Frieden mit den Taliban? "Man kann und man muss mit ihnen reden" // Krieg in Afghanistan Pentagon verschweigt aktuelle Zahlen // 26 Länder fordern sofortiges Ende der Gewalt in Afghanistan

Frieden mit den Taliban?
"Man kann und man muss mit ihnen reden" 

Thomas Ruttig im Gespräch mit Axel Rahmlow und Vladimir Balzer. Seit 17 Jahren wird in Afghanistan Krieg geführt. Jetzt hat der afghanische Präsident Ghani der radikalislamischen Taliban Gespräche angeboten. Asienwissenschaftler Thomas Ruttig arbeitet in Kabul und bewertet das Angebot positiv.

Sicherheitskräfte sichern nach einem Anschlag in Kabul den Tatort. (AFP / Wakil Kohsar)
  
In der afghanischen Hauptstadt Kabul hat Präsident Aschraf Ghani auf einer internationalen Friedenskonferenz den radikalislamischen Taliban eine Waffenruhe und andere weitreichende Zugeständnisse angeboten.

Thomas Ruttig arbeitet in Kabul am Rechercheinstitut Afghanistan Analysts Network und sieht Chancen für mögliche Gespräche zwischen Regierung und den Taliban.
"Es gibt Ansagen von afghanischen Nichtregierungsorganisationen, dass ein ganz großer Teil der afghanischen Bevölkerung für Gespräche mit den Taliban ist. Sie wollen einfach diese 17 Jahre Krieg jetzt, und auch davor gab es ja schon Jahrzehnte von Konflikten und Krieg, endlich vorbei gehen. Hier in Kabul ist die Lage natürlich etwas gespalten, weil gerade Ende Januar die Taliban und auch der hiesige Ableger des Islamischen Staates eine ganze Reihe von schweren Terroranschlägen verübt haben. Da ist natürlich dann die Stimmung nicht so pro Gespräche. Aber letztendlich ist den meisten klar, dass man mit den Leuten reden muss. Außerdem muss man natürlich auch sehen, dass die Taliban vor allem in einigen ländlichen Gebieten, doch auch über eine gewisse, ich sage jetzt mal, Wählerschaft verfügen."
 Die Teilnehmer der zweiten Friedenskonferenz in der afghanischen
Hauptstadt Kabul (AFP / Shah Marai)

"Die Taliban wollen lieber mit den Amerikanern reden"

Thomas Ruttig beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit Afghanistan, und seiner Meinung nach sei es sinnvoll, die Taliban in Verhandlungsgespräche miteinzubeziehen:

"Ja, auf alle Fälle. Die Taliban werden in ihrer inneren Organisation meistens unterschätzt. Man stell sie sich als Haufen von Leuten vor, mit langen Bärten, die in den Bergen mit Kalaschnikows rumlaufen. Aber sie haben eine ziemlich gut funktionierende Organisation landesweit, natürlich unterschiedlich intensiv. Da werden Steuern eingesammelt, da wird Gericht gehalten. Da werden zum Teil auch Infrastrukturprojekte durchgeführt. Man kann mit denen reden, man muss mit ihnen reden. Und es gibt auch einen Ansprechpartner.

Die Taliban haben eine ziemliche Hierarchie. Es gibt einen Führungsrat, der wiederum eine politische Kommissionen autorisiert hat – die sitzt in einem Büro am Golf, im Staat Katar – als ihre Verhandlungsführer zu fungieren. Allerdings wollen die Taliban lieber mit den Amerikanern reden, nämlich über einen Truppenabzug, als mit der afghanischen Regierung. Insofern ist das heutige Angebot, das Präsident Ghani gemacht hat, jetzt erst einmal noch nicht ganz auf Gegenliebe gestoßen."

(jde)
  
Hier der Link zum Artikel von Deutschlandfunk Kultur vom 28.02.2018 >>> 
Anm.d.Blog-Redaktion:
Wenn wir dem obigen Beitrag mit dem Radio-Interview von Deutschlandfunk-Kultur mit Thomas Ruttig folgen, dann können wir nur hoffen, dass auch die US-Regierung dem Angebot grundsätzlich wohlwollend gegenübersteht und eine Gesprächsbereitschaft signalisieren.

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Krieg in Afghanistan
Pentagon verschweigt aktuelle Zahlen

Wie groß ist die Gruppe der Taliban in Afghanistan? Wie viele afghanische Soldaten und wie viele Zivilisten sind ums Leben gekommen? Das US-Verteidigungsministerium verschweigt derzeit entscheidende Daten zum Krieg in Afghanistan. Es könnten die ersten Auswirkungen der neuen US-Sicherheitsstrategie sein.
Von Torsten Teichmann

US-Soldaten in der afghanischen Provinz Nangarhar (Imago) 

Der US-Generalinspekteur für den Wiederaufbau in Afghanistan kann nicht mehr an sich halten. Vor wenigen Tagen beklagt John Sopko im Radiosender NPR, dass ihm das Pentagon seit kurzem untersagt, entscheidende Daten zu veröffentlichen.

"Ich muss einen Zwischenstand liefern: Was geht vor sich, wie gut kommen wir voran? Wir brauchen Belege dafür: Zum Beispiel die Zahl der Afghanen, deren Gehälter wir zahlen. Wie weit sind sie gekommen? Werden sie aufgerieben? Wie viele Gebiete kontrollieren sie. Und das sind Informationen, die wir der amerikanischen Bevölkerung nicht länger zur Verfügung stellen können."

Ein Sprecher der US-geführten Koalition in Afghanistan, Thomas Gresback verteidigte das Pentagon. Ein Mitarbeiter habe einen Fehler gemacht, zitiert das Magazin "Newsweek" den Militär.
Viele ungeklärte Fragen

Aber ist das der einzige Grund? US-Präsident Trump sagte bei der Präsentation der neuen US-Sicherheitsstrategie im Dezember, es sei entscheidend, nicht länger alle Informationen über den Einsatz in Afghanistan preiszugeben.
"In Afghanistan sind unsere Truppen nicht länger geschwächt durch künstliche zeitliche Begrenzungen. Und wir informieren unsere Feinde nicht mehr über unsere Pläne. Das zeigt bereits Ergebnisse."
Das Verteidigungsministerium informiere nicht über getötete afghanische Soldaten und die Zahl der Soldaten, die durch US-Truppen ausgebildet werden, heißt es bei NPR.

Wie groß ist die Gruppe der Taliban in Afghanistan? Wie viele Taliban-Kämpfer wären bereit zu verhandeln? Wie viel Einfluss haben zurückgekehrte Kämpfer des sogenannten Islamischen Staats? Keine der Fragen wollte der stellvertretende Verteidigungsminister Randall Shriver im außenpolitischen Ausschuss des US-Senats vergangene Woche beantworten.

Zahl der getöteten Unbeteiligten gestiegen

Es fehlen zudem zuverlässige Informationen über getötet Zivilisten. Nach Informationen des ARD Studios Süd-Ost-Asien ist die Zahl von Unbeteiligten, die bei Militäreinsätzen getötet worden sind, in den ersten neun Monaten 2017 um 52 Prozent gestiegen. Eine Anfrage des ARD Studios Washington für ein Gespräch zu Afghanistan belässt das Pentagon seit drei Monaten ohne konkreten Termin.

Der stellvertretende Verteidigungsminister Shriver will einige fehlenden Zahlen für die US-Senatoren nachreichen.

"Wir werden sicherstellen, dass wir mit dem Generalinspekteur eng zusammenarbeiten, um transparent zu sein. Es mag in den Zukunft Überlegungen zur Sicherheit von Einsätzen geben, dass man Informationen nicht dem Feind übermittelt. Aber unser Ziel ist Transparenz, wie brauchen die Unterstützung der Bevölkerung und der Abgeordneten."
 
Schweigen führt zu Spekulationen

Und das Militär braucht die Unterstützung der Verbündeten: Die Bundesregierung hat angekündigt mehr Soldanten nach Afghanistan zu entsenden. Aber auf welcher Basis fällt die Entscheidung, wenn der wichtigste Bündnispartner Informationen zumindest zeitweise zurückhält?

Eine Entwicklung die US-Sonder-Generalinspekteur Sopko kritisiert: "Wenn man unnötig Informationen zurückhält, haben die Menschen den Verdacht, dass die Lage verheerender ist, als man uns sagt."

Immerhin: Auf Nachfrage hat das Pentagon erklärt, wie viel Gebiet die afghanische Regierung aktuell kontrolliert: Es sind laut US-Militärs nur noch 56 Prozent Afghanistans. Vor wenigen Jahren waren es noch 72 Prozent des Landes.

Hier der Link zum Artikel vom Deutschlandfunk vom 12.02.2018 >>> 

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26 Länder fordern sofortiges Ende der Gewalt in Afghanistan


In ihrer Abschlusserklärung zu einer großen Friedenskonferenz in Kabul ruft die internationale Gemeinschaft alle bewaffneten Gruppen zu Friedensgesprächen auf und fordert das sofortige Ende der Gewalt. Zu der ganztägigen Konferenz im Rahmen des sogenannten Kabul-Prozesses waren am Mittwoch Vertreter von 26 Ländern, darunter Deutschland, zusammengekommen.
In ihrer Abschlusserklärung zu einer großen Friedenskonferenz in Kabul ruft die internationale Gemeinschaft alle bewaffneten Gruppen zu Friedensgesprächen auf. - Foto: APA/AFP

Hauptthema war, wie die afghanische Regierung mit den radikalislamischen Taliban Frieden schließen kann, die weite Teile des Landes kontrollieren.

Man stehe weiterhin zu einem afghanisch geführten Friedensprozess und stimme überein, dass direkte Gespräche zwischen der afghanischen Regierung und den Taliban der beste Weg seien, das Leiden des afghanischen Volkes zu beenden, heißt es in der Erklärung. Der Krieg gegen die Taliban hat sich seit Ende der Nato-Kampfmission 2014 stark intensiviert. 2017 hatte die UNO 450.000 Binnenflüchtlinge gezählt. Mehr als 10.000 Zivilisten waren getötet oder verletzt worden.

Präsident Ashraf Ghani hatte den Taliban, die zu der Konferenz nicht eingeladen worden waren, umfassende Angebote gemacht, darunter eine Waffenruhe, die Aufhebung von Sanktionen, die Entlassung von Gefangenen und die Anerkennung als politische Partei oder Gruppe. Die Taliban reagierten am Abend darauf mit Lob, aber auch Ablehnung. Solange ausländische Truppen im Land seien, werde es keine Gespräche geben, hieß es.
apa/dpa

Hier der Link zum Artikel von stol.it (Südtirol, Italien) vom 28.02.2018 >>> 

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Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Deutsches Grundgesetz.


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