Aus aktuellem Anlass - DUBLIN: Wenn einem jungen Mann die Perspektive durch Behörden wieder entrissen wird... // Pro Asyl - Der Dublin-Irrsinn: Nullsummenspiel mit gigantischem Bürokratie-Aufwand

Aus aktuellem Anlass
Wenn einem jungen Mann, der hier in Deutschland
eine Perspektive gehabt hätte, diese dann durch Behörden wieder entrissen wird...

Joachim Spehl, März 2018

"In den nordafrikanischen Ländern Marokko und Libyen sind inzwischen mehr als 350.000 Migrant*innen aus Subsahara gestrandet. Sie leben unter unerträglichen Lebensbedingungen und erfahren tagtäglich massive Menschenrechtsverletzungen durch die in- und ausländischen Sicherheitskräfte vor Ort. Schon bei dem Versuch, nach Europa zu gelangen, sterben unzählige Menschen, insbesondere bei der gefährlichen Überquerung des Mittelmeeres mit dafür ungeeigneten Booten. Die wenigen Menschen, denen es gelingt, Europa zu erreichen, werden hauptsächlich in Spanien und Italien registriert und dürfen, so die Dublin-III-Gesetzgebung, eigentlich nicht in andere Länder weiterreisen und dort Asyl beantragen"
(Der Text stammt von einem Plakat der Veranstaltung "Zeitzeug*innen berichten ... Film 'Boza' und Diskussion" vom 13.05.2016)

Container in der Flüchtlingsunterkunft Mergelteichstraße in Dortmund. Foto radio 91.2
Diese Dublin-Verordnungen bzw. deren rigorose, unmenschliche Umsetzung, haben dies alles wieder zunichte gemacht.
In 2 Wochen hätte er, nennen wir ihn Pierre, mit einem Deutschkurs beginnen sollen. 

Er war als katholischer Christ aus Guinea geflohen, er wird dort wegen seiner Konfession verfolgt und bedroht. Über Marokko gelangte er nach Spanien, sein Ziel war Deutschland, wo er sich eine sichere Zukunft erhoffte. Uns erzählte er, dass er Glaser werden möchte.

Die Zeit für Dublin wäre verstrichen, er hätte hier im Land einen Asylantrag stellen und sein Leben neu starten können.
Er spricht bereits mehrere Sprachen, ist sehr wissbegierig, neugierig, aufgeweckt, hilfsbereit.

Stattdessen erwartet die Polizei Pierre bereits, nachdem er morgens sein Camp betreten hat und passt ihn ab.
Sein 18-jähriger Zimmer-Mitbewohner sieht das alles mit an. Er erzählt uns hinterher völlig verstört von dieser polizeilichen Festnahme. Er erzählt von der Angst, die er nun aufgrund dieser Aktion hat. 

Bereits einige Stunden später, gegen 11 Uhr schreibt Pierre mir, er säße bereits im Flugzeug, auf dem Weg nach Madrid. Ich bin entsetzt, wie furchtbar schnell das alles ging, wie schnell die Staatsmacht zugeschlagen und die Deportation in Gang und umgesetzt hat.

Am Abend treffen Ulla, eine befreundete Helferin, und ich uns mit dem jungen Mitbewohner und einem weiteren Freund, um für etwas Entspannung zu sorgen, sie etwas abzulenken von dem Geschehen. Das gelingt nur leidlich gut.

Was ist das für ein Staat, der die klitzekleinen Chancen und Mini-Perspektiven von Menschen dann auch noch zerstört?
Nun wird er in Spanien einem unbekannten Schicksal entgegen gehen.

Spanien schiebt Guineer auch schon mal gerne in ihr Heimatland ab. Afrikaner sind nicht mehr unbedingt willkommen in Spanien, versicherte mir eine Flüchtlingshelferin, die in Spanien tätig ist.

Mittlerweile hatte Pierre hier Freunde gefunden, war bei einer Initiative, die sich für ihn einsetzte, angedockt und hat eine kleine Perspektive entwickelt.
Hätte er die Chance bekommen, ich bin mir sicher, er hätte recht schnell unsere Sprache gelernt und Integration hätte stattfinden können.

In Spanien hat er niemanden.

Ich bin wütend. Er wurde aus unserer Mitte gerissen und dem Staat ist es völlig egal, ob er da ein Schicksal zerstört.

Dublin ist ein dermaßen ungerechtes, inhumanes Regelwerk, dass hier in diesem Land lediglich der Abschottung gegenüber Flüchtlingen dient.

Au revoir 'Willkommenskultur'.

Der neue IM aus Bayern, dieser Herr Seehofer, hat ein rigideres Vorgehen und einen Masterplan für Abschiebungen in Aussicht gestellt.

Weiß dieser Mensch eigentlich, was er da anrichtet? Ist ihm klar, dass er Schicksale durch seine Handlungsweise einfach zerstört?
Diese ganze Abschieberitis, ohne genau darauf zu schauen, wen der Staat da in seinen Klauen hält? Es ist in meinen Augen reine Symbolpolitik, um den Machterhalt der CSU in Bayern zu sichern.

Nun darf Pierre in einem vollkommen anders strukturiertem Land wieder von vorn anfangen oder schlimmer, möglicherweise lehnt ihn dieses Land ab und schickt ihn zurück nach Guinea.

Und für dieses und andere Camps hier im Land ist das kein Einzelfall. Dublin wird mit aller Härte umgesetzt, koste es, was es wolle. Das ist der Eindruck, der bleibt. 
Es sollte endlich ein ziviler Aufstand her, der mit einer solchen Asylpolitik hart ins Gericht geht. Nur, in diesem eingeschlafenen Land hier, kann ich mir das derzeit nicht vorstellen.


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Anm.d.Blog-Redaktion:
Es wird eine Sammlung bei einem Konzert der Couchkunst (es ist tatsächlich Kultur im Wohnzimmer), von und mit Peter Sturm, zugunsten von Pierre in Dortmund geben.
Der Titel "Reise ins Ungewisse" der Veranstaltung ist bezeichnend.
Als wäre er für die Umstände von Pierre gemacht.

Wer also in der Nähe ist und Zeit hat, ist herzlich eingeladen.
Anmeldung erbeten (weiteres siehe auch im PDF).

Anmeldungen unter 
wolue.do@t-online.de
s.otte_do@web.de



Hier der Link auf das Einladungs-PDF >>>
2018-03-17-Einladung-Reise-ins-Ungewisse.pdf
Hier der Link auf den Termin >>>
http://www.peter-sturm.net/termine.html


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Pro Asyl
Der Dublin-Irrsinn: Nullsummenspiel
mit gigantischem Bürokratie-Aufwand

Der Plan, die Verantwortung für Asylverfahren den Staaten an der EU-Außengrenze zuzuschieben, ist krachend gescheitert. Trotzdem wird immer noch am sogenannten Dublin-System festgehalten. Das sorgt nicht nur für immense Bürokratie, sondern auch dafür, dass Flüchtlinge hin- und hergeschoben werden und oftmals in unhaltbaren Zuständen enden.
Schon seit vielen Jahren gibt es Protest gegen Dublin-Abschiebungen
- wie hier beim Flüchtlingssymposium 2015. Foto: Wir treten ein!
Viele Asylanträge werden in Deutschland zunächst nicht inhaltlich geprüft, sondern formell entschieden (und abgelehnt). 2017 war das sogar in 18,1 Prozent der Entscheidungen der Fall. Grund dafür ist häufig, dass die Zuständigkeit fürs Asylverfahren gemäß den Dublin-Regularien bei einem anderen Mitgliedsstaat liegt.
7.102 Überstellungen aus Deutschland in andere Mitgliedsstaaten

RUND 15 PROZENT WERDEN TATSÄCHLICH ÜBERSTELLT

Häufig wird sodann ein Übernahmeersuchen an den jeweiligen Staat gestellt. Im Jahr 2017 kam das von Deutschland ausgehend 64.267 Mal vor. Jedoch: Nur knapp 47.000 dieser Ersuchen stimmten die anderen EU-Staaten zu, lediglich 7.102 Überstellungen wurden tatsächlich vorgenommen, die meisten davon nach Italien, wo Flüchtlinge häufig kaum Unterstützung erhalten. Das Dublin-System sorgt also dafür, dass rund 7.000 Asylbewerber*innen weniger in Deutschland sind, könnte man nun denken. Weit gefehlt:
8.754 Überstellungen NACH Deutschland im Jahr 2017.

SOGAR ETWAS MEHR ÜBERSTELLUNGEN NACH DEUTSCHLAND

Gleichzeitig gab es knapp 27.000 Übernahmeersuchen anderer Mitgliedsstaaten an Deutschland, da die Ersterfassung der betreffenden Person offenbar hier stattgefunden hatte. Rund 80 Prozent der Ersuchen wurde zugestimmt, letztendlich kam es zu 8.754 Überstellungen nach Deutschland, die meisten aus Frankreich, den Niederlanden und aus Griechenland. Die Aufnahmen aus Griechenland erfolgen hier meistens über die Familienzusammenführung: Die Dublin-Verordnung sieht vor, dass Asylverfahren von Angehörigen im gleichen Mitgliedsstaat durchgeführt werden sollen.

90.000 VERFAHREN FÜR EIN NULLSUMMENSPIEL…

Insgesamt wurden 2017 also rund 90.000 aufwändige Verfahren durchgeführt – und das sind nur die mit deutscher Beteiligung – und 15.000 Menschen in kostspieligen Aktionen in andere EU-Staaten abgeschoben. Mit dem Ergebnis, dass sich Aufnahmen und Abschiebungen die Waage halten, die Zahl der Flüchtlinge und der zu bearbeitenden Asylanträge hier also gleich bleibt.
Bei vielen anderen Ländern dürfte das ähnlich aussehen, mit wenigen Ausnahmen: Ungarn beispielsweise weigert sich in vielen Fällen, Flüchtlinge zurückzunehmen. Und Abschiebungen in manch andere Staaten werden regelmäßig durch Gerichte verhindert – aufgrund systemischer Mängel in den dortigen Asylverfahren und drohender Verletzung von Grundrechten.

…MIT SCHLIMMEN FOLGEN FÜR BETROFFENE

Für die betroffenen Flüchtlinge bedeuten diese Verfahren ein jahrelanges Ausharren in Unsicherheit und Angst. Einige von ihnen werden durch Kirchenasyle gerettet, manche durch Gerichte, andere werden aber schlussendlich abgeschoben. Oftmals in Staaten, aus denen sie aus gutem Grund weitergereist sind: Viele Länder in Ost- und Südost-Europa haben kein funktionierendes Asylsystem, Schutzsuchende berichten aus Ungarn oder Bulgarien oft von willkürlicher Inhaftierung oder gar Misshandlungen, in Italien landen viele Flüchtlinge auf der Straße.


(mk)

Hier der Link auf den Pro Asyl-Artikel vom 02.03.2018 >>>
https://www.proasyl.de/news/der-dublin-irrsinn-nullsummenspiel-mit-gigantischem-buerokratie-aufwand/

Ein weiterer Link mit weiteren Informationen zum Dublin-System >>>
https://www.proasyl.de/thema/das-dublin-system/


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Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Das muss auch für die Dublin-Verordnungen 
und deren Umsetzung gelten.


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