Anis Chowdhury und Jomo Kwame Sundaram: "Afrika ZWISCHEN SCHOCKSTRATEGIE UND EXODUS" (mit Einleitung) // NACHTRAG Fluchtursachen, von denen auch wir in Europa profitieren - Auszug aus dem Buch DAS ENDE DER MEGAMASCHINE von Fabian Scheidler

EINLEITUNG
zum nachfolgenden Artikel  von Anis Chowdhury und Jomo Kwame Sundaram

Dieser Artikel bezieht sich auf Afrika, allerdings ist dieser Artikel eine klare Blaupause für den Planeten, hinsichtlich wirtschaftlicher Basissysteme, die wir auch unschwer aus dem Text dieses hevorragenden Artikels herauslesen können, ja müssen! 

Wer diese Zusammenhänge versteht, der wird auch die Flüchtlingsströme viel besser verstehen lernen. Unser Blog berichtet über Einzelschicksale, über Rahmenbedingungen im europäisch-aufgeklärten Raum, wenn es um Fluchtursachen, Integration, Menschenrechte und regionale Befindlichkeiten von Staaten geht. Wir berichten über die verzweifelten Versuche, über Fluchtrouten Regionen in dieser Welt zu erreichen und sehen täglich Bilder von toten Menschen, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um eine menschenwürdige Existenz für ihre Familien in genau den Staaten zu erreichen, die ihre Heimatländer permanent und skrupellos ausbeuten. 

Diese Einleitung zum nachfolgenden Artikel liegt mir sehr am Herzen und als Zusatz und Untermauerung werde ich noch einige Zeilen aus dem Buch (DAS ENDE DER MEGAMASCHINE) von Fabian Scheidler hinzufügen, die dann vielleicht noch ein wenig mehr Licht ins Dunkle bringen, denn es ist ein bedrohliches Dunkel, was wir als Vertreter des Humanismus und der Menschenrechte beständig erhellen müssen. Über 60 Millionen Menschen sind weltweit aus den unterschiedlichsten Gründen auf der Flucht. 
Horst Berndt Okt. ´17

Afrika

ZWISCHEN SCHOCKSTRATEGIE UND EXODUS
Von Anis Chowdhury und Jomo Kwame Sundaram

Warum versuchen so viele junge Afrikaner, den Kontinent ihrer Geburt zu verlassen? Und warum riskieren sie dafür sogar ihr Leben? Antworten geben katastrophale Strukturanpassungsprogramme
istock/searagen
 

Warum versuchen so viele junge Afrikaner, den Kontinent ihrer Geburt zu verlassen? Und warum riskieren sie dafür sogar ihr Leben? Antworten geben katastrophale Strukturanpassungsprogramme.

Kein einziger Monat vergeht ohne schreckliche Ereignisse und Katastrophen. In der ersten Hälfte dieses Jahres mussten mindestens 2.247 Migranten bei dem Versuch, über Spanien, Italien oder Griechenland nach Europa zu kommen, ihr Leben lassen oder werden als vermisst gemeldet. Im gesamten vergangenen Jahr wurden 5.096 Todesfälle verzeichnet. So die Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM).

Die Mehrheit dieser Toten, die als „Wirtschaftsmigranten“ leicht zu Opfern von Menschenhändlern werden, waren junge Afrikaner im Alter zwischen 17 und 25 Jahren.
Der ehemalige Chef der britischen Mission in Benghazi (Libyen) behauptete im April, dass sich ca. eine Million weitere junge Menschen aus ganz Afrika auf dem Weg nach Libyen befinden. Was sie antreibt: der Traum von Europa. 
 

Warum Afrika den Rücken kehren?

Warum versuchen so viele junge Afrikaner, den Kontinent ihrer Geburt zu verlassen? Warum riskieren sie sogar ihr Leben, um aus Afrika zu fliehen?

Ein Teil der Antwort liegt in dem Scheitern der früheren, meist vom Westen auferlegten Wirtschaftspolitik. Viele Länder Afrikas mussten sich seit den 1980er Jahren den auf Liberalisierung und Privatisierung basierenden Strukturanpassungsprogrammen (SAPs) unterwerfen. Die Weltbank, die Afrikanische Entwicklungsbank und auch die meisten westlichen Geldgeber unterstützten die SAPs. Und das, obwohl die UN bereits damals vor den negativen sozialen Konsequenzen warnte.

Die Befürworter der Programme versprachen indes, dass private Investitionen, Exporte und damit Wachstum und Wohlstand nicht lange auf sich warten lassen würden. Heute immerhin geben einige Vertreter der in Washington ansässigen Bretton-Woods-Institutionen zu, dass die Keule des „Neoliberalismus“ zu fest geschwungen wurde. So werden die 1980er und 1990er Jahre im Rückblick gar als „verlorene Jahrzehnte“ angeprangert.

Auch wenn von den SAPs Ende der 90er Jahre offiziell Abstand genommen wurde, deren Nachfolger waren keineswegs besser. Nun herrschte die Überzeugung, dass die sogenannten „Poverty Reduction Strategy Papers“ (PRSPs) der Weltbank und des IWF samt einigen zaghaften Modifizierungen der bestehenden Rezepte die Armut würden reduzieren können.

In der Zwischenzeit halten sich die G8-Länder nicht einmal an die Verpflichtungen, die sie sich im Jahr 2005 beim Treffen im Gleneagles Hotel eigens auferlegten. Eigentlich sollten für Afrika jährlich zusätzliche 25 Milliarden US Dollar bereitgestellt werden, um mit dann einer um 50 Milliarden US-Dollar gesteigerten finanziellen Unterstützung endlich „Armut zur Geschichte zu machen“.

Armenhaus Afrika

„Dank“ der SAPs, der PRSPs und derer ergänzenden Maßnahmen wurde Afrika zum einzigen Kontinent, der bis zum Ende des 20. Jahrhunderts – und damit während der 15-jährigen Periode der Millennium-Entwicklungsziele – einen massiven Anstieg der Armut verzeichnete. Tatsächlich lebt heute fast die Hälfte der Bevölkerung des afrikanischen Kontinents in Armut.

Laut dem Weltbank-Bericht „Poverty in Rising Africa“ stieg die Zahl der Afrikaner, die von extremer Armut betroffen sind, zwischen 1990 und 2012 um mehr als 100 Millionen auf nun etwa 330 Millionen Menschen an. Der Bericht reflektiert anschaulich, dass „die Ärmsten der Armen der Welt zunehmend in Afrika konzentriert sein werden“.

Zudem hat der Kontinent eine Phase steigender wirtschaftlicher Ungleichheit erlebt. Diese ist nun höher als in den übrigen Entwicklungsländern und hat sogar die Rate Lateinamerikas überholt. Der nationale Gini-Koeffizient – die am häufigsten verwendete Maßzahl von Ungleichheit – liegt im gesamten afrikanischen Kontinent durchschnittlich bei rund 0,45. Nicht nur hat er in einigen Ländern bereits die Marke von 0,60 überschritten, sondern weist auch in den letzten Jahren eine stetige Steigerung auf.

Während die Demografie Afrikas von der Jugend geprägt ist, mit einem großen Anteil 15-24-jähriger in der Bevölkerung, gelingt es nicht einmal ansatzweise, diese mit ausreichend anständigen Arbeitsplätzen zu versorgen. Selbst Südafrika, die am stärksten entwickelte Wirtschaft im subsaharischen Afrika (SSA), hat eine Jugendarbeitslosenquote, die auf 54 % beziffert wird.

In der Realität könnte die Lage sogar noch schlimmer sein. Entmutigte Jugendliche, die keine Chance haben, eine vernünftige Arbeit zu finden, fallen irgendwann aus der Menge der Erwerbsbevölkerung heraus und tauchen demzufolge auch nicht mehr in den Arbeitslosenstatistiken auf.
Überleben in Afrika

In Abwesenheit sozialer Sicherungssysteme können es sich die meisten Menschen schlicht nicht leisten, arbeitslos zu bleiben. Um zu überleben, müssen sie jede mögliche Arbeit akzeptieren, die angeboten wird. Das ist der Grund, warum Afrika eine unglaublich hohe Quote an „Erwerbsarmen“ und Unterbeschäftigungsverhältnissen aufweist. In Ghana beispielsweise, beträgt die offizielle Arbeitslosenquote nur 5,2 %, während die Unterbeschäftigungsquote aber bei 47,0 % liegt!

Viele afrikanische Länder haben nach der Jahrhundertwende jährliche Wachstumsraten von 5 % oder mehr erreicht. SAP und PRSP-Befürworter beanspruchten solche Lorbeeren für das Ende des „verlorenen Vierteljahrhunderts“ Afrikas schnell für sich. Die von ihnen vorangetriebenen Reformen würden nun endlich Früchte tragen. Doch nachdem sich die Rohstoffpreise seit 2014 im Bodenlosen befinden, sind die neoliberalen Helden wieder zum Schweigen verdammt worden.

Mit der Liberalisierung des Handels und einer daraus resultierenden größeren Spezialisierung der Wirtschaft sind viele afrikanische Länder nun noch abhängiger von einzelnen, wenigen Exportgütern. Die Top-5-Exporte der SSA-Staaten sind alle natürliche Ressourcen, die nicht erneuerbar sind. Im Jahr 2013 haben sie mehr als 60 % der Exporte ausgemacht.

Die Verknüpfungen von rohstoffgewinnenden Aktivitäten mit der übrigen Volkswirtschaft sind mittlerweile niedriger als je zuvor. So hat der Strukturwandel vielen afrikanischen Volkswirtschaften trotz eindrucksvoller Wachstumsraten letztlich eine hohe Anfälligkeit für externe Schocks beschert.
 

Erneuter Fehlstart?

Afrika besitzt rund die Hälfte aller unbebauten Ackerflächen in der Welt. Sechzig Prozent der SSA-Bevölkerung arbeiten in der Landwirtschaft oder mit ihr assoziierten Sektoren. Dennoch hat die landwirtschaftliche Produktivität seit den 1980er Jahren meist stagniert.

Mit der Stagnation in der Landwirtschaft zog es die Menschen aus den ländlichen in die städtischen Gebiete, in der Hoffnung, dort zumindest ein etwas erträglicheres Leben zu finden. Es folgte eine rasche Urbanisierung einhergehend mit wachsenden Slums. Laut UN Habitat leben 60 % der städtischen Bevölkerung der SSA-Länder in Slums, ohne ausreichenden Zugang zu grundlegendsten Dienstleistungen, von neuen Technologien ganz zu schweigen.

Mächtige ausländische Akteure, darunter die Bretton-Woods-Institutionen und andere Geldgeber, sprachen sich für den Aufbau landwirtschaftlicher Großproduktion aus. Sie sahen darin den einzigen Weg, um die Produktivität zu steigern. Mehrere Regierungen haben daraufhin Land an internationale Agrarkonzerne verpachtet, oft ohne Rücksichtnahme auf das Schicksal der lokalen Landbevölkerung, die schlicht verdrängt wurde.

Mittlerweile ist der Anteil Afrikas an der weltweiten Produktion von etwa 3 % im Jahr 1970 auf weniger als 2 % im Jahr 2013 gesunken. Der Anteil des verarbeitenden Gewerbes am gesamten afrikanischen BIP ist von 16 % im Jahr 1974 auf rund 13 % im Jahr 2013 zurückgegangen. Mit rund einem Zehntel am BIP ist dieser Anteil in den SSA-Ländern deutlich niedriger als in anderen Entwicklungsregionen. Wenig überraschend kann man in Afrika in den letzten vier Jahrzehnten eine regelrechte Deindustrialisierung beobachten.

Angesichts dieser desaströsen Entwicklungen ist zu bezweifeln, dass der von der G20 in Hamburg präsentierte “compact with Africa“ ein wirksames Instrument zur Bekämpfung von Armut und Klimawandel darstellt. Ohne einen fundamentalen Strategiewechsel in der Wirtschaftspolitik wird der Exodus aus Afrika nicht gestoppt werden können.
Die Autoren des Artikels >  




Anis Chowdhury lehrte Wirtschaftswissenschaften an der University of Western Sydney. Zwischen 2008-2015 bekleidete er hochrangige Positionen bei den Vereinten Nationen in New York und Bangkok.
 
Jomo Kwame Sundaram ist emeritierter Wirtschaftsprofessor. Er war Generalsekretär der Vereinten Nationen für wirtschaftliche Entwicklung und erhielt im Jahr 2007 den Wassily-Leontief-Preis für die Erweiterung der Grenzen des ökonomischen Denkens.
  



Hier der Link zum Artikel von Makroskop vom 12.10.2017 >>> 
NACHTRAG 
Fluchtursachen, von denen auch wir in Europa profitieren - Ein kleiner Auszug aus dem Buch (DAS ENDE DER MEGAMASCHINE) von Fabian Scheidler
 
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Macht und Ohnmacht im modernen Weltsystem (Teil II, Die Megamaschine, Seite 103) 
Macht und Ohnmacht im modernen Weltsystem
Im Namen von Heil und Fortschritt verwandelten Europäer mit Beginn der Neuzeit die halbe Welt in eine Hölle auf Erden. Aus Geldwirtschaft, Metallurgie und Kriegsbusiness hatte sich eine Machtmaschinerie entwickelt, die in der Lage war, sowohl jeden Widerstand innerhalb Europas zu brechen als auch nach außen Schritt für Schritt andere Länder und ganze Kontinente zu unterwerfen. 
Diese Machtmaschine hat auf den ersten Blick einige Ähnlichkeiten mit Imperien wie dem römischen, bei näherer Betrachtung zeigt sich aber, dass sie anders funktioniert. 
Ein Indiz für die Neuartigkeit des Systems ist der merkwürdige Umstand, dass der moderne Staat, im Unterschied zu vorangegangenen Staatswesen, von Anfang an ein verschuldeter war. Nur mit den Krediten der Handelsmagnaten konnten sich Regenten Söldner und Waffen kaufen und damit Kontrolle über Territorien und ihre Bewohner erlangen. 
Aus diesem Grund ist das Machtverhältnis zwischen Kapitalbesitzern und Regierenden in der Neuzeit bis heute ein grundsätzlich anderes als in der Antike. Während in Imperien wie dem römischen oder in den chinesischen Großreichen die Stärkung der staatlichen Zentralgewalt und die Konsolisierung des Reichs das übergeordnete Ziel war, ist im modernen Weltsystem staatliche Gewalt vor allem ein Mittel, um den Weg für die ungehinderte Vermehrung des Geldkapitals zu ebnen. 
Markt und Staat sind in beiden Fällen unzertrennlich, aber ihr Verhältnis hat sich tendenziell umgekehrt. 
Dieses neue Verhältnis hat weitreichende Konsequenzen: Weil das System einschließlich der Staaten von der Logik der endlosen Geldvermehrung angetrieben wird, kennt es keinen zu erreichenden und zu konservierenden Endzustand, sondern ist auf unendliche Expansion angelegt. 
Die Kehrseite der neuen Machtfülle war die Ohnmacht breiter Bevölkerungsteile, die radikaler Verarmung, Entwurzelung und Gewalt unterworfen wurden.  

 (Anm.d.Blog-Redaktion: Fluchtursachen durch diese Zusammenhänge) 

Die Umwälzungen der frühen Neuzeit sind keine Sache der Vergangenheit. Die Monster der Moderne leben noch heute in uns fort, in einer Gesellschaft, die die totale Konkurrenz aller gegen alle zu ihrem obersten Prinzip erhoben hat. Das ökonomisch-politische System, das damals mit Gewalt geschaffen wurde, hat sich seither über die ganze Erde ausgebreitet. Es ist unser heutiges System, auch wenn manche Teile sich seither verwandelt haben. 
Tatsächlich zeigt die Geschichte, der Frühen Neuzeit sehr deutlich, dass sich weder die ökonomische Macht des Kapitals, ohne die physische Gewalt des Staates hätte entwickeln können noch umgekehrt; dass beide eng an die Ausweitung des metallurgischen Komplexes gebunden waren (und es bis heute sind); und dass die Expansion stets mit einer universalistischen Idiologie legetimiert wurde, zunächst im christlichen Gewand, später im Namen von >Zivilisationen<,  >Vernunft< und >freiem Markt<. 
Auszug aus dem Buch (Das Ende der Megamaschine) von Fabian Scheidler
  
Anm.d.Blog-Redaktion: Wenn man den großen Rahmen, der sich im Laufe der Zeit entwickelt hat betrachtet und in sich versteht, dann erscheint der Artikel der beiden Wissenschaftler im Lichte der Erkenntnis dessen, dass Afrika nur ein Teil davon ist, was sich weltweit auf den Kontinenten abspielt. 
Am Ende verstehen wir dann vielleicht auch die Menschen, die vor diesen von Menschen geschaffenen Zuständen fliehen - müssen! 
Horst Berndt Okt. ´17 

Hier der Link auf Fabian Scheidler's Web-Site zur Megamaschine >>>
http://www.megamaschine.org/

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Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Deutsches Grundgesetz.


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