Eine syrische Familiengeschichte, eine Geschichte voller Leid und Angst


Eine syrische Familiengeschichte, eine Geschichte voller Leid und Angst

***

Nasir, der Vater der Familie B. aus Kiel, ist vor wenigen Tagen in Aleppo gestorben. Er wurde auf dem Weg zum Wasser holen von einem Heckenschützen erschossen.

Aus der Facebookgruppe Refugees welcome in Kiel 


 Aleppo, ein zerstörte Stadt

Es ist eine unfassbar traurige Nachricht.

Nasir, der Vater der Familie B. aus Kiel, ist vor wenigen Tagen in Aleppo gestorben. Er wurde auf dem Weg zum Wasser holen von einem Heckenschützen erschossen. 

Der Familie geht es sehr schlecht, eine Tochter hatte einen Nervenzusammenbruch, weint Tag um Tag, starrt mit leeren Augen ins Nichts und ist kaum ansprechbar. Ihr Bruder Mohamad sagt, er weiß nicht, wie er ohne seinen Vater weiterleben soll. Die zweite Schwester starrt weinend auf das Handyfoto vom Leichnam ihres Vaters und küsst es unentwegt. Amina, die Ehefrau von Nasir, wirkt gefasster, aber ich weiß, dass sie nur versucht, den Schmerz vor ihren Kindern zu verbergen und stark zu wirken. 

Allen geht es sehr schlecht. Allen ist bewusst, dass ihre Familie endgültig zerstört, ihr Leben an einem weiteren Tiefpunkt angelangt ist.
Sie haben alle ihre Wohnung verlassen und sind bei Nour in seiner kleinen 1-Zimmer-Wohnung untergekommen. Nour ist der Cousin der Kinder, sie sind zusammen den ganzen Weg aus Aleppo bis nach Kiel gegangen. Nour sagt, es sei besser, wegen der Trauer und des Schmerzes, dass alle vorerst zusammen in einem kleinen Zimmer leben, weil man dann immer reden muss und sich niemand allein in ein Zimmer zurückziehen kann. Das würde es nur noch schwerer machen.

Ich fühle mich ohnmächtig angesichts dieses schrecklichen Ereignisses, angesichts des Schmerzes dieser geliebten Menschen, angesichts der Sinnlosigkeit dieses grauenhaften Krieges in Syrien.
Ich möchte der Familie helfen und weiß nicht, was ich tun kann. Es ist gut, da zu sein, das weiß ich, zusammen zu schweigen, zu weinen, zu reden und mit der vergehenden Zeit auch einmal wieder ein wenig zu lachen...Es sind vielmehr die Umstände von Nasirs Tod, die das Gefühl von Ohnmacht und Wut so stark machen. Nasirs Tod hätte vermieden werden können, von so vielen Beteiligten. Doch keiner hatte ein Interesse daran.

Deshalb möchte ich wenigstens die Geschichte erzählen, von Familie B., weil keine Worte den Horror von Krieg, Flucht und Tod eindringlicher beschreiben können, als die Erlebnisse, die Geflüchteten selbst widerfahren sind. Weil ich mir erhoffe, wenigstens ein kleines Steinchen aus der Mauer des Schweigens und der Lethargie reißen zu können, mit der die westliche Welt ihren Blick auf die totale Entmenschlichung jenseits unserer Grenzen zugebaut hat. Ein Steinchen weniger, das vielleicht ein paar mehr Menschen motiviert, diesem grauenvollen Krieg und dem sinnlosen Sterben in Syrien wie in so vielen anderen Ländern dieses Planeten nicht länger zuzuschauen.

Als der Krieg in Syrien begann, haben alle gehofft und gebetet, dass es nach ein paar Tagen wieder vorbei sei. Aber es wurde schlimmer und schlimmer. Aleppo wurde durch die Kämpfe und Bombenangriffe immer mehr zerstört und die Hoffnung, dass das Grauen ein Ende haben würde, schwand zusehends.

Immer mehr Freunde und Verwandte der Familie kamen im Krieg ums Leben, als Opfer von Bombenangriffen, erschossen von Heckenschützen, ertrunken im Mittelmeer, oder einfach verschollen, irgendwo auf dem langen Weg in ein besseres Leben...

Bald wurde Familie B. klar, dass es keine Hoffnung in Syrien mehr gibt und die Familie das Land verlassen muss. Es wurde entschieden, dass die Kinder, alle um die 20 Jahre alt, noch ihr Studium beenden müssen, damit sie wenigstens einen Beruf haben, mit dem sie im Exil leichter ein neues Leben würden aufbauen können.

Also wurde weiter studiert, mitten im Krieg, im Terror, im Sirenengeheul, mitten in Tod, Verzweiflung und Angst.
Die Familie erzählte uns, dass oft von morgens bis nachmittags ein relativ normales Leben in Aleppo stattfinden konnte. Weil auch Soldaten schlafen müssen...
Wenn es hell wurde, gingen die Menschen auf die Straße, Freund*innen, Verwandte und Nachbar*innen treffen, eine Arbeit oder Lebensmittel suchen, arbeiten, falls man noch irgendeine Arbeit hatte, anderen Menschen helfen, wo Hilfe gebraucht wurde, studieren...

Abends ab 18 Uhr konnte dann niemand mehr auf die Straße, weil der Krieg in all seinen Formen zurückkehrte. Wer etwa das „Pech“ hatte, nach 18 Uhr einen Herzinfarkt zu bekommen, hatte keine Chance, kein Krankenwagen fuhr, kein Auto, die Straße gehörte wieder ausschließlich dem Krieg.

Als dann eine Bombe mitten in das Haus der Familie B. einschlug, Aleppo war zu diesem Zeitpunkt schon größtenteils zerstört, entschieden sich alle zur sofortigen Flucht, ohne noch länger zu warten und zu hoffen, zwei der Kinder ohne Uniabschluss...

Das Geld für die Flucht, für die Schleuser in die Türkei, für das Schlauchboot über das Mittelmeer, für den Weg durch Europa, reichte nicht für alle. Der Vater, Nasir, entschied sich, in Aleppo zu bleiben, die Familie machte sich ohne ihn auf den Weg, in der tiefen Hoffnung, dass er bald würde nachkommen können. Auch Nour, ein Cousin der Kinder, schloss sich ihnen an.

Sie schafften es bis nach Deutschland, obwohl sie auf dem Mittelmeer von Piraten gestoppt wurde, die mit langen, spitzen Stangen drohten, das Schlauchboot zu zerstechen und die Gruppe nur nach Zahlung von 100 Dollar pro Person unversehrt weiterreisen ließen. 

Sie schafften es, obwohl das Boot kurz vor der Ankunft auf einer griechischen Insel ein Leck hatte und nur deshalb nicht unterging, weil Nour, Mohamad und andere Männer ins Wasser sprangen und neben dem Boot herschwammen...

Im September 2016 erreichten die Familie und Nour dann Kiel, und wie für tausende andere Flüchtende war ihr Ziel Skandinavien. Doch die Weiterfahrt mit der Stena-Line und das damit verbundene mehrtägige Warten auf ein Ticket war nicht möglich, da eine Tochter vor allem seit dem Bombenangriff auf ihr Wohnhaus in Aleppo schwer traumatisiert war und nicht unter vielen Menschen sein konnte – sie wurde panisch und ohnmächtig. Und einen halbwegs ruhigen Ort zu finden - in der Zeit, als hunderte Menschen täglich in Kiel eintrafen, um nach Skandinavien weiterzufahren, war schlicht unmöglich.

Wir überredeten sie alle, hier in Kiel zu bleiben und nahmen sie bei uns, in einem großen Wohnprojekt auf, wo sie mehrere Monate in zwei kleinen Zimmern leben mussten, weil wir in Kiel keine Wohnung finden konnten. Amina, Rahaf und Rawan teilten sich ein kleines Gästeapartment, Nour und Mohamad schliefen in einem kleinen leerstehenden Raum, der lediglich mit zwei Matratzen ausgestattet war.

Das Asylverfahren lief trotz relativ langer Wartezeiten unkompliziert, viele einzelne Menschen, auch Angestellte der Unterkunft am Norder und Mitarbeiterinnen des BaMF, setzten sich für die Familie ein, so dass sie auch vor ihrem Anhörungstermin anstatt in der Erstaufnahme bei uns wohnen bleiben konnte.
Im Januar 2016 wurden alle Familienmitglieder dann als Flüchtlinge anerkannt.

Das einander Kennenlernen und Zusammenleben in unserem Wohnprojekt war von einer herzlichen aber auch immer traurigen Atmosphäre begleitet, weil das Leid und die Ungewissheit der Familie, die Angst um ihren Vater und all die anderen Freund*innen und Verwandten, die in Aleppo gefangen waren, allgegenwärtig war. 

Wir organisierten gemeinsame Abende, um uns kennenzulernen und Mohamad und Nour zeigten uns einen aufwändig gestalteten Diavortrag mit Fotos und Videos aus Aleppo und von ihrer Flucht.

 Sie zeigten uns Bilder von der einst so wunderschönen Stadt Aleppo, der Stadt des Jasmin, mit ihren fantastischen Bauten und zahllosen üppigen Grünanlagen – und sie zeigten uns die Bilder des Aleppo im Krieg, der totalen Zerstörung, der Leichen, der Folter und der totalen Entmenschlichung. 

Sie zeigten uns ihre Sehnsucht nach dem einstigen und die Trauer um das für immer verlorene Leben, sie zeigte uns ihren Alltag der letzten Jahre, mit Bildern, so grauenhaft und jenseits unseres Vorstellungsvermögens, dass viele von uns in Tränen ausbrachen und nicht mehr hinsehen konnten, zumal dort diese lieben Menschen ebenfalls weinend neben uns saßen und wir alle fühlten, wie tief und unendlich der Schmerz und die Fassungslosigkeit um ihr so brutal zerstörtes Leben sein muss, wie schwer es sein muss, sich in dieser neuen, völlig fremden, europäischen Welt, das Leben wieder zurückzuerobern.

Im Frühjahr 2016 fand Familie B. endlich eine Wohnung in Kiel. Kurz darauf fand auch Nour eine kleine Wohnung für sich allein.
Seit ihrer Anerkennung als Flüchtlinge - seit 20 Monaten - hätte ihr Vater aufgrund der Regelung zur Familienzusammenführung legal nach Deutschland einreisen dürfen. Er hätte lediglich ein Visum gebraucht, für das er einen Termin bei einer Deutschen Botschaft hätte bekommen müssen. Nasir wollte in die Türkei fliehen, um dort auf einen Termin in der deutschen Botschaft zu warten. Es hieß, die Wartezeit dort würde 12 Monate betragen.

Aber an der türkischen Grenze eröffnen türkische Soldaten spätestens seit dem sogenannten „Flüchtlingsdeal“ der EU mit der Türkei regelmäßig das Feuer auf Flüchtende aus Syrien, es hat schon viele Tote gegeben und mittlerweile versucht fast niemand mehr, in die Türkei zu flüchten. Erst vorgestern erzählte der syrische Nachbar der Familie in Kiel-Gaarden, dass sein Sohn beim Versuch, die syrisch-türkische Grenze zu überqueren, von türkischen Soldaten erschossen worden sei. 

Der letzte Weg, dem Horror aus Krieg, Hunger und Sterben zu entkommen, ist der Weg in den Libanon. Man hat dort aber nur eine Chance, über die Grenze gelassen zu werden, wenn man einen Termin bei der Deutschen Botschaft in Beirut vorweisen kann. Dort hätte Nasir, der Vater von Rawan, Rahaf und Mohamad, Ehemann von Amina und Onkel von Nour, seinen Weg in ein sicheres Leben beginnen können. 

Der nötige Termin ist ihm jedoch bis heute nicht gegeben worden, obwohl die Anfrage schon vor so vielen Monaten gestellt wurde. Und wenn er bereits einen Termin bekommen hätte, hätte die Wartezeit nochmal einige Monate betragen.

Wir hatten bereits am Anfang dieses Jahres wegen dieser langen Wartezeiten versucht, für Nasir ein sog. Touristenvisum zu bekommen, mehrere Menschen hatten sich bereit erklärt, alle Kosten für den Vater zu tragen bzw. eine sogenannte „Verpflichtungserklärung“ zu unterzeichnen. Dies wäre eine Option gewesen, die Einreise wenigstens um einige Monate zu beschleunigen. Unser Versuch, diesen Weg zu gehen, scheiterte jedoch schnell daran, dass uns gesagt wurde, dass zur Zeit ein Touristenvisum für Menschen aus Syrien generell nicht möglich sei.

Ich bin so traurig und fühle mit der Familie B., die es schon vor dem Tod ihres Vaters so schwer hatten, sich ein neues Leben in dieser für sie so völlig ungewohnten, neuen und fremden Umgebung aufzubauen, die aber immer gekämpft haben und optimistisch in die Zukunft geschaut haben. Obwohl sie schon so viele Freunde und Verwandte verloren haben, obwohl ihr Vater die ganze Zeit in der Hölle von Aleppo ausharren und ums Überleben kämpfen musste, während die Familie nichts tun konnte außer jeden Morgen zu hoffen und zu beten, dass ihr Vater diesen Tag überleben würde.

Und es macht mich so wütend, dass dieses unfassbare Leid und der Tod so vieler lieber Menschen verhindert werden könnte, wenn endlich jemand diesen grausamen Krieg stoppen würde, wenn endlich legale Fluchtwege geschaffen würden, wenn die Türkei Flüchtende endlich wie Menschen behandeln würde, anstatt auf sie zu schießen, und wenn Deutschland und die EU grundlegende Menschenrechte generell und das Recht der Geflüchteten auf Familienzusammenführung endlich konkret und zügig umsetzen würden, anstatt durch bewusst lang gemachte Wartezeiten den Tod vieler Angehöriger von bereits anerkannten Geflüchteten billigend und berechnend in Kauf zu nehmen.

Der Mörder von Nasir B. wird nie zur Rechenschaft gezogen werden, ebenso wenig wie die Staaten, die verantwortlich sind dafür, dass der Krieg in Syrien kein Ende findet, ebenso wenig wie die Länder, die mit Waffen und Gesetzen verhindern, dass Menschen aus Syrien fliehen können. Das Blut der zahllosen unschuldigen Toten klebt an so vielen Händen, an den Händen all dieser verantwortlichen Politiker*innen, der Soldaten und Rebellen, und auch der Mitarbeiter*innen und Verantwortlichen in den deutschen Konsulaten und Botschaften, die wissen, dass sie mit jeder Verzögerung bei den Familienzusammenführungen den Tod weiterer Menschen in Kauf nehmen. Und all diese Leute sind sich ihrer Mitschuld vermutlich nicht einmal bewusst.

Die Geschichte der Familie B. ist nur eine dieser nicht mehr zählbaren Geschichten von Leid und Tod, die so vielen Menschen in ähnlicher Weise täglich widerfährt. 

Millionen unschuldiger Menschen auf diesem Planeten werden zu Spielbällen einer zynischen und heuchlerischen Politik gemacht, während die Verantwortlichen gleichzeitig eine strahlende Fassade von „Demokratie“, „Menschenwürde“ und „Freiheit“ vor sich hertragen, durch die aus allen Löchern und Ritzen die Menschenverachtung und das Blut der sinnlosen Toten herausquillt. Wie können wir das alles zulassen?

***
"Die Würde des Menschen ist unantastbar".

***

Welche Bedeutung hat dieser Satz noch, welche Bedeutung hatte dieser Satz jemals - wenn er nicht für alle Menschen gilt, wenn um uns herum die Menschen wie in Käfigen gehalten und wehrlos ihren Mördern ausgeliefert sind, während wir die Schlüssel in der Hand halten?

Welche Bedeutung hat dieser Satz noch, wenn um uns herum die Menschen auf der Flucht zu tausenden ertrinken, während die Wenigen, die versuchen zu helfen, behindert, bedroht und kriminalisiert werden?



Ich möchte der Familie helfen, trotz des Verlustes ihres Vaters und der so unendlich schwierigen Lebenslage, auch hier in Kiel in ein menschenwürdiges Leben zurückzufinden. Ein kleiner Schritt wäre, wenn wir den Kindern helfen könnten, ihre bescheidenen Zukunftswünsche zu erfüllen. 

Mohamad wünscht sich endlich einen halbwegs guten und vernünftig bezahlten (sprich Mindestlohn oder darüber hinaus) Job zu finden. Er fühlt sich jetzt, nach dem Tod seines Vater, umso mehr verantwortlich für seine Familie. Er spricht mittlerweile sehr gut deutsch und englisch und will nächstes Jahr an der Kieler Uni mit dem Masterstudium für sein in Syrien beendetes Informatikstudium beginnen. 

Rawan möchte eine Ausbildung als Erzieherin anfangen, sie würde gern mit Kindern arbeiten. Auch sie spricht bereits gut deutsch.
Es wäre schön, wenn wir dabei helfen könnte, dass die Familie sich wenigstens diese kleinen Wünsche erfüllen kann. 

Auch wenn gerade der Schmerz um den Verlust ihres Vaters alles andere überdeckt...

Hier der Link zur FB-Seite von der Gruppe Refugees welcome in Kiel >>>
Refugees welcome in Kiel / Facebook-Gruppe

----//----

Es fällt mir schwer, es zu schreiben, aber ich werde nicht damit aufhören. Die Würde des Menschen ist unantastbar. 

----//----

Kommentare