © privat, bearb. MiG 
Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat am 12. April 2018 im Urteil A und S den Familiennachzug von Eltern zu unbegleiteten Kindern maßgeblich erleichtert und dabei insbesondere die Frage geklärt, zu welchem Zeitpunkt die Person unter 18 Jahre alt gewesen sein muss.  
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Dr. Constantin Hruschka ist Senior Research Fellow am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik in München, unterrichtet Europäisches Recht und Europäisches Asylrecht an den Universitäten Bielefeld, München und Fribourg (Schweiz) und ist Mitglied der Eidgenössischen Migrationskommission EKM.
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In dogmatisch überzeugender Weise arbeitet der EuGH heraus, dass auf den Zeitpunkt der Asylantragstellung abzustellen ist. Ist also die Person unter 18 Jahre alt, wenn sie einen Asylantrag stellt, dann ist sie für die Familienzusammenführung auch dann als minderjährig anzusehen, wenn sie während des Asylverfahrens volljährig wird.
Dieses Urteil hat erhebliche Auswirkungen auf die deutsche Praxis des Familiennachzugs zu unbegleiteten Minderjährigen. Mit der Entscheidung bestätigt der EuGH seine zunehmende grundrechtliche Orientierung in Migrationsfragen.

Recht auf Familienzusammenführung

Unbegleitete Minderjährige sind seit Jahren ein wichtiges und wiederkehrendes Thema in der Debatte um das gemeinsame europäische Asylsystem. 
In der Regel geht es dabei um verschwundene Kinder oder um die Feststellung des Alters einer Person, die angegeben hat minderjährig zu sein. Gleichzeitig ist die Familienzusammenführung für Drittstaatsangehörige ein nicht nur in Deutschland kontrovers diskutiertes Thema. Der europa- und verfassungsrechtlich äußerst bedenkliche komplette Ausschluss der Familienzusammenführung für subsidiär schutzberechtigte Personen in Deutschland seit dem März 2016 ist hier nur eines von vielen rechtlich wie politisch ungeklärten Themen.
Ein Bereich, der beide Themenkomplexe verbindet, ist der sog. umgekehrte Familiennachzug, also der Nachzug von Eltern zu ihren drittstaatsgehörigen Kindern. Das Europarecht regelt diese Frage in der Familienzusammenführungsrichtlinie (RL 2003/86/EG)
Diese sieht vor, dass ein solcher umgekehrter Familiennachzug bei Drittstaatsangehörigen ermöglicht werden muss, wenn das Kind unbegleitet ist und als Flüchtling anerkannt wurde (Art. 10 Abs. 3 Buchst. a) der Richtlinie).
Vor der Entscheidung des EuGH war ungeklärt, welcher Zeitpunkt für den Familienzusammenführungsanspruch entscheidend ist. Also anders gesagt: Zu welchem Zeitpunkt muss die Person noch minderjährig sein, um den Anspruch auf eine Familienzusammenführung mit den Eltern zu haben?


Der vorgelegte Fall

Das zuständige niederländische Gericht (Rechtbank Den Haag) hatte in diesem Kontext dem Europäischen Gerichtshof eine Frage zu einem Fall vorgelegt, in dem eine während des Asylverfahrens in den Niederlanden volljährig gewordene eritreische Staatsangehörige nach ihrer Anerkennung als Flüchtling beantragt hatte, dass ihre Eltern (A. und S.) sowie ihre drei minderjährigen Brüder im Rahmen der Familienzusammenführung nachziehen dürfen. Der Anspruch auf Nachzug der Eltern hätte unstreitig bestanden, wenn die Tochter von A. und S. noch minderjährig wäre. Da sie aber im Laufe des Asylverfahrens volljährig wurde, war fraglich, zu welchem Zeitpunkt die Minderjährigkeit (noch) vorliegen muss, damit der Anspruch (weiter) besteht.

Die Eltern hatten geltend gemacht, dass es auf die Einreise ankäme, wohingegen die EU-Kommission der Meinung war, dass auf den Zeitpunkt des Antrags für die Familienzusammenführung abzustellen sei. Die polnische Regierung, die in dem Rechtsstreit interveniert hat, brachte vor, es sei auf den Zeitpunkt der Entscheidung über diesen Antrag abzustellen, während die niederländische Regierung mangels expliziter Regelung in der Richtlinie der Meinung war, dass es Sache des jeweiligen Mitgliedstaates sei, diesen Zeitpunkt zu bestimmen. Das vorlegende Gericht war der Meinung, dass grundsätzlich auf den Zeitpunkt der Einreise abzustellen sei.

Die Entscheidung des Gerichts

Wie in vielen anderen Fällen betont der EuGH zuerst, dass eine einheitliche europäische Lösung in der Regel in allen Fällen gefunden werden muss, in denen Richtlinien nicht ausdrücklich auf das nationale Recht verweisen.

Der Gerichtshof suchte also für seine Entscheidung nach einer „autonomen und einheitlichen Auslegung“ der fraglichen Bestimmung (Rn. 41), aus der sich ein eindeutiger Zeitpunkt ergibt, zu dem die Minderjährigkeit bestanden haben muss.

Dieser Zeitpunkt ist nach der Auslegung des Gerichtshofs der Zeitpunkt der Asylantragsstellung des unbegleiteten Kindes. Zu dieser Einschätzung kommt der Gerichtshof aus sehr grundlegenden rechtstaatlichen Erwägungen, die er unter anderem aus dem Gleichheitsgrundsatz ableitet. Überzeugend argumentiert der EuGH, dass es mit den Grundsätzen des Europarechts und insbesondere mit dem besonderen Schutz von Familien und speziell der Familieneinheit von unbegleiteten Minderjährigen nicht vereinbar wäre, wenn in zwei gleich gelagerten Fällen der Anspruch auf Familiennachzug davon abhinge, zu welchem Zeitpunkt die mit der Antragsprüfung befassten nationalen Behörden und Gerichte über den Antrag entscheiden (vgl. dazu insbesondere Rn. 56).
Darüber hinaus betont der Gerichtshof, dass der Grundsatz der Rechtssicherheit (als allgemeiner Grundsatz des Unionsrechts) es gebietet, dass für eine antragstellende Person nicht „völlig unvorhersehbar“ sein darf, ob ein Anspruch (hier der Familiennachzugsanspruch) besteht oder nicht (vgl. dazu Rn. 59).
Aus der weiteren Systematik des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems leitet der Gerichtshof ferner ab, dass es nicht auf den Einreisezeitpunkt ankommen kann, da eine Person, die Flüchtling im völkerrechtlichen Sinne ist, aber keinen Asylantrag stellt, auch keinen europarechtlichen Anspruch auf Familiennachzug hat, da dieser von der Anerkennung als Flüchtling abhängig ist.

Dass trotzdem nicht auf den Zeitpunkt der Entscheidung über den Asylantrag abzustellen ist, begründet der Gerichtshof überzeugend mit dem deklaratorischen Charakter der Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft.

Eine Person ist aus rechtlicher Sicht bereits Flüchtling, bevor sie als solcher anerkannt wird, daher entsteht ein subjektives also individuelles Recht auf Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft nach dem Europarecht bereits mit der Asylantragstellung (vgl. dazu Rn. 53f.).

Gemäß der Entscheidung des EuGH ist der Anspruch davon abhängig, dass die anspruchsberechtigte Person den Anspruch innerhalb einer „angemessenen Frist“ geltend macht.

Diese Frist lässt sich nach dem EuGH aus Art. 12 Abs. 1 der Richtlinie ableiten. Dieser ermöglicht es den Mitgliedstaaten die Familienzusammenführung zu Flüchtlingen von weiteren Bedingungen (wie Krankenversicherungsschutz und Lebensunterhaltssicherung) abhängig zu machen, wenn der Antrag nicht innerhalb von drei Monaten gestellt wird, vgl. dazu Rn. 61).

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass eine Person, die zum Asylantragszeitpunkt unbegleitet und minderjährig war und den Anspruch innerhalb von drei Monaten nach Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft beantragt, einen Anspruch auf umgekehrten Familiennachzug hat. 


Folgen der Entscheidung

Der Grundtenor der Entscheidung des EuGH ist eindeutig:

Der Gerichtshof misstraut den Mitgliedstaaten beim Schutz von Minderjährigen. Mehrfach betont der EuGH, dass bei einer anderen Auslegung, den Mitgliedstaaten durch verzögerte Bearbeitung der Anträge faktisch eine Möglichkeit gegeben wäre, die Verpflichtungen aus der Richtlinie zu umgehen. Der Gerichtshof hebt daher auch besonders hervor, dass die Familienzusammenführungsrichtlinie einen Anspruch auf den umgekehrten Familiennachzug für unbegleitete Minderjährige vorsieht, bei dessen Gewährung den Mitgliedstaaten kein Ermessen zukommt.

Sie müssen diesen Anspruch gewähren, wenn die Anspruchsvoraussetzungen vorliegen. Dies kann nur rechtsgleich und rechtssicher gewährleistet werden, wenn die Mitgliedstaaten keinen Einfluss auf den relevanten Zeitpunkt haben. Andernfalls könnten – so der EuGH – die Mitgliedstaaten, durch mangelnde Ressourcenzuweisung für die Behörden und Gerichte, durch die nicht vorrangige Behandlung von Asylanträgen von unbegleiteten Kindern oder auch einfach aufgrund äußerer Umstände (wie einer plötzlichen Zunahme von Asylanträgen) daran gehindert sein, ihrer Verpflichtung zum besonderen Schutz der Familieneinheit von unbegleiteten Minderjährigen nachzukommen.

Das Misstrauen des EuGH gegenüber Mitgliedstaaten in diesem Bereich ist groß und wohl nicht vollkommen ungerechtfertigt.
Für den deutschen Kontext bedeutet die Entscheidung, dass die bisherige Praxis, die von einem Erlöschen des Anspruchs auf Familiennachzug mit Erreichen der Volljährigkeit ausgeht, komplett geändert werden muss.
Bislang musste die Einreise der nachziehenden Person(en) erfolgt sein, solange die Person noch minderjährig ist. Interessanterweise ist dieser Zeitpunkt lediglich in Ansätzen von der niederländischen Regierung vorgebracht worden, die die Bestimmung des Zeitpunkts den Mitgliedstaaten überlassen wollte. Aus rechtspolitischer Sicht ist zumindest nicht leicht nachvollziehbar, warum die Bundesregierung in diesem Fall nicht ebenfalls interveniert hat.

Die europarechtswidrige Praxis der Behörden muss nunmehr entsprechend korrigiert werden. Diese Korrektur muss praktisch wirksam sein. In vielen Fällen wird dabei eine Rücknahme des rechtswidrigen Bescheids allein nicht ausreichen. Für behördlich zu Unrecht verweigerte Nachzüge könnte die Frage des Zeitpunkts der Stellung des Antrags auf Familiennachzug relevant sein, da der EuGH dafür drei Monate nach Zuerkennung des Schutzstatus für angemessen hält, ohne dass dies sich direkt aus der Richtlinie ergeben würde. Rechtlich interessant sind auch die Konstellationen, in denen eine Person während des Asylverfahrens volljährig wurde und wegen der deutschen Praxis auf einen Familiennachzugsantrag verzichtet hat. Hier könnte beispielsweise an eine Übergangsfrist zur nachträglichen Beantragung des Familiennachzugs gedacht werden, die verfahrensrechtlich so ausgestaltet sein müsste, dass der Familiennachzug tatsächlich ermöglicht wird. Das bedeutet, dass die Person beantragen sollte, so gestellt zu werden als ob ihr gerade erst die Flüchtlingseigenschaft zuerkannt worden wäre und daher der Nachzugsantrag noch rechtzeitig gestellt werden kann.

In der Sache begnügt sich der EuGH nicht allein damit, den Mitgliedstaaten die Entscheidung über den relevanten Zeitpunkt, zu dem die Minderjährigkeit bestehen muss, zu entziehen, um so den Rechtsverlust durch eine verzögerte Bearbeitung von Asyl- und/oder Familiennachzugsanträgen zu verhindern. Er betont darüber hinaus eines der wichtigsten Grundprinzipien des Schutzes unbegleiteter Minderjähriger:

Die Asylanträge von Kindern sind vorrangig zu prüfen. Daher müssen die Behörden die Asylverfahren in diesen Fällen besonders schnell und effizient durchführen.


Insgesamt folgt der EuGH seiner Tendenz, die europarechtlichen Spielräume der Mitgliedstaaten im Migrationsbereich durch eine grundrechtskonforme und grundrechtssensible Auslegung der Bestimmungen von Richtlinien und Verordnungen Rechnung zu tragen.

Durch die Betonung des vorrangig zu beachtenden Kindeswohls zeigt der EuGH zum wiederholten Male den Mitgliedstaaten die grundrechtlichen Grenzen ihrer Möglichkeiten zur restriktiven Auslegung der europarechtlichen Regelungen zu Migration und Asyl auf.

Diese Entwicklung hin zu einer einheitlichen, an den Grundrechten orientierten Auslegung, die spätestens seit der Entscheidung C.K. im Asylbereich klar feststellbar ist, kann als Fortschritt auf dem Weg zu einem grundrechtlich unterfütterten Migrationsregime in Europa angesehen werden.

Die Entscheidung steht damit auch gegen den Trend zu einer immer restriktiveren Politik gegenüber international Schutzberechtigten, die sich aktuell insbesondere in den nationalen Debatten in den Mitgliedstaaten und in den Diskussionen um die Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems zeigt.

Hier der Link zum Artikel vom Migazin vom 04.06.2018 >>> 

Die Würde aller Menschen ist unantastbar.
Universales Gesetz für den gesamten Erdkreis.

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