Laut UN befindet sich Afghanistan wieder im Krieg - Jürgen Webermann im Interview - Dazu: Säuglingssterblichkeit - Tägliche Dramen in Kabuls Kinderklinik // Wir trauern um Lamin aus Passau // Ursula von der Leyen über den Irak-Einsatz und die militärische Präsenz in Afghanistan - Dazu: Die Bundeswehr soll noch länger in Afghanistan bleiben? (Jürgen Todenhöfer)

Laut UN befindet sich
Afghanistan wieder im Krieg

Im Radio-Interview mit Bayern2 wird sehr deutlich, wie katastrophal die Lage in Afghanistan ist. Jürgen Webermann präsentiert uns hier sehr erschreckende Zahlen. Wer unter diesen Umständen nach Afghanistan abschiebt, kann nur als komplett unverantwortlich bezeichnet werden. Allein die Aussagen vom geschäftsführenden Außenminister Gabriel machen schon deutlich, dass die Lage dort extrem gefährlich ist. 
Horst Berndt März´18 

Jürgen Webermann,   Jahrgang 1976, ist seit September 2013 Hörfunk-Korrespondent der ARD für Südasien mit Sitz in Neu Delhi. Neben Indien umfast sein Berichtsgebiet noch sieben weitere Länder, darunter Pakistan und Afghanistan. Da gibt es beinahe täglich ein Ereignis, das schnell und präzise auf den Sender gebracht werden muss.
   
Der neue Afghanistan-Perspektivbericht der Bundesregierung zeichnet ein düsteres Bild von der Sicherheitslage vor Ort. Von Terror und Gewalt ist die Rede, von Armut und Korruption. Das Kabinett will über den Bericht heute beraten und zugleich auch mehr Soldaten an den Hindukusch schicken. Wir sprechen mit dem ARD-Korrespondenten Jürgen Webermann darüber.

Hier der Link zum Audio (5.52min.) von Bayern2 vom 07.03.2018 >>> 

Dazu >>>

Säuglingssterblichkeit

 Tägliche Dramen in Kabuls Kinderklinik

Der Kampf ums eigene Überleben beginnt für Millionen Menschen in armen Ländern schon am Tag ihrer Geburt. Vor allem in Afghanistan sind Babys in Gefahr. Ein Besuch auf einer Säuglingsstation in Kabul. 

Von Jürgen Webermann, ARD-Studio Neu-Delhi

 Das Indira-Gandhi-Kinderkrankenhaus ist das einzige seiner Art in Afghanistan. Täglich spielen sich auf der Neugeborenen-Station Dramen ab
Die Neugeborenenstation im Kinderkrankenhaus in Kabul besteht aus einem kleinen Flur und vier kleinen Räumen, die voll besetzt sind. Zwei, manchmal auch drei Säuglinge müssen sich die Bettchen teilen.

Aisha steht vor einem der Bettchen. Sie stammt aus Ghazni, einer Provinz südlich von Kabul. Safam, ihre Tochter, liegt darin. Ein Frühchen. Eigentlich ein Zwilling, doch Safams Bruder ist 14 Tage nach der Geburt an Husten gestorben. Auch Safam hat Husten.

"Wir sind mit ihr in die Ambulanz unseres Distrikts gegangen", sagt ihre Mutter. Doch dort habe man ihnen nicht helfen können und sie nach Kabul weiterverwiesen. "Es war sehr schwierig", sagt Aisha. "Wir mussten mehrere Stunden warten, bis das Taxi nach Kabul voll besetzt war und starten konnte. Und weil es hier überfüllt ist, konnte man uns hier erst nicht einlassen."
32 tote Säuglinge in nur einer Woche

Das Indira-Gandhi-Kinderkrankenhaus ist das einzige seiner Art in Afghanistan. 
Täglich spielen sich auf der Neugeborenen-Station Dramen ab. Mitte September war es besonders schlimm. Damals starben 32 Säuglinge in nur einer Woche. 
Doktor Muman ist einer der leitenden Kinderärzte: "Das ist schrecklich, für unsere Gesellschaft, für die Regierung", sagt er. Die Babys hätten ein Recht zu leben. "Wir stehen hier fassungslos vor diesen Problemen und beten zu Gott, dass er die Probleme in unserem Land lösen kann."

Zwar hat Doktor Muman auch ganz andere Zeiten erlebt, in den 1990-er Jahren, als die Taliban herrschten, eine Hungersnot drohte und er nicht mal sauberes Wasser für seine Patienten hatte. Aber seit dem Sturz der Taliban versuche er, auf die Probleme aufmerksam zu machen.

Viele Mütter müssen stundenlang anreisen, weil es in ihren Distrikten keine Versorgung für Säuglinge gibt.
Laut der Weltgesundheitsorganisation gibt es in Afghanistan mehr als 2200 Ambulanzen, die für den Großteil der Menschen auch erreichbar sind. Gut die Hälfte davon ist laut einer Studie einer afghanischen Anti-Korruptions-Organisation in katastrophalem Zustand: 
Mangelnde Stromversorgung, miese hygienische Bedingungen und oft auch mangelnde Sicherheit - das sind die Alltagsprobleme.

Ärzte geraten zwischen Fronten

In diesem Jahr mussten mehr als 130 Ambulanzen zwischenzeitlich wegen anhaltender Kämpfe schließen, bestätigt Najibullah Safi von der Weltgesundheitsorganisation. 
In der Provinz Nangahar seien die Ambulanzmitarbeiter bedroht worden. "Wir konnten das Problem schnell lösen", sagt Safi, "anderswo verlangen die Extremisten einen Extraservice. Zum Beispiel einen Operationssaal, den es aber in den Ambulanzen nicht gibt."
Und so geraten Ambulanzen und auch Krankenhäuser immer wieder zwischen die Fronten. Die Armee toleriert es nicht, wenn Talibankämpfer dort behandelt werden. Die Taliban aber kontrollieren viele Distrikte in Afghanistan.
Auch internationale Organisationen geraten seit Jahren zwischen die Fronten. Selbst das Internationale Rote Kreuz hat im Oktober Büros in Kundus geschlossen und in Mazar-i-Sharif in Nordafghanistan verkleinert, nachdem mehrere Mitarbeiter ermordet worden waren.
Gefährlich lange Wege
So müssen Mütter wie Hadima den gefährlichen Weg nach Kabul auf sich nehmen. Hadimas Tochter Hadidscha ist acht Tage alt und leidet vermutlich unter Herzproblemen. Hadima ist aus der Provinz Gardez. Das Krankenhaus in Kabul sei ihre letzte Chance. "Daheim können sich die Taliban frei bewegen. Wir sind ihnen ausgeliefert."
Doktor Muman in Kabul kennt diese Probleme. Aber er findet, dass trotz dessen der Ausbau der Gesundheitsversorgung möglich wäre: "Wir brauchen hier im Krankenhaus mehr Platz, mehr Personal, mehr Ausrüstung. Und Krankenhäuser in den Provinzen, die sich auch auf Säuglinge spezialisieren können." 
Hier der Link zum Artikel von Jürgen Webermann (NDR) vom 20.02.2018 >>>
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Wir trauern um Lamin aus Passau
Am Donnerstag ist in Passau Lamin gestorben, ein 20-jähriger junger Mann aus Sierra Leone, nach langem Leiden und Leidensweg. Er war vor Verfolgung aus seinem Land geflohen, war nach einer halbjährigen Flucht im Dezember 2016 erstmals nach Deutschland gekommen, und dachte, er sei nun in Sicherheit.


Er war vor Verfolgung aus seinem Land geflohen, war nach einer halbjährigen Flucht im Dezember 2016 erstmals nach Deutschland gekommen, und dachte, er sei nun in Sicherheit. 
Auf der Flucht war er eine Zeitlang in einem der berüchtigten Lager in Libyen gewesen, hatte eine dramatische Überfahrt nach Italien überlebt. Angekommen in Deggendorf wurde er medizinisch untersucht, seine Hepatitis-Erkrankung im Januar 2017 diagnostiziert, so sagen seine Freunde. Offenbar wurde er aber nicht ernsthaft therapiert und seine lebensbedrohliche Krankheit nicht ernst genommen.

Trotz des erkennbar schweren Verlaufs der Erkrankung wurde er dann im Spätsommer 2017 nach Italien abgeschoben aufgrund der umstrittenen Dublin-Verordnung. 

Die Polizei kam um 2 Uhr in der Nacht ohne Ankündigung. Seine Freunde erzählen, er hätte noch auf dem Weg zum Flughafen den Polizisten von seiner Erkrankung erzählt, dass er einen Arzttermin habe und ihnen die Bestätigung gezeigt. Darauf hätten sie gesagt, sie würden ihn nun zu einem Arzt fahren, brachten ihn aber direkt zum Flugzeug nach Frankfurt.

In Mailand musste er – wie die meisten der von Deutschland zurückgeführten Flüchtlinge – auf der Straße leben, bekam keinerlei medizinische Behandlung. Sein Zustand hat sich dort sehr verschlechtert. Nach drei Wochen gelang es ihm, nach Deutschland zurückzukehren.

Es ging ihm immer schlechter. Anfang Januar wurde er in das Klinikum Passau aufgenommen, wo die Ärzte ein fortgeschrittenes Leberkarzinom feststellten mit Metastasen in der Wirbelsäule, die schwere Schmerzen ausgelöst hatten. Er war trotz allem medizinischen Einsatz des Klinikums nicht mehr zu retten. Von einer ehrenamtlichen Hospizhelferin, einer Ärztin aus Passau, wurde er liebevoll begleitet. Es konnte am Ende verhindert werden, dass er zum Sterben zurück in eine Flüchtlingsunterkunft mit Mehrbettzimmern gebracht wurde.

Wir wissen nicht, ob die Abschiebung des schwerkranken Lamin nach Italien hauptursächlich für seinen Tod gewesen ist, es ist aber sicher, dass er bei ausreichender medizinischer Betreuung vor der Abschiebung nach Italien und ohne das Leben auf der Straße in Italien eine Chance gehabt hätte, noch länger in Würde zu leben, vielleicht überleben zu können.

Lamin ist kein Einzelfall. 

Wir erhalten immer wieder Berichte, dass in Deggendorf und den großen Lagern keine oder nicht ausreichende medizinische Versorgung für Traumatisierung oder Erkrankung gegeben wird. Der Zugang zu Ärzten wird offen be- und verhindert.

Es kann nicht sein, dass das BAMF in Deggendorf und die zuständige Ausländerbehörde, die ZAB Niederbayern, angeschlagene oder kranke, hier schwerkranke Menschen auf die Straße nach Italien schickt. Jeder in den Ämtern und den zuständigen Ministerien kennt die Zustände in diesem von der Migration überforderten Land, das die Rückkehrer nicht betreut.

Wir fordern 

> die Etablierung einer ausreichenden medizinischen Betreuung in Deggendorf und anderen Lagern.

> die Schließung solcher Großeinrichtungen und die Rückkehr zur dezentralen Unterbringung

> die Untersuchung des Falles von Lamin, der Gründe, warum er trotz bekannter Erkrankung abgeschoben wurde, auch des Verhaltens der Polizei


> die sofortige Aussetzung der Abschiebungen nach Italien, solange Menschen dort unversorgt auf der Straße landen.

Wir trauern alle um Lamin. Unsere Gedanken sind bei seinen Freunden.

Anfang der nächsten Woche soll die Beerdigung und Trauerfeier in Passau sein.

Wir wünschen uns die Rückkehr zu einer humanen, christlichen Flüchtlingspolitik, die eine menschliche Behandlung und Aufnahme der Schutz suchenden Menschen sicherstellt, die ihnen Perspektiven und Integration eröffnet, und die bei unvermeidlichen Abschiebungen auch in den Heimatländern eine neue Zukunft mitgestaltet.

Stephan Theo Reichel
matteo – Kirche und Asyl
Kurator und Geschäftsführer

Hier der Link zum Artikel von matteo-asyl.de vom 06.03.2018 >>> 

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Video (ARD)
 Ursula von der Leyen über den Irak-Einsatz
und die militärische Präsenz in Afghanistan

Die Bundeswehr soll künftig Soldaten in ganz Irak ausbilden. In Afghanistan wird das Kontingent aufgestockt. Ursula von der Leyen im Interview mit Christiane Meier.
Ursula von der Leyen, Geschäftsführende Verteidigungsministerin

Natürlich will Frau von der Leyen nicht über die katastrophalen Anschläge sprechen, die sich gerade in letzter Zeit in Afghanistan übers Land verteilt ereignet haben. Sie redet über Fortschritte und über Probleme. Man fragt sich unwillkürlich, welche echten Fortschritte hier gemeint sind. Über 16 Jahre hat sich quasi kaum etwas in Afghanistan verbessert. Jetzt sollen also weitere Soldaten geschickt werden, die dann z.B. die Aufgabe haben, diejenigen Kräfte zu beschützen, die dort als Ausbilder der Afghanen eingesetzt sind, damit sich Afghanistan selbst schützen kann. Was jetzt 16 Jahre nicht wirklich funktioniert hat, soll jetzt mit weiteren Soldaten aus der Bundeswehr klappen. Dazu ist zu sagen, dass die USA gerade davon sprechen, dass man eben gar kein State Building machen will, sondern eher nur die Terroristen töten will. Zusammenarbeit im Sinne Afghanistans klingt wohl anders. 
Horst Berndt März ´18 


Hier der Link zum Video (5.25min.), von der ARD vom 07.03.2018 >>>

Dazu >>  

Die Bundeswehr soll noch länger in Afghanistan bleiben?



Liebe Freunde, über 16 Jahre hat sich Deutschland am sinnlosen Krieg der USA in Afghanistan beteiligt. Kein einziges Ziel wurde erreicht. Es gibt keinen Frieden, keine Sicherheit, keinen wirtschaftlichen Aufschwung. Dafür unzählige getötete Afghanen. 

Und heute gibt es in Afghanistan sogar mehr Terroristen als vor 16 Jahren. Deutschlands Sicherheit wird nicht am Hindukusch verteidigt. Sie wird dort gefährdet. Der Krieg in Afghanistan hat den internationalen Terrorismus gestärkt. Genauso wie die Kriege im Irak, Libyen und Syrien. Krieg = Terrorzuchtprogramm! 

Wie unsere Politiker jetzt behaupten können, man müsse in Afghanistan bleiben, weil man keines der selbst gesetzten Ziele erreicht habe, ist absurd. Selbst wenn wir unsere Soldaten nochmal 16 Jahre in Afghanistan lassen, wird sich an der katastrophalen Lage des Landes nichts ändern. Die Probleme Afghanistans kann man nicht militärisch lösen. Bringt unsere Soldaten endlich nach Hause! 16 Jahre sind genug.
Euer JT (Jürgen Todenhöfer)

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Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Deutsches Grundgesetz.

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