Familiennachzug bei Flüchtlingen: „Die Zahlen werden hochgespielt“ // Bayerns Innenminister Herrmann: Beschränkung von Familiennachzug soll bleiben

Deutlich niedriger als prognostiziert

Familiennachzug bei Flüchtlingen:
„Die Zahlen werden hochgespielt“
Laut einer aktuellen Studie kommen über den Familiennachzug deutlich weniger Menschen nach Deutschland als bisher angenommen. Auch die Asylhelfer in den Landkreisen berichten, dass die Zahlen sehr niedrig sind. Probleme bereitet ihnen allerdings etwas ganz anderes.
von Katrin Woitsch

Wieder vereint: Vergangenes Jahr hat das Auswärtige Amt 103.883 Visa zur Familienzusammenführung erteilt. Die Zahlen der Menschen, die nach Deutschland nachkommen, sind deutlich geringer als prognostiziert.
© dpa
 
  
München – Prognosen bringen Jost Herrmann schon lange nicht mehr aus der Ruhe. Schon gar nicht, wenn es um das Thema Familiennachzug geht. Er ist Asylkoordinator im Kreis Weilheim-Schongau. 

Anfang des Jahres war von etwa 70 Menschen die Rede, die über den Familiennachzug in den Landkreis kommen würden. „Das Jahr ist fast zu Ende und bis jetzt waren es 35 Personen“, sagt Herrmann. Und für alle von ihnen hat sich schnell eine Lösung gefunden. Weil Kommunen und Ausländerbehörde pragmatisch zusammenarbeiten. „Das ganze Thema wird viel zu sehr
aufgebauscht“, sagt Herrmann. 

Nur ein Antrag in 2017 in Oberhaching

Mit dieser Meinung ist er nicht allein. Auch Claudia Köhler, Sozialreferentin in Unterhaching (Kreis München), berichtet, die Zahlen würden „hochgespielt“. „In Oberhaching gab es in diesem Jahr nur einen einzigen Antrag“, sagt sie. Auch landkreisweit sind die Zahlen niedrig. 34 Menschen, die mit Visa nach Deutschland gekommen sind, leben aktuell in den Gemeinschaftsunterkünften und suchen nach einer Wohnung. „Dazu kommen noch einige, deren Angehörige hier bereits eine Wohnung gefunden haben“, sagt Köhler. „Aber um die müssen sich die Gemeinden ja nicht kümmern.“

Dass die Zahlen deutlich niedriger sind als vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) prognostiziert, ist nicht nur ein subjektiver Eindruck der Asylhelfer.

Eine aktuelle Studie des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat dasselbe ermittelt. Demnach kommen auf jeden anerkannten Flüchtling nur 0,28 Ehepartner oder minderjährige Kinder. Das BAMF war bisher von einem Nachzugsfaktor von 0,9 bis 1,2 ausgegangen. 

In Zahlen bedeutet das einen großen Unterschied. „Wir müssen für die in den Jahren 2015 und 2016 nach Deutschland eingereisten Flüchtlinge von 100.000 bis 120.000 nachziehenden Ehepartnern und Kindern ausgehen“, sagt der Migrationsforscher Herbert Brücker, der für die Studie gemeinsam mit seinem Team 4800 Flüchtlinge befragt hat. Diese Zahl hält er für bewältigbar. Das BAMF hatte bisher mit einer halben Million Menschen gerechnet.

„Nur etwa 45 Prozent der Asylbewerber sind verheiratet“

Es ist die bisher erste wissenschaftlich fundierte Studie zum Familiennachzug. Für Migrationsforscher Brücker ist das Ergebnis jedoch keine große Überraschung. „Nur etwa 45 Prozent der Asylbewerber sind verheiratet, und nur etwa genauso viele haben Kinder“, berichtet er. „Außerdem sind zwei Drittel der Familien zusammen geflüchtet.“ Der Kinderdurchschnitt liege bei 2,7 pro Familie. „Die wenigsten sind Großfamilien, so wie immer behauptet wird.“

90 bis 95 Prozent der Befragten hatten laut Brücker zwar angegeben, dass sie Familienangehörige gerne nachholen möchten. Doch in der Praxis gelinge das deutlich weniger Familien, berichtet er.

Einen Anspruch auf Familiennachzug haben nur anerkannte Flüchtlinge. Sie haben nach Abschluss des Asylverfahrens drei Monate Zeit, um bei den Ausländerbehörden in ihren Heimatländern einen entsprechenden Antrag zu stellen. Daran scheitert es im Alltag am häufigsten, erklärt Brücker. „In Syrien gibt es kein deutsches Konsulat, die Anträge müssen in Beirut im Libanon gestellt werden.“ Dafür sind Dokumente nötig, die vielen Familien fehlen.
 

Nachzügler müssen für Flug und die Visa zahlen

Auch das Geld für den Flug und die Visa müssen die Familien selbst aufbringen. „Es ist nur ein Gerücht, dass Deutschland ihnen die Flüge oder die Visakosten zahlen würde“, sagt Migrationsberaterin Lisa Braun-Schindler. „Deutschland gibt ihnen das Recht zu kommen – nicht mehr, nicht weniger.“ Ihr Landkreis Miesbach vergibt aber Darlehen an Flüchtlinge, die sie ratenweise abzahlen können. Dennoch liegen die Zahlen auch dort im zweistelligen Bereich. Aktuell weiß Braun-Schindler von 29 Anträgen, die 79 Personen betreffen. Diese Größenordnung sei gut zu bewältigen, betont sie. Auch in Miesbach arbeiten die Behörden eng zusammen, helfen, Wohnungen und pragmatische Lösungen zu finden.

„Das größte Problem ist, dass es immer schnell gehen muss“, berichtet Jost Herrmann aus Weilheim. „Wir erfahren nur wenige Tage vorher, dass Familien unterwegs sind.“ Das ist die Herausforderung, vor der die Helferkreise stehen. Viel Zeit bleibt ihnen meist nicht, um eine geeignete Wohnung zu finden. Außerdem helfen sie beim Deutschlernen, bei der Beantragung der Integrationskurse, bei der Einschulung der Kinder. „Das sind viele Aufgaben“, sagt Herrmann. Trotzdem ist er dankbar, dass es den Familiennachzug gibt. „Für die Integration ist er sehr wichtig“, betont er. Sie gelingt schneller, wenn die Sorge um die Familie wegfällt – und das schlechte Gewissen, die Angehörigen im Stich gelassen zu haben.
Hier der Link zum Artikel von Merkur.de vom 04.11.2017 >>>

Dazu >

Flüchtlingspolitik
Bayerns Innenminister Herrmann: Beschränkung von Familiennachzug soll bleiben
Vor der Jamaika-Runde zu Asyl hat sich Bayerns Innenminister Herrmann gegen einen Familiennachzug bei Flüchtlingen mit eingeschränktem Schutzstatus ausgesprochen.
Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) kommt zur Sondierungsrunde ins Adenauerhaus in Berlin.
© dpa

Vor der Jamaika-Sondierungsrunde zu Flucht und Asyl hat sich Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) erneut gegen einen Familiennachzug bei Menschen mit eingeschränktem Schutzstatus ausgesprochen. Es handele sich um Menschen, die nur vorübergehend Schutz suchen etwa vor einem Bürgerkrieg und nach dem Ende des Krieges wieder zurück müssten, sagte Herrmann am Donnerstag im ZDF-Morgenmagazin. „Jemand, der sowieso in Bälde zurück muss, braucht keinen Familiennachzug“, sagte der CSU-Politiker.


Die große Koalition hatte den Familiennachzug bei Menschen mit eingeschränktem Schutzstatus - subsidiär Geschützte - für zwei Jahre ausgesetzt: bis März 2018. Die Union will die Beschränkung nun über das Datum hinaus verlängern. Nach dem Willen der Grünen soll der Familiennachzug dagegen künftig wieder uneingeschränkt möglich sein.

Ein Syrer hatte kürzlich in der Talkshow von Sandra Maischberger seine Situation geschildert: Er sei in dem Glauben nach Deutschland geflohen, er könne Frau und Kind bald nachholen, nun hat er sie fast zwei Jahre lang nicht gesehen.

Herrmann äußerte sich skeptisch über die Chancen einer raschen Einigung bei den Jamaika-Gesprächen. „Ob es da heute schon eine Verständigung geben wird, wage ich zu bezweifeln“, sagte er.
dpa

Hier der Link zum Artikel von Merkur.de vom 26.10.2017 >>> 

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Zur Erinnerung 
Artikel 6 des GG
(1) Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.
(2) Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.
(3) Gegen den Willen der Erziehungsberechtigten dürfen Kinder nur auf Grund eines Gesetzes von der Familie getrennt werden, wenn die Erziehungsberechtigten versagen oder wenn die Kinder aus anderen Gründen zu verwahrlosen drohen.
(4) Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft.
(5) Den unehelichen Kindern sind durch die Gesetzgebung die gleichen Bedingungen für ihre leibliche und seelische Entwicklung und ihre Stellung in der Gesellschaft zu schaffen wie den ehelichen Kindern.
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Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Deutsches Grundgesetz.


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Kommentare

  1. Dieses Recht gilt aber nur für CSU-Familien. Allen anderen Familien wird das Recht auf ein Zusammenleben verwehrt. Schlimm finde ich, dass es auch noch unter dem Deckmantel der Christlichkeit gefordert wird. Wo bleibt da die Humanität, wo bleibt da der christliche Gedanke?

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