Familiennachzug - Die große Unbekannte in der Flüchtlingskrise // PRO ASYL - Petition zum Familiennachzug

Familiennachzug

 Die große Unbekannte in der Flüchtlingskrise

Deutschland ist weltweit das Einwanderungsland Nummer eins geworden. Bei all den Integrationsbemühungen droht eine Gruppe von Migranten jedoch durchs Raster zu fallen – mit gravierenden Langfristfolgen.

Der Zusammenhalt der Familie bleibt auch im 21. Jahrhundert eine Macht. Einem vertrauten Menschen in ein fremdes Land folgen, über Hunderte oder Tausende von Kilometern hinweg, ist das wichtigste Einzelmotiv für Migration in die Industrieländer überhaupt.

Zugleich sind diese Familienmigranten eine vergessene Gruppe. Nicht selten konzentriert sich die Aufmerksamkeit der Behörden auf die Primäreinwanderer.

Langfristig droht sich die Vernachlässigung der Familienmigranten zu rächen. Gerade in Deutschland waren die Ehefrauen von Arbeitsmigranten kulturell und gesellschaftlich oft viel schlechter integriert, als es hätte sein müssen. Da sie in vielen Migrantenfamilien hauptverantwortlich für die Erziehung der Kinder sind, kann das wiederum Auswirkungen auf den Integrationserfolg der nächsten Generation haben.

Deutschland avanciert zum Zielland Nummer eins

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat die Dimension der Familienmigration jetzt erstmals flächendeckend analysiert. Den Daten der OECD zufolge sind in den reichen Industriestaaten allein 2015 knapp zwei Millionen Menschen angekommen, die primär den Ehepartner, ein Elternteil oder einen anderen Verwandten begleitet haben oder folgen, der in ein anderes Land migriert ist. Allein in Europa waren es 400.000 Personen. Insgesamt gaben 40 Prozent aller Migranten familiäre Gründe als Triebfeder an, ihre Heimat zu verlassen und sich dauerhaft in einem anderen Staat niederzulassen.

 Der viel diskutierte Familiennachzug bei Schutzbedürftigen stellt eine Form von Familienmigration dar, aber bei Weitem nicht die einzige. Die OECD-Forscher schätzen, dass der gesamte Familiennachzug als Folge der Krise im Bereich von einer Viertel bis einer halben Million Personen liegt. Allerdings bezogen auf sämtliche Industrieländer. Der Nachzug der subsidiär Schutzberechtigten, der besonders umstritten ist, bildet nur einen Teil davon. „Auch wenn die zu erwartenden Zahlen nicht dramatisch hoch sind, so ist das Thema doch stark signalbehaftet“, sagt Thomas Liebig, Migrationsforscher bei der OECD in Paris.

Armin Schuster, der Obmann der CDU im Innenausschuss, hat die möglichen Koalitionäre vor einem Abrücken von der Zuwanderungsbegrenzung gewarnt. „Wenn wir auf Drängen der Grünen den Familiennachzug uneingeschränkt ermöglichen, werden wir um Zurückweisungen an den Grenzen nicht herumkommen“, sagte er der WELT. „Wir können den weiteren humanitären Zuzug nennenswert nur an der Landesgrenze oder beim Familiennachzug unmittelbar begrenzen. Wenn wir beides unterlassen, wird das Ziel der Union, den Zuzug auf 200.000 zu drosseln, unmöglich.“

Das Gros der Familienmigranten sind Frauen. Sie stellen rund drei Viertel aller erwachsenen Familienmigranten in den Industriestaaten. In Deutschland war der Anteil der weiblichen Einwanderer im Jahr der Flüchtlingskrise 2015 relativ niedrig. Nur gut ein Drittel aller Migranten waren Frauen. Allerdings ist im Zuge des jetzt diskutierten Familiennachzugs zu vermuten, dass der Anteil in den Folgejahren steigen wird.

Die Beschäftigung mit der unbekannten Größe Familienmigration ist umso dringender geboten, als die globale Wanderungsbewegung in den vergangenen Jahren massiv an Stärke gewonnen hat. Manche sprechen bereits von einer neuen Völkerwanderung. So ist Deutschland, das sich traditionell nie als Einwanderungsnation definiert hat, in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts das weltweite Zielland Nummer eins geworden.

Familienmigranten sind oft vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen

Im Jahr 2015, das letzte Jahr, für welches die OECD länderübergreifende Daten vorgelegt hat, kamen mit zwei Millionen fast doppelt so viele Menschen in Europas größte Volkswirtschaft wie in das klassische Einwanderungsland USA, wo nur rund 1,1 Millionen registriert wurden. Der Anteil der 2015 frisch Zugewanderten an der deutschen Gesamtbevölkerung belief sich in jenem Jahr auf 2,5 Prozent. Zum Vergleich: Die Vereinigten Staaten verzeichneten in jenem Jahr nur 0,3 Prozent Neuankömmlinge, klassische Einwanderungsländer wie Kanada oder Australien knapp ein Prozent.

Bei den Zahlen handelt es sich um Bruttozahlen: Den zwei Millionen Zuwanderern nach Deutschland standen knapp 900.000 ausländische Staatsbürger gegenüber, die die Bundesrepublik 2015 verließen.
Wie die Erfahrung zeigt, wird gesellschaftliche und kulturelle Eingliederung maßgeblich durch das Miteinander am Arbeitsplatz vorangetrieben. Genau da haben Familienmigranten aber oft schlechtere Voraussetzungen. „Es gibt Länder, in denen einige Gruppen immer noch vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind“, erklärt Liebig, der die OECD-Studie zur Integration von Familienmigranten zusammen mit Anne-Sophie Senner verfasst hat. Die Studie trägt den Titel „Making Integration Work – Family Migrants“.

Im Großen und Ganzen ist Bürokratie aber nicht das Problem. Wie viele andere Länder hat auch Deutschland die gesetzlichen Beschränkungen inzwischen abgebaut, die früher verhinderten oder stark erschwerten, dass zum Beispiel die Ehefrauen und erwachsene Kinder von Einwanderern unkompliziert und schnell eine Arbeit aufnehmen können.
 

Dennoch ist die Beschäftigungsquote von Familienmigranten häufig deutlich niedriger als die der ursprünglichen Einwanderer, denen sie folgten. „Familienmigranten haben tendenziell ein niedrigeres Bildungsniveau als andere Einwanderergruppen und haben in der Regel keinen direkten Bezug zum Arbeitsmarkt“, stellen die OECD-Forscher fest und benennen damit zwei wesentliche Gründe. Auch wenn die Werte in den vergangenen Jahren eine Aufwärtstendenz zeigten, sei noch einiges zu tun.

Aber auch kulturelle Prägungen und Präferenzen könnten eine Rolle spielen, räumen die Forscher ein, vor allem mit Blick auf Länder, in denen die Erwerbstätigkeit von Frauen unüblich ist.
Forscher empfehlen schnelles Nachholen

Ein Limbus des langen Wartens im Heimatland scheint aus wissenschaftlicher Sicht nicht empfehlenswert. Aus Sicht des Wissenschaftlers spricht viel dafür, dass die Angehörigen früh in das Gastland geholt werden. „Das Alter, in dem die Migranten ankommen, hat große Auswirkungen auf ihre Integrationsaussichten“, sagt Liebig. Je früher Kinder zum Beispiel ins Erziehungssystem integriert werden, desto besser sind die Aussichten, dass sie gute schulische Leistungen erbringen und einen höheren Abschluss machen. Selbst mangelnde Sprachkenntnisse der Eltern könnten auf diese Weise ausgeglichen werden.
Bei Kindern, die das Gastland noch vor dem Einschulungsalter erreichen, lassen sich Liebig zufolge keine Unterschiede gegenüber im Land geborenen Kindern von Migranten feststellen. Ganz anders sieht es aus, wenn sie mit sieben oder später einwandern: „In fast allen Ländern der OECD beobachten wir in diesem Fall ein deutlich schlechteres Abschneiden“, betonen Liebig und Senner. Die Forscher schlagen deshalb vor, dass Einwanderer ihre noch im Heimatland verbliebenen Familienangehörigen relativ schnell nachholen. Hier gelte, je früher, desto besser. Damit Familienmigranten kein Hemmnis für die Integration insgesamt werden, sind nach Einschätzung der Forscher allerdings noch andere Maßnahmen erforderlich.

Hier der Link zum Artikel von Welt N24 vom 13.11.2017 >>>  

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Familiennachzug
PRO ASYL - Petition


Viele Flüchtlinge in Deutschland haben enge Verwandte, die im Herkunftsland, in Nachbarstaaten oder auf der Balkanroute zurückgeblieben sind. Oft war der Weg gerade für Frauen und Kinder zu gefährlich, häufig reichen die finanziellen Mittel auch nur für die Flucht von einer Person. Während die in Deutschland Angekommenen teilweise jahrelang auf eine Entscheidung in ihrem Asylverfahren warten, harren ihre Familien oft unter schwierigsten Umständen aus. Seit mit dem „Asylpaket II“ der Familiennachzug für subsidiär Geschützte jedoch für 2 Jahre ausgesetzt wurde, ist ihre Situation noch aussichtsloser geworden – denn nun erhalten auch Flüchtlinge aus Syrien häufig nur noch den subsidiären Schutz. Im Klartext bedeutet das für viele Familien eine Trennung auf Jahre hinweg: Zur Dauer des Asylverfahrens und der Gesetzesverschärfung kommt nämlich noch, dass die Wartezeit für eine Visumsbeantragung in den deutschen Botschaften der syrischen Nachbarländer ebenfalls viele Monate betragen kann. 

Familien gehören zusammen!
Flüchtlinge dürfen nicht über Jahre
von ihren Angehörigen getrennt werden!

Unterstützen Sie unsere Petition an die Abgeordneten des Deutschen Bundestags!

Beschreibung

Viele Flüchtlinge in Deutschland sind gezwungen, lange Zeit von ihren Familien getrennt zu leben. Die Situation ist unerträglich und muss geändert werden!

Wir fordern alle Abgeordneten des Deutschen Bundestags dazu auf, die erzwungene Trennung von Flüchtlingsfamilien zu beenden.

Die Aussetzung des Familiennachzugs für subsidiär Geschützte muss sofort aufgehoben werden! Das Visumsverfahren für nachzugsberechtigte Familienmitglieder muss beschleunigt werden! In Griechenland gestrandete Familienangehörige müssen unverzüglich einreisen dürfen!

Begründung

Während ein Familienmitglied in Sicherheit ist, müssen die anderen um ihr Leben fürchten – dies ist das unverantwortliche Ergebnis einer Gesetzesverschärfung im Asylpaket II. Zum Hintergrund: Verfolgte, die aus Kriegsgebieten nach Deutschland fliehen, erhalten seit einiger Zeit häufig nur noch einen so genannten subsidiären Schutz. Im März 2016 beschloss die Bundesregierung, den Familiennachzug für diese Menschen bis März 2018 komplett auszusetzen. Erst nachdem diese Frist verstrichen ist, dürfen die Betroffenen überhaupt beantragen, ihre Angehörigen zu sich nach Deutschland zu holen.

Diese Regelung ist unmenschlich. Und nicht nur das: Im schlimmsten Fall hat sie tödliche Folgen!

Die Gefahr, der zurückgebliebene Familien in Kriegs- und Krisengebieten ausgesetzt sind, ist groß. Manche können nicht mehr warten und wagen sich sogar mit kleinen Kindern auf die gefährlichen Fluchtrouten. Erst Ende März ertrank die Familie eines in Deutschland subsidiär Geschützten in der Ägäis. Nach über zwei Jahren Trennung hatte sich seine Frau mit ihren zwei kleinen Kindern zu ihm auf den Weg gemacht.

Auch Flüchtlinge, die gemäß der Genfer Flüchtlingskonvention anerkannt sind und einen Anspruch auf Familiennachzug haben, müssen lange Wartezeiten in Kauf nehmen. In den deutschen Botschaften in Amman, Beirut oder Ankara dauert es viele Monate, bis die Menschen überhaupt nur einen Termin zur Vorsprache erhalten. Bis zur Visumerteilung vergehen dann weitere Wochen und Monate. Wie viele nachzugsberechtigte Menschen währenddessen in den Kriegs- und Krisenregionen getötet werden, ist unbekannt. Zwischen Januar und September 2016 erhielten lediglich rund 40.000 Angehörige anerkannter syrischer Flüchtlinge ein Visum.

Dazu kommt: Tausende Flüchtlinge, deren Familienangehörige bereits in Deutschland sind, sitzen aktuell in Griechenland fest. Familien haben gemäß der Dublin-Verordnung einen Rechtsanspruch darauf, dass ihr Verfahren im gleichen EU-Staat durchgeführt wird. Trotzdem werden diese Überstellungen von Deutschland bewusst verzögert, wie die öffentlich gewordene Korrespondenz zwischen dem griechischen Migrationsminister Mouzalas und Innenminister de Maizière zeigt. Dort heißt es:

„Überstellungen zur Familienzusammenführung nach Deutschland werden wie vereinbart verlangsamt. […] Ich muss sie informieren, dass mehr als 2.000 Menschen betroffen sein werden und manche werden Jahre warten müssen, bevor sie nach Deutschland reisen können.“

Der Deutsche Bundestag muss in diesen Punkten endlich handeln! Die besondere Schutzwürdigkeit von Ehe und Familie ist im Grundgesetz verankert. Sie muss auch für geflüchtete Menschen und ihre Familien uneingeschränkte Gültigkeit haben. Daher fordern wir:

Die Aussetzung des Familiennachzugs für subsidiär Geschützte beenden!
Visumsverfahren für nachzugsberechtigte Familienmitglieder beschleunigen!
Unverzügliche Einreise von in Griechenland gestrandeten Angehörigen!

UM DIESE MENSCHEN GEHT ES 

Die Begrenzungen und Schwierigkeiten beim Familiennachzug betreffen viele Menschen – oft mit dramatischen Folgen. Exemplarisch stellen wir fünf beispielhafte Einzelfälle vor:

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Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Deutsches Grundgesetz.


   
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