Spiegel-Online(09.05.2018) - Demo in Ellwangen - Die Brüder des Togoers // Dazu > Anm.d.Blog-Redaktion: Glaubhaft!? // Thomas Ruttig-Blog (09.05.2018) Armutsrate in Afghanistan wieder auf unmittelbarem Nach-Taleban-Stand (und neue Anschläge in Kabul) // Dazu > Anm.d.Blog-Redaktion: Afghanistan - und kein Ende!

Spiegel-Online vom 09.05.2018  Demo in Ellwangen

 Die Brüder des Togoers

Nach der missglückten Abschiebung in Ellwangen schildern die Flüchtlinge ihre Sicht der Dinge. Sie sprechen über Frust, Hoffnungslosigkeit - und die Nacht, in der sich das alles Bahn brach.
Von Jean-Pierre Ziegler

 Demonstrierende Flüchtlinge in Ellwangen
Die Nachmittagssonne scheint auf Ellwangen, als die Rufe durch die Gassen des Städtchens hallen. "We did not fight the police", ruft ein Mann ins Mikrofon. Mit ihm laufen 200 Menschen durch das Zentrum der Kleinstadt in Baden-Württemberg. Sie wollen sich Gehör verschaffen, ihre Sicht der Dinge verbreiten.

Ellwangen - das ist eigentlich kein Name mehr für eine Stadt, sondern Chiffre geworden. Für eine Abschiebung, die in der Nacht zum vorvergangenen Montag misslang. Für den Rechtsstaat, der angeblich kapituliert. Für die Antwort der Polizei, für Sturmhauben und kugelsichere Westen. Und für eine Debatte, in der die Flüchtlinge zu spät zu Wort kamen.

Dieses Gefühl haben hier zumindest viele, auch Isaiah Ehrauyi. Er steht auf dem Marktplatz in Ellwangen. Ein kleiner, kräftiger Mann, 24 Jahre alt. Seit sechs Monaten lebt er in der Unterkunft, wo Polizisten die Abschiebung unterbrachen. Ehrauyi verließ seine Heimat Nigeria, um hier ein besseres Leben aufzubauen, wie er auf Englisch erzählt.

Er hat die Demonstration organisiert. "Wir wollen der Gesellschaft sagen, dass wir die Polizisten nicht angegriffen haben." Er war dabei, in jener Nacht. Niemand habe ein Auto beschädigt, man habe den Wagen auch nicht umringt. Die Polizei stellt das anders dar.
 Isaiah Ehrauyi
Wie erklärt er sich, dass Polizisten sich bedroht fühlten? "Vielleicht hatten sie Angst, weil wir so viele waren", sagt er. Doch auch hier will er etwas korrigieren: 
Er sagt, dass nicht 150 Migranten vor dem Haus standen, sondern maximal 40. Man habe friedlich protestiert, Nein gerufen. "Wir wollten verhindern, dass unser Bruder nach Italien abgeschoben wird", sagt er.
Bruder - so nennen hier viele jenen 23-jährigen Togoer, der nun in Abschiebehaft sitzt. Ehrauyi sagt das nicht, weil er den Mann so gut kennt. Sondern weil er weiß, wie das ist. Diese Furcht, die ihn nachts nicht schlafen lässt. Die in seine Gedanken kriecht und die einen Namen hat: Dublin.

Die Dublin-Regelung sieht vor, dass das Land, in dem Migranten zum ersten Mal europäischen Boden betreten haben, für das Asylverfahren zuständig ist -meist Italien. "95 Prozent der Afrikaner hier sind Dublin", sagt Ehrauyi. 

Drei Narben, kurz und dick

Dublin, Ehrauyi spuckt das Wort fast aus. Nach Italien wolle er nicht, dort gebe es keine Jobs. Die Flüchtlinge, sagt er, schlafen dort auf der Straße. "Dublin, dieses Gesetz frisst mich auf", sagt er.
Weil es zerstört, wofür er kam. Wofür er so viel aufgab. Er floh über Libyen, wo ihm Schlimmes widerfahren sei. Er könne jetzt sein T-Shirt lüften, dann würde man die Narben sehen, sagt er, dann könne man sehen, was die Araber ihm angetan hätten.

Doch man sieht die Narben auch so, hier auf dem Marktplatz von Ellwangen, wo die Kastanienbäume pink blühen, wo der Maibaum 34 Meter hoch ist. Drei Narben, kurz und dick, ziehen sich über seinen Hals. Jede ist ein bisschen größer als die andere, wie Adidas-Streifen auf einem Schuh.

Ehrauyi sagt, dass er in Libyen solange Autos wusch, bis er die Überfahrt nach Italien bezahlen konnte. Sein bester Freund, sagt er, sei im Mittelmeer ertrunken. "Und jetzt wollen sie mich dahin zurückschicken?" Auch Ehrauyi hat eine Duldung.


Man weiß, was die Polizisten sahen in jener Nacht. Eine Bedrohung, Menschen in der Überzahl, die nicht einverstanden sind mit dem, was die Beamten vorhaben.

Und was sah Ehrauyi? Er sah Dublin. Doom-Doom, so klingt es wegen seines Akzents, wenn er das Wort schnell ausspricht. Doom, wie Untergang. Als er sah, wie der Togoer abgeschoben werden sollte, dachte Ehrauyi: "Morgen bin ich dran".

Hier der Link auf den Spiegel-Artikel vom 09.05.2018 >>>
Demo in Ellwangen. Die Brüder des Togoers


Anm.d.Blog-Redaktion:
Glaubhaft!?
Einige Artikel habe ich nun in den letzten Tagen über die Vorfälle in Ellwangen gelesen. Ich muss sagen: "Die Darstellungen der Polizei und einiger bekannter Medien sind schon sehr interessant. Wenn, wie woanders schon erwähnt, die Polizei die Türen zu den Zimmern der Flüchtlinge mit Gewalt geöffnet werden mussten, dann ist das schon etwas merkwürdig, denn die Türen in dem Internierungslager sind nicht verschließbar. Warum wird dann von gewaltsamer Öffnung gesprochen. Der Gewalt die von den Flüchtlingen ausgehen soll, wurde ebenfalls massiv wider-  sprochen. Ich bleibe sehr skeptisch, wenn ich unserer Polizei zuhöre, die Gründe dafür liegen klar in der jüngsten Vergangenheit."
Horst Berndt, Mai 2018

Thomas Ruttig-Blog vom 09.05.2018
Armutsrate in Afghanistan wieder auf unmittelbarem Nach-Taleban-Stand (und neue Anschläge in Kabul)
Heute eine kurze Zusammenfassung eines so großen Themas, dass sie eigentlich in allen Medien Spitzenmeldung sein müsste. Aber Sie können ja mal nachsehen, wo das gelaufen ist.

Zu den gerade – vor wenigen Minuten – stattgefundenen Anschlägen in Kabul (sechs Explosionen in zwei Stadtteilen, Dascht-e Bartschi und Schahr-e Nau) mehr, wenn wir mehr wissen. (Anm.d.Blog-Redaktion: über die von Thomas Ruttig angesprochenen Anschläge berichtete auch der Pouya-Blog)

Der Anschlag in Kabul (9.5.18) Fotos: Twitter. 
Also:

Die Armutsrate in Afghanistan liegt nun bei 54,5 Prozent. Das geht aus einem neuen Bericht des afghanischen Statistikamtes (Afghanistan Living Conditions Survey (ALCS) – hier (Anm.d.Blog-Redaktion: Link korrigiert!)) hervor, der in Zusammenarbeit mit der EU, Weltbank und dem afghanischen Wirtschaftsministerium erarbeitet und am 2. Mai veröffentlicht wurde. Der letzte verfügbare Wert – von 2011/12 – lag bei 38,3 Prozent.

Das heißt mehr als jeder zweite Afghane/Afghanin lebt unter der Armutsgrenze. Und das heißt, dass jeder Mensch ein US-Dollar pro Tag zur Verfügung hat. (1)
Über den gleichen Zeitraum stieg der Anteil der Afghanen, die in „Nahrungsmittelunsicherheit“ leben (früher Hunger genannt), von 30,1 auf 44,6 Prozent. Das bedeute, so der Bericht, dass „mehr Menschen gezwungen sind, ihr Land zu verkaufen, ihre Kinder aus der Schule zu nehmen um zu arbeiten oder von Nahrungsmittelhilfe abhängig sind“.
Der Bericht war im übrigen schon länger fertig, aber die afghanische Regierung sprich Präsident Aschraf Ghani – überlegte noch, ob er wirklich veröffentlicht werden sollte.

Die Rate von 55% liegt mehr als drei Prozent über der Rate unmittelbar nach dem Sturz der Taleban von 51,4 Prozent (2003). Das war, nachdem die Politik ihres Regimes, aber auch das Fehlen von Entwicklungsgeldern (nur humanitäre Nothilfe war möglich) zu einer Verarmung des Landes geführt hatte. 2003 waren noch nicht so viele Mittel nach Afghanistan geflossen, als dass es sich bereits deutlich positiv auf diese Rate niedergeschlagen hatte. (Wir bei AAN haben bisher auch noch keine Zahlen für 20001 oder 2002 gefunden.)

2011/12 stand die Rate bei 35,8 Prozent (mehr Zahlen hier). Interessanterweise war das auch das Jahr mit den bisher höchsten Entwicklungszahlungen an Afghanistan, sowie nach dem Ende des sogenannten Stabilisierungsparadigmas, d.h. dass solche Gelder v.a. zur Stabilisierung in Taleban-beeinflussten Gebieten flossen, und zwar der Löwenanteil über das Militär (ja nicht gerade ein erfahrener Entwicklungsakteur). Seither waren diese Zahlungen, parallel zum westlichen Truppenrückzug, stark zurückgegangen. Einem neuen Bericht von Oxfam und des Schwedischen Afghanistan-Komitees zufolge erhielt Afghanistan 2011 6,867 Mrd US-Dollar und nur noch 4,239 Mrd 2015. Die Weltbank schätzt, dass der Jahresdurchschnitt von zur Verfügung stehender Hilfe von 8,8 Mrd US-Dollar von 2009 bis 2012 auf 8,8 Mrd US-Dollar fiel. 

(Hier sind offenbar auch andere Zahlungen einbegriffen, wahrscheinlich für Zwecke wie Reform der Sicherheitskräfte, die traditionell nicht als Entwicklungszusammenarbeit gezählt wurden, inzwischen aber auf Druck der Geber schon. Zahlen zu Afghanistan sind ohnehin oft widersprüchlich, selbst bei einzelnen Quellen wie der Weltbank.)

Dadurch war auch das afghanische Wirtschaftswachstum stark gefallen, und zwar auf einen Wert unter dem Bevölkerungswachstum.
 Übernommen aus dem Thomas Ruttig-Blog

Im übrigen schrieb der Weltbankdirektor für Afghanistan, Shubham Chaudhuri (hier), diese neuen Zahlen seien „kein Grund zur Verzweiflung, sondern ein Aufruf zu Taten.“ Das kann nur jemand sagen, der die Lebenssituation der 55 Prozent Armen in Afghanistan nicht kennt, denn die ist wirklich zum Verzweifeln.

Präsident Ghani nannte diese Zahl eine „Schande“ (hier).
Stimmt, es ist eine Schande für ihn – denn er ist ja nicht nur seit 2014 Präsident dieses Landes, sondern war auch vorher schon ein Schlüsselmitglied der Regierung. Ihm ist es nicht gelungen, die endemische Korruption auch nur ansatzweise einzudämmen.
Teil seiner Schande ist es auch, dass er jetzt wieder ein massives Arbeitsbeschaffungsprogramm ankündigte. Wie Reuters meldete (Anm.d.Blog-Redaktion: Link korrigiert), erklärte Ghani ein paar Tage früher, seine Regierung habe das zu einer ihrer Prioritäten gemacht und wolle innerhalb dreier Jahre 2,1 Millionen Arbeitsplätze schaffe. Allerdings hatte er diese Prioriät auch bereits gleich nach seiner Amtsübernahme 2014 verkündet, ohne dass sich bisher sichtbares getan hatte. Zudem müssen im nächsten Jahr Präsidentenwahlen stattfinden, so dass unklar ist, ob das danach überhaupt noch sein Job sein wird.

Es ist aber auch eine Schande für die Geberländer, die es nicht geschafft haben, trotz Milliardenausgaben zu verhindern, dass Afghanistan wieder auf Taleban-Standard gesunken ist.

(1) Genauer gesagt liegt die Armutsgrenze eines Landes bei der nationalen Norm, die beschreibt, wie viel ein Mensch aufwenden muss, um seine Grundbedürfnisse zu stillen, einschließlich einer Nahrungsmenge, die 2,100 Kilokalorien am Tag entspricht, dazu Kosten für Unterkunft, Kleidung, Bildung und Transport. 2016-17 lag die afghanische Armutsgrenze bei 2064 Afghani pro Person und Monat, etwa ein US-Dollar pro Tag.
Logo of the new European Campaign against Deportations to Afghanistan

Hier der Link zum Artikel von Thomas Ruttig vom 09.05.2018 >>> 

Anm.d.Blog-Redaktion:

Afghanistan - und kein Ende!

Wenn man sich den Artikel von Thomas Ruttig aufmerksam durchliest, ergeben sich daraus Fragen. Warum ist das Land Afghanistan selbst mit Hilfe von Geber-Ländern nicht in der Lage, bestimmte, wenn auch nur kleine Fortschritte im Laufe von Jahren zu generieren?  Hat die afghanische Regierung überhaupt ein echtes Interesse, eine bessere Existenzgrundlage für die Menschen im Land zu schaffen? Wie will man eine bessere Existenzgrundlage auf allen relevanten Ebenen schaffen, wenn man sich nicht mit den Taliban und vielleicht auch mit anderen Gruppierungen die derzeit eher mit Terror im Land präsent sind, an den Tisch setzt, um zu reden?
Horst Berndt, Mai 2018

Die Würde aller Menschen ist unantastbar.
Gesetz für den gesamten Erdkreis.

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