Afghanistan-Asyl - Coburger Fußballer (Hossein Hazara) soll abgeschoben werden - Dazu > Diese maßlose Interessenlosigkeit ... - Dazu > Rasuly über Hazara-Frauen: "Manchmal bleibt ihnen nur der Selbstmord" // Historie Afghanistans - Die Volksgruppe der Hazara in Afghanistan(3)

Afghanistan-Asyl
Coburger Fußballer soll abgeschoben werden
Hossein lebt seit 2015 in Deutschland, hat sich gut integriert und kickt beim TSV Bertelsdorf - jetzt soll er nach Afghanistan, das er gar nicht kennt.
von Helke Renner

Noch muss Hossein Hazara wegen eines Kreuzbandrisses pausieren.
Wenn alles ausgeheilt ist, würde er gern wieder beim TSV Bertelsdorf Fusßball spielen
- sofern er nicht abgeschoben wird.Foto: Helke Renner
Im April wird er 21 Jahre alt. Doch was Hossein Hazara bisher erlebt hat, füllt bereits einen dicken Aktenordner. Den hat Johannes Teutsch angelegt, der sich seit Jahren ehrenamtlich um junge Geflüchtete kümmert. Er habe ein "Helfersyndrom", sagt er von sich. Davon profitiert jetzt Hossein Hazara, der Hilfe momentan dringend nötig hat.
Denn obwohl er kein Gefährder oder Straftäter ist und sich auch der Identitätsfeststellung nicht verweigert, soll er abgeschoben werden. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, die Klage gegen den ablehnenden Bescheid abgewiesen. Niederschmetternd findet das Johannes Teutsch.
Martin Mnich, Trainer der Herren-Fußballmannschaft des TSV Bertelsdorf, in der auch Hossein Hazara mitspielt, geht noch weiter:
"Das ist ein Schlag ins Gesicht für jeden ehrenamtlichen Helfer, der Geflüchtete betreut."
Über Jahre hinweg kümmerten sie sich um das Wohl der oft sehr jungen Leute, besorgten Wohnraum, Praktika, Lehrstellen, Arbeitsplätze.  
"Sie investieren viel und dann wird trotzdem abgeschoben. Für mich ist das keine gelebte Integration."

Martin Mnich weiß, wovon er spricht, denn Hossein Hazara ist bereits der vierte Fußballspieler aus seiner Mannschaft, der gehen soll. Und das bei dem immer wieder diskutierten Fachkräftemangel in Deutschland. Dabei war dem jungen Afghanen bereits eine Lehrstelle bei einem Metallbauunternehmen aus Coburg in Aussicht gestellt worden. Doch die verweigert ihm das bayerische Verwaltungsgericht in Bayreuth, weil er keinen "subsidiären Schutzstatus" habe und deshalb nicht als Flüchtling anerkannt werde.

Hossein Hazara indes will den Mut nicht verlieren, obwohl er zugeben muss, dass er nachts oft wach liegt und sich Sorgen über seine Zukunft macht. Er weiß, dass es schwierig wird, in Deutschland bleiben zu können. Das größte Hindernis auf diesem Weg: Er kann seine Identität nicht nachweisen, und er war in Afghanistan nicht verfolgt. Wie auch, verließen seine Eltern mit ihm und seinen Geschwistern das Land doch, als er gerade einmal sechs Monate alt war. Weil sie der ethnischen Gruppe der Hazara angehören, waren sie in Afghanistan immer wieder Repressalien ausgesetzt. Bedrohungen durch die Taliban und die kriegsähnlichen Zustände im Land hätten das Leben seiner Familie stark beeinträchtigt, erzählt Hossein Hazara. 
"An militärischen Einsätzen oder Maßnahmen wollten meine Eltern und Verwandten auf keiner Seite teilnehmen. Das führte zu Diskriminierung und Enteignung einschließlich dem Vorenthalten und Einbehalten von Dokumenten."
Die Hazaras flohen 1997 mit ihren Kindern in den Iran. Dort lebt die Familie heute noch - im Flüchtlingsstatus. Hossein schickten sie im Alter von sechs Jahren in die Schule, seine Geschwister verdingten sich als Hilfsarbeiter, um die Eltern zu unterstützen. Weil der Junge wegen Glaubensfragen Probleme mit dem Klassenleiter bekam, verließ er mit 13 Jahren die Schule und begann, Schrott und Flaschen zu sammeln. Seine Eltern waren inzwischen im Rentenalter, bekommen aber als Flüchtlinge keine Rente. Ein Glücksfall war die Möglichkeit, 2015 für ein Jahr lang in einer kleinen Elektrofirma arbeiten zu können.

Im Alter von 15 Jahren trat Hossein Hazara in einen Boxclub ein und spielte nebenbei Fußball. Im Boxen war er sehr erfolgreich und nahm an Wettkämpfen teil. Als es nach einem solchen Wettkampf zu einer Rangelei kam, wurde ihm die Schuld dafür gegeben. "Ich wurde mehrfach von Polizisten und Zivilpersonen in die Mangel genommen und aufgefordert, mich iranischen Kampfeinheiten anzuschließen. Der Einsatzort sei Syrien. Das würde mich vor einer Gefängnisstrafe bewahren. 
" Aber Hossein weigerte sich. "Ich wollte und will auch heute keine Waffe in die Hand nehmen. Ich glaube an Gott, der Frieden will für alle Menschen."
Daraufhin seien seine Papiere zerschnitten worden. Vor dem Gefängnis bewahrte ihn eine Kaution, die seine Familie für ihn zahlten. Der junge Mann sah im Iran keine Zukunft mehr für sich. Er hatte keine Papiere, eine Ausbildung blieb ihm verwehrt, er fühlte sich wie Freiwild und schloss sich der Fluchtbewegung nach Europa an.

Seit fast drei Jahren lebt er nun in Deutschland, aber die Möglichkeit, sich ein selbstfinanziertes Leben aufzubauen, hat er bisher nicht bekommen. Dabei bemüht sich Hossein Hazara mit viel Energie darum. Er besucht Sprachkurse und übt täglich. Er meldete sich bei einem Sportcenter an und begann wieder zu boxen. Und er trat in die Herren-Fußballmannschaft des TSV Bertelsdrf ein. Die hatte Martin Mnich 2016 neu gegründet. Ein Jahr davor hatte er schon junge Flüchtlinge trainiert, später kamen deutsche Fußballer dazu. "Leider konnte ich den Aufstieg in die nächsthöhere Spielklasse nicht aktiv unterstützen, weil ich mir im Februar 2017 bei einem Spiel einen Kreuzbandriss zuzog", erzählt Hossein Hazara. Er musste operiert werden und ist auch jetzt noch nicht einsatzfähig. 

Getauft im Goldbergsee
Durch einen Freund lernte der junge Afghane die freie evangelische Gemeinde Coburg kennen und fand dort seinen Worten zufolge eine spirituelle Heimat. Jeden Donnerstag geht er zum Bibelkurs und am Sonntag zu den Gottesdiensten. Er habe sich von Anfang an in der Gemeinde, die außer ihm noch andere Geflüchtete aufgenommen hat, wohl und willkommen gefühlt, sagt Hossein. Die Taufe im Goldbergsee sei für ihn ein unvergessliches Erlebnis gewesen, ergänzt der junge Mann.
Im März 2016 hatte Hossein Hazara einen Asylantrag gestellt. Im September gab es dazu eine erste Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und im Januar 2016 den Bescheid, dass sein Antrag abgelehnt wurde. 
Dagegen klagte er und bevollmächtigte Rechtsanwalt Helmbrecht von Mengershausen aus Bad Staffelstein, ihn zu vertreten. Die Kosten, die für Hossein Hazara entstehen, zahlt er in Raten ab. Johannes Teutsch, der ihn stets begleitet, will versuchen, Geld für die notwendige Anzahlung bei den Fußballern des Vereins zusammenzubringen.

Als Begründung für die Klage gab Hossein an, dass er in Afghanistan keine Angehörige mehr habe, das Land nicht kenne und als Angehöriger der Hazara nicht nur den Attacken der Taliban und des IS, sondern auch der paschtunischen Mehrheit ausgesetzt wäre. Es gebe keinen sicheren Ort für zurückkehrende Flüchtlinge.

Verhandelt wurde im November 2017 beim Verwaltungsgericht in Bayreuth, das die Klage abwies.  
Die Begründung ist lang und beinhaltet unter anderem die Feststellung, dass es im Herkunftsland des Flüchtlings Teile gibt, in denen er "keine begründete Furcht vor Verfolgung" haben müsse. Zudem sei er in seinem Herkunftsland nicht verfolgt worden oder habe einen ernsthaften Schaden erlitten. 
Von einer Gruppenverfolgung der Hazara in Afghanistan sei nach Ansicht des Gerichts nicht auszugehen. Eine Gefahr, die sich durch eine Konversion zum christlichen Glauben für Hossein Hazara ergeben könnte, wird nicht in Betracht gezogen. Der Kläger sei erst nach Ablehnung des Asylantrags zum christlichen Glauben übergetreten. Mit seiner Taufe habe er einen sogenannten Nachfluchtgrund schaffen wollen, was in afghanischen Asylbewerberkreisen ein bekannter Weg sei. Er könne nicht überzeugend nachweisen, dass die Hinwendung zum Christentum ein "eigenständig tragfähiger, ernst gemeinter religiöser Einstellungswandel" gewesen und bei einer "Rückkehr in das Heimatland mit einer verfolgungsträchtigen Glaubensbetätigung zu rechnen" sei.

Hossein Hazara sagt dazu: 

"Ich bin nicht religiös erzogen worden, den Koran habe ich nicht verstanden. Erst bei der freien evangelischen Gemeinde habe ich meinen Weg gefunden. Auch wenn ich nach Afghanistan zurückkehren muss, werde ich meinen Glauben nicht wechseln. Das ist Gottes Wille."

Der Anwalt des jungen Afghanen, Helmbrecht von Mengershausen, sieht tatsächlich wenig Chancen für seinen Mandanten. 
"Die bayerische Rechtssprechung ist, was Asylanträge betrifft, besonders streng." Er erlebe es dabei auch immer wieder, dass die Richter nur wenig Kenntnis von den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen im Herkunftsland der Geflüchteten haben. 
 Dennoch: Aufgeben will er nicht und wird versuchen, Berufung gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts einlegen. Die Hürde: Der Verwaltungsgerichtshof muss diese Berufung erst einmal zulassen. Tut er das nicht, dann gebe es so gut wie keine Rechtsmittel mehr. Es sei, denn, man gehe den Schritt vor das Verfassungsgericht. "Sehr aussichtsreich ist die Sache also nicht", stellt Helmbrecht von Mengershausen fest. 
Hier der Link zum Artikel von inFranken.de vom 27.02.2018 >>> 
Dazu >>

Anm.d.Blog-Redaktion:

Diese maßlose Interessenlosigkeit ...

Die deutschen Gerichte und auch die Beamten im BAMF sollten sich vielleicht mal über die Geschichte der Hazara in Afghanistan informieren, dann würden solche menschenverachtenden Entscheidungen nicht gefällt werden müssen. Diese maßlose Interessenlosigkeit am Schicksal dieser hilfsbedürftigen Menschen ist schon sehr bemerkenswert, für eine sogenannte christlich-europäische Gesellschaft. Es mutet an, wie Heuchelei, wenn die Europäer und natürlich auch Deutschland auf Werte pochen, die, wenn es ernst wird, einfach missachtet werden. Der nun folgende Artikel ist vom 11.10.2016 und wurde von Georg Hoffmann-Ostenhof für profil erstellt.
Horst Berndt März ´18


Rasuly über Hazara-Frauen:
 "Manchmal bleibt ihnen nur der Selbstmord"

Die EU will abgelehnte Asylwerber aus Afghanistan künftig schnell abschieben. Das trifft vor allem die Volksgruppe der Hazara, die Schutz in Europa suchen. Schickt man sie damit in den Tod? Ein Gespräch mit Sarajuddin Rasuly, der als Sachverständiger die meisten Anerkennungsverfahren afghanischer Flüchtlinge in Österreich begleitet.





Protest in Brüssel: Hazaras gegen das Rückführungsabkommen zwischen EU und Afghanistan.
© APA/AFP/EMMANUEL DUNAND

Lange Zeit hat sich die Welt kaum dafür interessiert, was in Afghanistan passiert. Jetzt steht das Land am Hindukusch wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit. Vergangene Woche häuften sich die Nachrichten: Bei einer Geberkonferenz in Brüssel hat die internationale Gemeinschaft Kabul für die kommenden vier Jahre Finanzhilfen in Höhe von 15,2 Milliarden Dollar zugesagt. Im Gegenzug für die Unterstützung werden von Afghanistan stärkere Reformanstrengungen im Bereich der Menschenrechte und der Korruptionsbekämpfung verlangt. Nicht nur das: Brüssel drängt Kabul, ein gerade unterschriebenes Rückübernahmeabkommen in die Praxis umzusetzen. Vor dem Brüsseler Ratsgebäude, in dem die Konferenz tagt, marschierten vergangenen Mittwoch afghanische Flüchtlinge auf, um gegen diesen Plan zu protestieren: 

"Afghanistan ist kein sicherer Herkunftsstaat“, hieß es auf ihren Transparenten.

Gleichzeitig brachen vergangene Woche wieder Kämpfe zwischen der afghanischen Armee und der vorwärts marschierenden Taliban-Soldateska um die nordafghanische Provinzstadt Kunduz aus.

"Afghanistan ist ein Kriegsland. Die Lage ist sehr prekär". 


Als profil den österreichischen Afghanistan-Spezialisten Sarajuddin Rasuly vergangene Woche zu einem Interview trifft, muss er es nach wenigen Minuten unterbrechen: "Lassen sie mich nur ein paar Telefonate machen.“ Ein Gespräch mit einem Neffen, der beim afghanischen Geheimdienst arbeitet, ein Kontakt mit einem Informanten in Kunduz, und Rasuly weiß, wie es um die Stadt steht: "Die Armee hat nur das Zentrum zurückerobert, und auch davon nur einen Teil. Die Taliban haben sich in die Vorstädte und die nähere Umgebung von Kunduz zurückgezogen.“ Und er erfährt auch, dass der berüchtigte usbekische Warlord und afghanische Vizepräsident Abdul Rashid Dostum im Begriff ist, von Kabul aus Einsatztruppen Richtung Kunduz in Marsch zu setzen.

Rasuly ist wahrscheinlich der profundeste Afghanistan-Kenner in Österreich. Er arbeitet als selbstständiger Sachverständiger für das Bundesverwaltungsgericht, die zweite Instanz im Asylverfahren. Oft entscheiden die Richter auf der Grundlage seiner Gutachten, ob ein afghanischer Asylwerber in Österreich den Status als Flüchtling bekommt und bleiben kann oder nicht. Rasuly hat die besten Voraussetzungen für diesen Job: Er stammt aus einer usbekischen Adelsfamilie Nordafghanistans, kam 1970 im Alter von 18 Jahren nach Wien und studierte Politikwissenschaften mit Schwerpunkt Afghanistan. Später lehrte er 15 Jahre lang an der Uni Wien. Gleichzeitig spielte er in der afghanischen Politik als Vermittler zwischen Konfliktparteien, teilweise auch in Zusammenarbeit mit den UN, eine wichtige Rolle.

profil: Herr Rasuly, die EU und die Regierung in Kabul haben vereinbart, die Rückführung afghanischer Flüchtlinge zu erleichtern und zu beschleunigen. Aber kann man bei der unsicheren Lage in Afghanistan abgelehnte Asylwerber überhaupt zurückschicken?

Sarajuddin Rasuly: Gewiss, aber nur sehr beschränkt. Österreich schiebt bisher, im Unterschied zu Deutschland etwa, niemanden nach Afghanistan ab. Die Deutschen haben es aber auch einfacher: Sie verfügen am Hindukusch über Militärstützpunkte und damit über Logistik. Afghanistan ist ein Kriegsland. Die Lage ist sehr prekär. Eine gewisse Sicherheit gibt es nur in größeren Städten wie Kabul, Mazar-e-Sharif, Herat oder Dschalalabad. Sie befinden sich in der Hand der Regierung. Aber auch hier müssen Voraussetzungen erfüllt sein: Hat der Abzuschiebende dort Familie, ist eine langfristige Betreuung der Rückkehrer gewährleistet, hat er Chance auf Arbeit, auf eine Wohnung? All diese Fragen müssen bedacht werden. Wenn das der Fall ist, kann man durchaus mehr Rückführungen vornehmen. Aber es geht nicht so schnell.
"Als Schiiten wurden die Hazara lange als Ungläubige verfolgt, als "Schlitzaugen“ und "Mäusefresser“ beschimpft und verachtet".
profil: Österreich ist von dieser Entwicklung stark betroffen, stellen bei uns doch die Afghanen seit 2015 das größte Kontingent der Asylwerber - noch vor den Syrern. Warum kommen so viele nach Österreich?

Rasuly: Das war nicht immer so. Erst als sich das Asylregime in den vergangenen Jahren verbesserte und man mit Integrationsanstrengungen begonnen hat, wurde Österreich von den Afghanen als sicheres und attraktives Zielland entdeckt. Vorher wollten sie fast alle nach Deutschland, in die Niederlande und Skandinavien.

profil: Wie viele Afghanen leben nun in Österreich?

Rasuly: Bis Anfang 2015 wurde von 16.000 gesprochen. Seither, aber da habe ich keine exakten Daten, dürften 45.000 dazugekommen sein. Ich schätze, dass heute knapp über 60.000 Afghanen im Land sind. Und davon hat etwa ein Drittel bereits Asyl oder subsidiären Schutz bekommen.

profil: Die meisten stammen aus der schiitischen Minderheit der Hazara.
Rasuly: Ich würde sagen, dass etwa zwei Drittel der Afghanen in Österreich aus dieser Volksgruppe kommen.

profil: Und warum ist diese Ethnie so überrepräsentiert? Sie macht in Afghanistan keine zehn Prozent aus.

Rasuly: Dieses turkomongolische, eine Art Farsi (persisch) sprechende Volk ist seit Hunderten Jahren unterdrückt. Es blickt auf eine tragische Geschichte zurück. Als Schiiten wurden sie lange als Ungläubige verfolgt, als "Schlitzaugen“ und "Mäusefresser“ beschimpft und verachtet. Sie stellten traditionell die unterste Schicht der afghanischen Gesellschaft. Auf dem Land sind sie arme Bauern, meist auf kargem Terrain, in den Städten arbeiteten sie als Träger und Dienstboten. Sie hatten keinen Zugang zu staatlichen Jobs.  

Unter der Herrschaft der radikal-sunnitischen Taliban (diese sind meist Paschtunen, die größte ethnische Gruppe Afghanistans, Anm.) in den Jahren 1996 bis 2001 waren die Hazara besonderer Repression ausgesetzt. Massaker standen auf der Tagesordnung. In dieser Zeit empfahl ich als Gutachter für alle pauschal Asyl, aus ethnischen Gründen. Das hat sich aber verändert.
"Auch für die Hazara, die nun um Asyl ansuchen, sind nach meiner Einschätzung nach individuelle Prüfungen notwendig".
profil: Wie das?

Rasuly: Seit die internationalen Truppen 2001 ins Land kamen, hat sich die Situation der Hazara grundlegend verbessert. Sie sind an der Macht beteiligt, stellen in jedem Ministerium Vizeminister, haben einen Vize-Premier und einen stellvertretenden Präsidenten. Vor allem aber sind sie in den Sicherheitsressorts, in der Armee, dem Geheimdienst und der Polizei nach meiner Einschätzung zu einem Drittel vertreten, also relativ stärker als die anderen Ethnien. Und im Unterschied etwa zu den Usbeken und Tadschiken kontrollieren die Hazara ihre Gebiete - auch militärisch.

profil: Aber die Taliban sind wieder im Vormarsch.

Rasuly: Sie kontrollieren inzwischen direkt oder indirekt zwei Drittel des Landes. Zwar leisten die Hazara in ihren Regionen erfolgreich Widerstand gegen die Taliban - ihre Sicherheitssituation hat sich freilich auch verschlechtert. Ich empfehle aber nicht mehr Asyl aus ethnischen Gründen. Auch für die Hazara, die nun um Asyl ansuchen, sind nach meiner Einschätzung nach individuelle Prüfungen notwendig.

profil: Wie geht das konkret vor sich?

Rasuly: Beim Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl (BFA), einer Behörde des Innenministeriums, werden fast alle Asylansuchen von Afghanen abgewiesen. Und fast alle, die einen negativen Bescheid bekommen, legen Beschwerde ein. Die Behörde verweist sie an Organisationen wie Caritas, Volkshilfe oder die Diakonie, die den Asylwerbern bei ihrer Berufung helfen. Auch eine Rechtsberatung wird zur Verfügung gestellt.
"Natürlich wird viel gelogen, was aber nicht heißt, dass einer, der falsche Angaben macht, zu Hause nicht dennoch um sein Leben fürchten müsste".
profil: Das war nicht immer so.

Rasuly: Es geht heute viel zivilisierter vor sich als noch vor ein paar Jahren. Die zweite Instanz, das Bundesverwaltungsgericht, beschäftigt mich nun in vielen Fällen als Gutachter. Ich soll prüfen, ob die Angaben des Asylwerbers stimmen, ob er tatsächlich verfolgt wird und in seiner Heimat um sein Leben fürchten muss.

profil: Das wird in vielen Fällen doch nur schwer zu eruieren sein. Wie gehen Sie dabei vor?

Rasuly: Zunächst habe ich mein Background-Wissen. Ich kann also zum Beispiel in vielen Fällen gleich zu Beginn der Befragung erkennen, ob der Asylwerber tatsächlich aus der Region kommt, die er angibt. Ich bin in Afghanistan gut vernetzt. In den meisten Städten habe ich Personen, denen ich Recherche-Aufträge erteile, etwa ob der jeweilige Asylwerber tatsächlich zu diesem oder jenem Zeitpunkt dort war, wo er gegen die Taliban kämpfen hätte können, wie er behauptet, und deshalb Angst vor deren Rache hat. Natürlich wird viel gelogen, was aber nicht heißt, dass einer, der falsche Angaben macht, zu Hause nicht dennoch um sein Leben fürchten müsste.

profil: Geben Sie bitte ein Beispiel.

Rasuly: Da ist ein junger Mann, der erzählt, dass er mit der Frau des Nachbarn geschlafen hat und deshalb mit dem Tod bedroht ist. Die Geschichte mit der Nachbarschaftsliebe höre ich oft. Die Schlepper sagen den Flüchtlingen, dass das immer "zieht“. Nun habe ich im konkreten Fall herausgefunden, dass das nicht stimmen kann, weil er zum Zeitpunkt, den er für sein Liebesabenteuer angibt, gar nicht mehr in seinem Dorf war. Aber aus seinen Erzählungen kann die Richterin andere Anhaltspunkte finden, die ihn zum Asyl berechtigen könnten. Es stellt sich heraus, dass sein Vater einen lokalen Taliban-Führer umgebracht hat. Die dort herrschende Tradition der Sippenhaftung spricht dann dafür, dass ihm - trotz seiner ursprünglichen Falschaussage - Asyl gewährt werden kann. In jedem Fall gehen meine Gutachten betreffend Frauen positiv aus: Sie haben keine Chance. Denn die Afghaninnen sind, um mit einem Wort von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon zu sprechen, "keine Rechtssubjekte“. Sie erhalten - selbst wenn sie an einem Rechtsstreit beteiligt sind - nur in ganz wenigen Fällen direkten Zugang zum Gericht. Dieses Privileg hat ausschließlich der Mann.

profil: Gab es in den vergangenen Jahren nicht gewisse Fortschritte bei der Frauenemanzipation?

Rasuly: Doch, zumindest in den Städten. Aber auch auf dem Land lassen sich zunehmend viele Mädchen nicht mehr gefallen, ohne ihre Zustimmung verheiratet zu werden. Sie wehren sich. Doch manchmal bleibt ihnen nur der Selbstmord.
"Erst als von der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel signalisiert wurde, dass die Syrer, die unterwegs waren, aufgenommen werden, setzten sich im September auch die Afghanen in Bewegung".
profil: Kommen wir zu den Afghanen in Österreich. Wie gelangen sie überhaupt zu uns?

Rasuly: Die meisten beginnen ihre Reise nicht in Afghanistan, sondern im Iran. Dorthin sind die meisten der bei uns ankommenden Hazara schon vorher geflüchtet, meist über Pakistan. Der Iran hat die schiitischen Afghanen zu Hunderttausenden aufgenommen. Manche junge Hazara, die nach Österreich gelangen, wurden sogar im Iran geboren. Das Problem: Sie besitzen dort keinen Flüchtlingsstatus oder sonst irgendeinen Aufenthaltstitel. Sie sind völlig rechtlos, den Iranern faktisch ausgeliefert. Viele der Kinder müssen Sklavenarbeit verrichten. Und sie sind immer von Abschiebung bedroht.

profil: Warum begann die afghanische Flüchtlingswelle erst 2015 und nicht schon früher zu rollen?

Rasuly: Gewiss spielen dabei die Gebietsgewinne der Taliban eine gewisse Rolle. Als ich im August vergangenen Jahres in Kabul war, erschien mir die Bereitschaft der Leute, sich auf den Weg zu machen, noch nicht sehr groß. Erst als von der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel signalisiert wurde, dass die Syrer, die unterwegs waren, aufgenommen werden, setzten sich im September auch die Afghanen in Bewegung. Die Iraner, die bis zu dieser Zeit die Grenzen zur Türkei weitgehend dichtgehalten hatten, begannen diese zu öffnen. So schlossen sich die Afghanen faktisch dem Flüchtlingstross der Syrer an. Und viele zogen nicht nach Deutschland weiter, sondern blieben - und bleiben - in Österreich.

profil: Und was kann man über die Afghanen hier sagen? Wie ausgebildet, wie integrationswillig und -fähig sind sie?

Rasuly: Ich habe natürlich keine Statistik, aber ich würde meinen, dass man unter ihnen ungefähr fünf Prozent als Elite bezeichnen kann: Geschäftsleute und höher Gebildete. Die meisten aus dieser Gruppe kamen schon früher. Bei den übrigen, schätze ich, sind etwa 50 Prozent Analphabeten, die andere Hälfte hat ein paar Klassen Volksschule oder Koranschule in Afghanistan oder im Iran hinter sich. Es gibt nur sehr wenige mit Facharbeiterausbildung. Und viele, vor allem unter den Jungen, sind traumatisiert: durch die Sklavenarbeit, durch die Schlepper, durch die allgemeine Brutalität, die ihnen in ihrem Leben widerfahren ist. Und nicht zu vergessen: Nicht wenige, die im Iran lebten, waren opiumsüchtig. Nur so konnten sie ihr schweres Leben ertragen. Hier in Österreich gibt es kein Opium. Deshalb trinken sie Alkohol. Aber während Opium beruhigt und dämpft, macht Alkohol aggressiv. Das ist der Hintergrund von so manchem in den Zeitungen kolportierten kriminellen Vorfall.
"Die große Mehrheit der afghanischen Flüchtlinge in Österreich ist jung".
profil: Keine guten Voraussetzungen für Integration?

Rasuly: Das würde ich nicht sagen. Die Hazara sind als aufstrebendes Volk zu bezeichnen. Nach so langer Zeit der Unterdrückung haben sie in den vergangenen Jahren ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein entwickelt. Nicht zuletzt auch über den Islam haben sie ihren ethnischen und politischen Zusammenhalt gefunden.

profil: Und sind Radikalisierungstendenzen zu beobachten?

Rasuly: Keine Spur davon. Sie entwickelten nur ein Selbstbewusstsein, das sie bisher in ihrer Geschichte nicht hatten. Letztlich brachte aber auch der Aufenthalt im Iran viele Hazara trotz aller Widrigkeiten vorwärts. Gewisse Ausbildungen sind möglich geworden. Sicher werden es die Alten mit ihren archaischen Traditionen schwer haben, sich zu integrieren. Aber die große Mehrheit der afghanischen Flüchtlinge in Österreich ist jung, unter 30. Und sie sind überaus ambitioniert. Sie lernen schnell, das sieht man jetzt bereits. Aber sie müssen gefordert werden. Man muss die Arbeit für die Flüchtlingsfamilien attraktiv machen. Und da ist es gut, dass Österreich seit einigen Jahren die Anstrengungen zur Integration verstärkt hat und die Asylwerber von Anfang an angehalten werden, Deutsch zu lernen und sich in den Arbeitsprozess zu integrieren. Genauso wichtig ist aber, ihnen Grenzen aufzuzeigen. Ihnen muss klargemacht werden, welche Gesetze hier gelten, was hier geht und was nicht.

Hier der Link zum Artikel von >profil< (Österreich) vom 11.10.2016 >>> 
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Historie Afghanistans

Die Volksgruppe der Hazara in Afghanistan(3)
erstellt von Horst Berndt (Basis Wikipedia)



Die Hauptsiedlungsgebiete der Hazara sind die afghanischen Provinzen Bamiyan, Daikondi (ehemals nördlichster Bezirk von Oruzgan), Ghazni, Logar, Wardak und Kabul sowie weiteren Städte außerhalb des Hazaradschat. Ein weiterer Siedlungsschwerpunkt ist die pakistanische Region Hazara.

Zudem leben circa 1,567 Mio. von ihnen im Iran (1993, geschätzt) und circa 956.000 in Pakistan, wo sie im Hazara Town, New Hazara Town, Hazara Colony und Mari Abad in Quetta die Mehrheit der Bevölkerung bilden. 

Die Ansiedlung der Hazaras in Pakistan begann bereits aufgrund des Völkermords durch Abdur Rahman Khan, so dass sich viele Hazaras in Pakistan inzwischen häufig als Pakistaner und nicht als Afghanen sehen. Dennoch lernen die Hazaras ganz überwiegend Hazaragi als Muttersprache, wobei der dortige Dialekt des Hazaragi viele Wörter aus dem pakistanischen Urdu, dem Englischen und dem Paschtunischen enthält, sich in der Aussprache deutlich dem Urdu angenähert hat und als Quettagi bezeichnet wird. Zudem leben besonders viele (30.000) Hazaras in Australien. In Europa leben auffällig viele Hazaras in Skandinavien und Wien. In Deutschland hingegen leben relativ wenig Hazaras, wobei ihr Anteil unter den seit 2015 ankommenden Flüchtlingen allerdings hoch ist.

Politische Situation und Diskriminierung

Die Hazara wurden nach dem Fall der schiitischen Safawiden und der Gründung des modernen Afghanistan, wo sie sowohl eine ethnische als auch eine konfessionelle Minderheit darstellen, immer wieder Opfer von Diskriminierung, besonders durch die paschtunische Elite. 

Nach der gewaltsamen Vereinnahmung des Hazaradschat verübte Abdur Rahman Khan in den 1890er Jahren einen Völkermord an den Hazara und Tausende von ihnen wurden versklavt.

Im afghanischen Bürgerkrieg bildete sich die Hizb-i Wahdat („Partei der Einheit“) als schiitische politisch-militante Gruppierung heraus, die von den Hazara dominiert wurde. Ihr geistiger und ideologischer Vater, Abdul Ali Mazari, wurde 1995 bei Kämpfen gegen die Taliban gefangengenommen und ermordet oder starb bei einer Schießerei.

Im Verlauf des Krieges kam es wiederholt zu Übergriffen an der Hazara-Zivilbevölkerung. So wurden 1993 bei den Angriffen der Dschamiat-i Islāmi unter Ahmad Schah Massoud sowie der Ittihād-i Islāmi unter Abdul Rasul Sayyaf auf Stellungen der Hizb-i Wahdat in Kabul erstmals auch gezielt Angehörige der dortigen Hazara-Bevölkerung getötet. Die schlimmsten Übergriffe stellten die Massaker dar, die die Taliban 1997 bei der Rückeroberung Mazār-i Scharifs sowie 2001 nach der Wiedereinnahme des Hazaradschats verübten. Vorausgegangen waren allerdings Massenexekutionen von Taliban durch Hazara-Truppen nach deren misslungenem Angriff auf Mazār-i Scharif im Jahr 1996.

2006 geriet der indische Film Kabul Express des paschtunischen Regisseurs Kabir Khan im Zusammenhang mit der Diskriminierung der Hazara in die Kritik; ihm wurden rassistische Beleidigungen gegenüber den Hazara vorgeworfen. Literarisch wurde die Diskriminierung der Hazara auch im Bestsellerroman Drachenläufer des Autors Khaled Hosseini thematisiert.

Seit dem Sturz des Taliban-Regimes gilt Hazaradschat bis heute (2015) als vergleichsweise sichere Region, in der Anschläge und der Anbau von Schlafmohn zur Opiumherstellung kaum verbreitet sind. Bewegen Hazaras sich außerhalb des Hazaradschats, müssen sie insbesondere aufgrund ihrer äußerlich erkennbaren ethnischen und konfessionellen Zugehörigkeit aber weiterhin damit rechnen, Opfer von gezielten Terroranschlägen zu werden. Dies gilt insbesondere für Anschläge durch die Taliban, zunehmend aber auch für solche der radikalislamistischen terroristischen Organisation Islamischer Staat.

Es hat sehr große Fortschritte in der Schulbildung – auch von Mädchen – gegeben, die teilweise sogar als Bildungswunder bezeichnet werden. Lediglich aufgrund einer regional anknüpfenden Quotenregelung der afghanischen Regierung, welche sich zu Lasten der diskriminierten Minderheit der Hazara auswirkt, hat sich der Anteil der Hazara in der Studentenschaft verringert. Frauen haben bei den Hazara mehr Freiheiten als bei anderen Volksgruppen Afghanistans. Die Hazara Habiba Sarabi ist als Gouverneurin der Provinz Bamiyan landesweit die einzige Frau in diesem Amt. Eine weitere bekannte Hazara ist die Ärztin und Politikerin Sima Samar.

In Quetta werden die Hazara insbesondere durch die radikalislamistische terroristische Organisation der Lashkar-e-Jhangvi verfolgt. Beispielsweise wurden am 4. Oktober 2011 bei einem Überfall auf einem vorwiegend mit Hazara besetzten Bus in Quetta 15 Menschen getötet. Zwölf davon waren Angehörige der Hazara. In der Folge demonstrierten 400 Angehörige vor dem behandelnden Krankenhaus gegen Diskriminierung ihres Volkes und beschuldigten die pakistanische Regierung, nicht für ihren Schutz zu sorgen. 

Allein zwischen 2008 und Mitte 2014 wurden mehr als 500 Hazaras getötet. Am 23. Juli 2016 ereignete sich eine durch einen Selbstmordattentäter verursachte Explosion inmitten eines Demonstrationszuges der Hazara auf dem Deh Mazang-Platz in Kabul. Die Demonstration richtete sich gegen die Trassenführung einer neuen Hochspannungsleitung, die nach Ansicht der Demonstranten das Siedlungsgebiet der Hazara nicht mitversorgte. Bei dem Bombenanschlag kamen etwa 80 Menschen zu Tode und 230 wurden verletzt. Zum Anschlag bekannte sich der sogenannte „Islamische Staat“. Die Taliban verurteilten ihn.

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Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Deutsches Grundgesetz.
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