tagesschau - Bericht über Afghanistan - Mehr als 10.000 zivile Opfer - Mit Interview mit Thomas Ruttig // Afghanistan - Gewalt gegen Frauen und Mädchen

Bericht über Afghanistan

Mit Video zum Thema, Gesprächspartner der ARD ist der Afghanistan-Experte Thomas Ruttig

Mehr als 10.000 zivile Opfer

Ein neuer Bericht zu zivilen Opfern des Afghanistan-Krieges macht deutlich: Die Zahl der Toten und Verletzten ist 2017 gesunken - doch die Gefahr tödlicher Selbstmordanschläge wächst.

Anschlag in lashkaragah City in der Provinz Helmand im November 2017

Nationalflagge Afghanistans

Im Krieg gegen die radikalislamischen Taliban und die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) sind in Afghanistan das vierte Jahr in Folge mehr als 10.000 Zivilisten getötet oder verletzt worden. Allerdings sank die Gesamtzahl der Opfer im Jahr 2017 im Vergleich zum Vorjahr um neun Prozent auf 10.453 - das sind 3438 Tote sowie 7015 Verletzte.

Dies geht aus dem Jahresbericht der Vereinten Nationen hervor. Demnach sind die Opferzahlen vor allem deshalb zurückgegangen, weil die afghanische Armee besser auf Zivilisten Rücksicht nehme und nicht mehr mehr willkürlich schwer steuerbare Geschosse in dicht besiedelte Gebiete feuere.




Viele Frauen und Kinder unter den Opfern

"Dass wir 2017 weniger zivile Opfer gesehen haben, liegt auch einfach daran, dass die Taliban ihre Herrschaft über bestimmte Gebiete konsolidiert haben. 
Wo sie Gegenden voll kontrollieren, gibt es eben keine Kämpfe mehr", sagte ein UN-Mitarbeiter, der namentlich nicht genannt werden wollte.

In dem 75 Seiten langen Bericht heißt es weiter, dass es unter den Opfern weiterhin viele Frauen und Kinder gebe. Mehr als 4400 wurden 2017 getötet oder verletzt. 
Damit machen Frauen und Kinder 42 Prozent aller zivilen Opfer aus.

Taliban für 42 Prozent der Opfer verantwortlich

Den Taliban lasten die UN dabei 42 Prozent aller Opfer an, dem IS zehn Prozent, 16 Prozent den afghanischen Sicherheitskräften und zwei Prozent dem internationalen Militär im Land. Der Rest sei nicht unmittelbar zuzuordnen gewesen.

Die UN warnen allerdings, dass sie vermutlich "unterberichten" - das heißt, die tatsächlichen Opferzahlen dürften weitaus höher sein. 
Die Menschenrechtsabteilung der UN in Afghanistan benötigt für jedes offiziell registrierte Opfer drei unabhängige Quellen. Diese sind aber in den zunehmend umkämpften Provinzen mit immer weniger UN-Beobachtern im Feld kaum noch zu bekommen. Außerdem wachsen die Regionen unter Taliban-Kontrolle - und damit auch die blinden Flecken der Beobachter. Das US-Militär sagt, dass die Taliban mittlerweile rund 13 Prozent des Landes "kontrollieren oder beeinflussen". Andere Quellen gehen von weit höheren Zahlen aus.

Besonders besorgniserregend finden die Autoren den Anstieg an Opfern von Selbstmord- und anderen Anschlägen. Diese hätten im vergangenen Jahr mehr als ein Fünftel (22 Prozent) aller zivilen Opfer des Krieges verursacht - 17 Prozent mehr als 2016.
Jedes Jahr werden im Afghanistan-Konflikt Tausende Menschen verletzt.
Kabul im Brennpunkt

Die afghanische Hauptstadt Kabul bleibt weiter im Brennpunkt. Einige deutsche Politiker bezeichneten die Stadt im Zusammenhang mit den umstrittenen Abschiebungen von abgelehnten Asylbewerbern 2017 als sicher.

Aus dem UN-Bericht geht nun hervor, dass die Taliban und der IS mit Selbstmordattentaten und anderen Angriffen 2017 in Kabul knapp 500 Zivilisten getötet und mehr als 1200 verletzt haben. Damit verzeichnete die Hauptstadt etwa jedes sechste zivile Opfer (16 Prozent). Für den schwersten Anschlag mit rund 2000 Kilogramm Sprengstoff* vor der deutschen Botschaft im Mai 2017 meldeten die UN nun offiziell 92 Tote und 491 Verletzte. 

Mehr Opfer nach Luftangriffen

Die Vereinten Nationen verzeichneten außerdem einen Anstieg der zivilen Opfer nach Luftangriffen um sieben Prozent. Die USA weiteten beispielsweise 2017 ihre Luftangriffe gegen Taliban und IS massiv aus - auf mehr als 2000 im ganzen Jahr (2016: knapp 1000). Zwar befindet sich die afghanische Luftwaffe noch im Training, aber sie schießt schon. Für 2018 wird nicht erwartet, dass die Opferzahlen weiter zurückgehen.

Afghanische Sicherheitskräfte inspizieren den Ort eines Selbstmordanschlags. 
"Mit Trumps neuer Afghanistanstrategie, mehr Soldaten im Land, viel mehr Luftangriffen und scharfer Rhetorik gegen die Taliban sehen wir gerade eine Eskalierung, keine Beruhigung der Lage", sagt ein westlicher Diplomat in Kabul, der sich seit Jahren mit den Konflikten in Afghanistan beschäftigt. 
Beide Seiten, die Taliban als auch die USA, setzten nun auf "theatralische Gewalt". "Die USA fliegen für Luftangriffe mit den B-52 die größten Bomber, die sie haben, und die Taliban füllen Ambulanzen mit Sprengstoff", sagte der Experte. "Wenn sich das fortsetzt, sehen wir 2018 neue Rekorde von Zivilopfern."

Die ersten Anzeichen dafür sind schon sichtbar: Im Januar hatten Taliban und IS allein in Kabul vier Anschläge mit rund 150 Toten verübt - unter anderem einen Selbstmordanschlag mit einem als Ambulanz angemalten Wagen in der Stadtmitte und eine 17 Stunden lange Schießerei in einem großen Hotel.

*Anmerkung der Redaktion: Zuerst stand hier 2000 Tonnen.
 Hier das tagesschau.de Interview mit dem Afghanistan-Experten Thomas Ruttig (4.54min.), vom 15.02.2018 >>>

Thomas Ruttig im Interview (15.02.2018) tagesschau.de


Hier der Link zum Artikel von tagesschau.de vom 15.02.2018 >>> 

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Anm.d.Blog-Redaktion: 
Achtung! -- allein einige Textpassagen sind in der Wortwahl extrem unerträglich. Fotos dazu ersparen wir uns. Nach Lesen dieses Berichtes sollte es keine Zweifel daran geben, dass Afghanistan kein sicheres Land ist.

Afghanistan

Gewalt gegen Frauen und Mädchen
Der hier nun folgende Text ist ein Auszug aus dem Bericht für Afghanistan von Amnesty-International für 2016/17

Amnesty-International Report über Afghanistan 2016/17

GEWALT GEGEN FRAUEN UND MÄDCHEN

Im Rahmen der 16-tägigen internationalen Kampagne gegen geschlechtsspezifische Gewalt gab die afghanische Justiz bekannt, in den ersten acht Monaten des Jahres 2016 über 3700 Fälle von Gewalt gegen Frauen und Mädchen registriert zu haben. 
Die Unabhängige Menschenrechtskommission Afghanistans (Afghanistan Independent Human Rights Commission) meldete im ersten Halbjahr 2016 ebenfalls Tausende Fälle von Gewalt gegen Frauen und Mädchen, u. a. Prügelattacken, Tötungen und Säureanschläge.

Im Januar 2016 schnitt in der Provinz Faryab ein Mann seiner Frau die Nase ab. Der Vorfall rief im ganzen Land Entsetzen hervor und wurde auch von einem Taliban-Sprecher verurteilt.

Im Juli 2016 wurde eine schwangere 14-Jährige von ihrem Mann und ihren Schwiegereltern angezündet, um ihren Vater zu bestrafen, der mit einer Cousine des Mannes weggelaufen war, um sie zu heiraten. Die 14-Jährige starb wenige Tage später in einem Krankenhaus in Kabul.


Bewaffnete Gruppen griffen gezielt Frauen an, die beruflich in der Öffentlichkeit auftraten, wie z. B. Polizistinnen. In Gebieten, die von bewaffneten Gruppen kontrolliert wurden, waren die Bewegungsfreiheit von Frauen und Mädchen und ihr Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung stark eingeschränkt.

Nach Angaben von UNAMA gab es immer mehr Fälle von Frauen, die von den Taliban oder anderen bewaffneten Gruppen nach Scharia-Recht öffentlich bestraft wurden.
 Im ersten Halbjahr 2016 dokumentierte UNAMA sechs Fälle islamischer Paralleljustiz, in denen bewaffnete Gruppen Frauen wegen sogenannter moralischer Verbrechen bestraften; zwei Frauen wurden hingerichtet, vier andere ausgepeitscht.

FLÜCHTLINGE UND BINNENVERTRIEBENE
Flüchtlinge

Nach Angaben des Amts des Hohen Flüchtlingskommissars der UN (UNHCR) lebten 2016 etwa 2,6 Mio. afghanische Flüchtlinge in mehr als 70 Ländern. Die Gruppe der afghanischen Flüchtlinge war weltweit die zweitgrößte nach den syrischen Flüchtlingen. Etwa 95% der afghanischen Flüchtlinge lebten in nur zwei Ländern: im Iran und in Pakistan. Sie litten dort unter Diskriminierung, rassistischen Übergriffen und einem Mangel an Grundversorgungsleistungen. Außerdem drohten ihnen Massenabschiebungen.

Etwa 1,4 Mio. afghanische Flüchtlinge, deren legale Aufenthaltsdauer in Pakistan zunächst bis Ende 2016 begrenzt war, mussten mit ihrer Abschiebung rechnen. Nach Schätzungen des UNHCR gab es in Pakistan zusätzlich eine Million nicht registrierte afghanische Flüchtlinge. Im Laufe des Jahres 2016 wurden nach UNHCR-Angaben mehr als 500000 afghanische Flüchtlinge (registrierte und nichtregistrierte) aus Pakistan in ihr Herkunftsland rückgeführt. Es war die höchste Zahl von Rückführungen seit 2002. Die Behörden meldeten in den ersten vier Oktobertagen bis zu 5000 Rückkehrer pro Tag. Die Anfang Oktober 2016 zwischen der Regierung und der EU getroffene Vereinbarung zur Rücknahme einer unbegrenzten Zahl afghanischer Flüchtlinge aus den EU-Mitgliedstaaten trug zur Verschärfung der Lage bei.

Hier geht's zum kompletten Bericht von Amnesty-International von 2016/17 >>>

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Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Deutsches Grundgesetz.

Es gilt für alle Menschen, die sich im
Staatsgebiet von Deutschland aufhalten.


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