SPON: Elf Kinder sterben bei Anschlag auf Nato-Konvoi // H. Berndt: Zum SPON-Artikel: Wortwahl und Fotos // Anm.d.Blog-Redaktion: Tägliches Leben in Kabul // H. Berndt: Ein Beispiel, wie das ZDF zu den Anschlägen berichtet // Thomas Ruttig im Interview mit der FR: „In Afghanistan gibt es keine sicheren Gebiete“

Terror in Afghanistan

Elf Kinder sterben bei Anschlag auf Nato-Konvoi

Das Ziel waren offenbar Nato-Soldaten, doch der Anschlag im südafghanischen Kandahar forderte vor allem zivile Opfer, darunter viele Kinder.

Nato-Soldaten nahe Kandahar (Archivbild) 
Im Süden Afghanistans hat ein Selbstmordattentäter mindestens elf Kinder mit in den Tod gerissen. Bei dem Anschlag nahe einer Moschee mit Schule in der Provinz Kandahar wurden zudem 16 weitere Menschen verletzt, wie ein Polizeisprecher mitteilte.

Unter den Verletzten im Distrikt Daman seien neun Zivilisten, zwei Polizisten sowie fünf rumänische Soldaten, hieß es. Die Autobombe explodierte demnach, als ein ausländischer Militärkonvoi an der Moschee vorbeifuhr.

Die Nato-Mission Resolute Support (RS) teilte per E-Mail mit, sie sei von dem Vorfall unterrichtet worden. Die radikalislamischen Taliban und die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) äußerten sich zunächst nicht zu dem Anschlag.

 Die zweite Explosion in Kabul galt Journalisten,
die über den Anschlag berichten wollten. dpa

Wenige Stunden zuvor hatte bereits ein schwerer Doppelanschlag die Hauptstadt Kabul erschüttert, den die IS-Miliz für sich reklamiert. Zwei Selbstmordattentäter zündeten ihre Sprengsätze zeitversetzt. Dutzende Helfer und Journalisten wurden Opfer der zweiten Detonation, als sie den Opfern der ersten Explosion helfen und über das Attentat berichten wollten.

Die Zahl der Toten wird bislang mit 25 beziffert, acht von ihnen waren Medienvertreter. Der zweite Selbstmordattentäter hatte sich offenbar als Journalist getarnt und sich in einer Gruppe von Reportern in die Luft gesprengt. Einer der Getöteten arbeitete für die britische BBC. Der Sender in London gab am Nachmittag den Tod seines lokalen Mitarbeiters Ahmad Shah bekannt.
cht/dpa/AP/Reuters

Hier der Link zum Artikel von Spiegel-Online vom 30.04.2018 >>> 
Elf Kinder sterben bei Anschlag auf Nato-Konvoi / Spiegel-Online v. 30.04.2018


Dazu >>  

Anm.d.Blog-Redaktion:

 Wortwahl und Fotos

Warum titelt SPON im Beitrag mit "Terror in Afghanistan"? Passender wäre es wohl von Krieg zu schreiben. Nur sehr wenige Medien benutzen diese mittlerweile vollkommen korrekte Wortwahl. Unsere Medien denken vielleicht, es ist ja kein Krieg, wie wir ihn aus vergangenen Zeiten kennen, wo Staaten noch Kriegserklärungen verschickt haben. Diese Art der Handhabung gehört längst der Vergangenheit an.

Die asymmetrische Kriegsführung ist nichts anderes als Krieg. Daher sollten unsere Medien es auch so benennen.

Terror ist es zumindest in Afghanistan nicht. Schon lange nicht mehr. Was auch auffällt bei sehr vielen deutschen Medien: Es wird über schwere Anschläge berichtet und dann werden oftmals Fotos gezeigt, die nicht im Entferntesten etwas mit dem Anschlag zu tun haben. Sicherheitskräfte auf Patrouille z.B. Wir wollen sicherlich keine Horrorbilder im Artikel haben. Aber Fotos, die uns mindestens einen annähernd relevanten Eindruck vermitteln, was im Text ja schon zu lesen steht, wäre bestimmt angemessen.

Wenn man es genau nimmt, um den Schrecken abzubilden, den wir uns hier in den westlichen Gesellschaften gar nicht mehr vorstellen können, kann man sicher darüber diskutieren ob es nicht sogar richtig wäre, das zu präsentieren was wirklich war, dies auch in Form von entsprechender Fotos.

Eine Vorab-Warnung für den geneigten Leser kann ja im Artikel platziert werden. Wir hatten diese Diskussion in der Blog-Redaktion auch schon gehabt. Das zweite Foto, das wir hier im SPON-Artikel sehen, vermittelt uns schon einen etwas klareren Eindruck, wenn wir dieses Foto mit dem ersten Foto im Artikel vergleichen.
Horst Berndt, Mai 2018


Was wir uns mal ansehen sollten - wöchentlich/tägliches Leben in Kabul
Hinweis: Diese Fotos sind eine sehr klare Abbildung dessen, was wirklich passiert ist, wobei Fotos natürlich nur Momentaufnahmen sind.

Anschlag in Kabul/ Foto von Jawed Dostan via Facebook eingestellt 

Hier der Text von Jawed Dostan zu den Fotos, die wir hier präsentieren >>> 

30.4.2018.
حداقل 25 ‌کشته و بیش از 45 زخمی در اثر دو انفجار در شش درک کابل.
Bei 2 selbstmorAnschläge in Kabul sind 25 Menschen getötet und 45 verletzt worden. Unter den Toten befinden sich viele Journalisten.
در پی وقوع دو انفجار مهیب که‌ صبح امروز در منطقه شش درک کابل رخ داده است،تا کنون حداقل 25 نفر کشته و بیش از 45 نفر زخمی شده اند.
برداران ناراضی اشرف غنی میخواهند از روی جنازه های کابلیان به بهشت بروند؟؟؟؟!
30.4.2018.
Mindestens 25 Tote und mehr als 45 verletzte bei zwei Explosionen in von Kabul.
Bei 2 selbstmorAnschläge in Kabul sind 25 Menschen getötet und 45 verletzt worden. Unter den Toten befinden sich viele Journalisten.
Im Falle von zwei verheerenden Explosionen, die heute in Kabul stattgefunden haben, wurden mindestens 25 Menschen getötet und mehr als 45 Menschen verletzt.
Brüder ashraf ghani will aus dem Volk von Kabul in den Himmel kommen.

Anschlag in Kabul/ Foto von Jawed Dostan via Facebook eingestellt 

Anschlag in Kabul/ Foto von Jawed Dostan via Facebook eingestellt 

Der Link auf den Original-Post von Jawed Dostan >>>
https://www.facebook.com/jawed.dostan/posts/996820527132784

Anm.d.Blog-Redaktion:
Wir können uns wahrscheinlich nicht einmal vorstellen, wie es als Afghane ist, wenn man nicht weiß, ob man überhaupt heil nach Hause kommt, wenn man nur das Haus verlässt. Man weiß auch nicht ob die eigenen Kinder lebendig von der Schule nach Hause kommen. Selbst wenn wir diese Fotos sehen, können sich viele Menschen gar nicht wirklich in die Lage der Afghanen versetzen.

Deshalb halten wir es für notwendig, die Berichterstattung über solche Kriege, nicht nur in Afghanistan im Übrigen, etwas klarer und schonungsloser zu präsentieren. Gerade viele Europäer wissen doch überhaupt nicht, was es bedeutet tagtäglich unter dieser massiven Bedrohung des Lebens zu existieren.
Horst Berndt, Joachim Spehl, Mai 2018



ZDF vom 30.04.2018 (12:53 Uhr)
Hier ein Beispiel, wie das ZDF über solche Anschläge berichtet (H. Berndt)

Titel vom ZDF:
Bei Selbstmordanschlag - Kinder in Afghanistan getötet
 Bei einem Selbstmordanschlag im Süden Afghanistans hat ein Attentäter mindestens elf Kinder mit sich in den Tod gerissen.

Bei Bombenexplosion im Süden Afghanistans wurden Kinder getötet.
Quelle: Saifurahman Safi/Xinhua/dpa
Im Süden Afghanistans hat ein Selbstmordattentäter mindestens elf Kinder mit in den Tod gerissen. Bei dem Anschlag nahe einer Moschee in der Provinz Kandahar wurden zudem 16 weitere Menschen verletzt, wie örtliche Behörden mitteilten.

Unter den Verletzten im Distrikt Daman seien neun Zivilisten, zwei Polizisten sowie fünf rumänische Soldaten, hieß es. Die Autobombe explodierte demnach, als ein Militärkonvoi an der Moschee vorbeifuhr. Die Taliban äußerten sich zunächst nicht zu dem Anschlag.
Quelle: dpa

Hier der Link zum Artikel vom ZDF vom 30.04.2018 >>> 


Thomas Ruttig im Interview mit der
Franfurter Rundschau (26.04.2018)

Abschiebungen

 „In Afghanistan gibt es keine sicheren Gebiete“

Experte Thomas Ruttig spricht im Interview mit der FR über die Lage in Afghanistan, die Rolle von Taliban und IS und warum der Friedensprozess nicht in Gang kommt.




Familienangehörige und Verwandte nehmen an der Beerdigung eines Opfers eines Selbstmordattentats in der afghanischen Hauptstadt Kabul teil. Foto: dpa
Die politische Debatte über Afghanistan wird hierzulande durch die Debatte über Abschiebungen dominiert. Ist das gerechtfertigt?

Nur teilweise. Das Flüchtlingssituation, die hierzulande monatlich durch die Abschiebeflüge wie am Dienstagabend in die Schlagzeilen gerät, ist nur eine Schwierigkeit in dem asiatischen Land.
"Dort herrscht Krieg, was die Bundesregierung lange abgestritten hat."
Dieser Krieg hat sich intensiviert und ist brutaler geworden, seit dem Ende der Isaf-Mission und dem damit verbundenen Abzug der internationalen Kampftruppen Ende 2014. Inzwischen kontrollieren die Taliban wieder so große Regionen wie seit dem Ende des Taliban-Regimes Ende 2001 nicht mehr.

Die Bundesregierung behauptet nach wie vor, es gäbe auch sichere Regionen. Wie sehen Sie das?

Die gibt es nicht. Die Bundesregierung und andere europäische Staaten reden sich die Lage schön, damit sie abschieben können.

Bis 2015 bestand in Deutschland ein Abschiebe-Moratorium. Als es beendet wurde, eskaliert der Krieg, also eigentlich ein Grund mehr für solch ein Abschiebestopp. Außerdem erneuerte jüngst das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen seine Einschätzung, dass es in Afghanistan keine Binnenflucht-Alternativen gibt. Übersetzt heißt das:

Dort gibt es keine sicheren Gebiete.



Wie reagieren Afghaninnen und Afghanen auf die Abschiebungen?
Die Abschiebungen aus Europa spielen dort in der Öffentlichkeit kaum eine Rolle. Seit 2016 hat Deutschland 198 Afghanen abgeschoben. Die Nachbarländer Pakistan und Iran schickten gleichzeitig mehrere Hunderttausend im Jahr zurück. Das ist ein große Belastung für das Land. Deshalb fragen sich viele, warum europäische Staaten noch dazu beitragen – und der afghanischen Regierung damit drohen, Hilfen zu kürzen, falls sie nicht kooperiere.
Die Taliban und andere aufständische Gruppen haben die Zahl der Anschläge dramatisch erhöht. Warum kommt der Friedensprozess nicht in Gang, obwohl es Gesprächsangebote an die Taliban gibt und dafür auch ehemalige Warlords wie Hekmatyar rehabilitiert wurden?

Da muss man zurück an den Anfang des internationalen Einsatzes. Die Taliban wurden nach dem Sieg über sie Ende 2001 politisch nicht eingebunden. Vor allem die US-Regierung zwang die afghanische Regierung dazu. Erst als die Taliban wiedererstarkten und deutlich wurde, dass sich dieses Problem militärisch nicht lösen lässt, gab es Versuche, mit den Aufständischen Gespräche zu führen. Das war dann zu spät. Schließlich hatte man die Taliban verfolgt und viele getötet, auch Unschuldige. So etwas wird in Afghanistan nicht so schnell vergessen.

Die Gespräche mit den Taliban sind aber ein guter Vorschlag?

Nur weil der Westen eine gute Idee hat, heißt das nicht, dass alle anderen sofort einschlagen. Derzeit eskaliert der Konflikt erneut. Die Taliban haben offiziell ihre Frühjahrsoffensive gestartet. Auch die Regierung Trump eskaliert, setzt mit ihrer angeblich neuen Strategie aber lediglich die alte fort und versucht mit weniger Soldaten als früher die Taliban militärisch an den Verhandlungstisch zu zwingen. Die alten Fehler werden wiederholt. Das erhöht nicht die Chancen auf einen Friedensprozess. 

Hat die Rehabilitation von Hekmatyar gar nichts bewirkt?

Es gibt in Afghanistan verschiedene Bewegungen, die gegen die Regierung in Kabul und – in ihren Worten – die ausländische Besatzung kämpfen. Die Islamische Partei Hekmatyars, die bereits gegen die Sowjets kämpfte, war die zweitgrößte Gruppe. Hekmatyar wollte mit seinem Kampf Druck ausüben, um in die Regierung aufgenommen zu werden. Das ist dann auch erfolgt. Aber der Friedensdeal mit Hekmatyar ist in Afghanistan höchst umstritten, weil er als Schlächter bekannt ist. Die Taliban hingegen wollen die ausländischen Soldaten aus dem Land drängen und dann eine neue Regierung. Verhandlungen mit ihnen sind dennoch nicht aussichtslos, weil auch ihnen klar sein muss, dass sie militärisch nicht gewinnen können. Sollte dieser Friedensprozess beginnen, dann wird es allerdings lange dauern.

Welche Rolle spielt der IS in Afghanistan?

Es ist eine eher kleine Gruppe, die mit Anschlägen Menschen töten und die Unsicherheit erhöhen. Strategisch spielen er keine Rolle.

Ein weiterer Versuch den Konflikt in Afghanistan zu entschärfen war, die Nachbarstaaten an einen Tisch zu bringen. Es gab auch das ein oder andere Treffen. Warum ist dabei so wenig Positives herausgekommen?
Ein möglicher Friedensprozess in Afghanistan muss verschiedene Elemente haben. Dazu gehört zum einen der erwähnte innerafghanische Dialog. Dies muss begleitet werden durch Garantien der Nachbarn und einflussreicher Regionalmächte

In Süd- und Zentralasien werden viele Regionalkonflikte auch in Afghanistan ausgetragen. Im einzelnen sind das die Konflikte zwischen Pakistan und Indien, den USA und Iran oder auch die Rivalitäten zwischen Russland und China um mehr Einfluss in dieser Region.

Eine weitere Hoffnung war, dass sich die afghanische Wirtschaft besser als bisher entwickelt. Diese Hoffnungen wurden genährt durch chinesische Projekte, aber auch durch die geplante „neue Seidenstraße“, bei der Afghanistan auch eine Rolle spielen sollte.

Da gibt es zwei Probleme. China will Afghanistan an die „Neue Seidenstraße“ anbinden, aber das Land ist nur ein Seitenstrang. Auch will Pakistan das verhindern. Zweitens stehen bei wirtschaftlicher Entwicklung meist nur Großprojekt im Fokus. Die dauern zu lange und sind oft auch unrealistisch.

Was ist mit Rohstoffen oder Erdgasleitungen?

Afghanistan verfügt nicht über die nötige Infrastruktur. Die Gewinne würden in korrupten Kanälen verschwinden. Außerdem gibt es große ökologische Probleme. Der Klimawandel macht Afghanistan sehr zu schaffen;das Land trocknet aus. Für den Abbau von Rohstoffen ist Wasser aber wichtig. Die Kupfermine, die die Chinesen anstreben, würde so viel Wasser benötigen, das es die ohnehin prekäre Landwirtschaft schädigen würde. Doch all diese Projekte verhindert der Krieg. Solange gekämpft wird, wird es nicht vorangehen.

Hört sich alles zusammen genommen nicht gut an. Was kann und muss dennoch unternommen werden, um aus dieser Situation herauszukommmen?

Der Westen hat in Afghanistan an Einfluss verloren. Doch die Nachbarstaaten haben kein großes Interesse daran, sich dort zu engagieren und das vom Westen angerichtete Schlamassel aufzuräumen. China beispielsweise hält sich deshalb zurück. Die westlichen Staaten – und hier vor allem die USA – werden zunächst sicher so weiter machen wie bisher, weil das Problem zu groß geworden ist, um es einfach fallen zu lassen.

Was sagen Sie denen, die sagen: Lasst uns abziehen. Der Schlamassel ist so groß und unser Einfluss so gering, lasst uns das Geld lieber für Besseres ausgeben.
Das ist eine haushaltspolitische Erwägung. Aber nach einem fast 17-jährigen Engagement hat man auch eine politische Verantwortung. Wenn man zugibt, dass nicht nur Teil der Lösung gewesen ist, sondern auch Teil des Problems, dann ist man dazu verpflichtet, sich weiter zu engagieren und die Probleme lösen zu helfen, statt ein Chaos zu hinterlassen.    
Interview: Andreas Schwarzkopf

 Thomas Ruttig

Thomas Ruttig ist Ko-Direktor des Afghanistan Analysts Network (AAN). Über die aktuelle Lage in Afghanistan informiert er während der Veranstaltung „The Poetry Project: Unter den Trümmern des Krieges“ am Samstag, 28. April 2018, 19 Uhr. Dazu laden Medico International und FR in die Lindleystraße 15 in Frankfurt am Main ein.

Hier der Link zum Artikel der Frankfurter Rundschau vom 26.04.2018 >>> 


 Die Würde aller Menschen ist unantastbar.
Gesetz für den gesamten Erdkreis.

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