Auch unser Aktionsradius in Afghanistan wird immer kleiner - Jürgen Weberman, ARD-Hörfunkkorrespondent // Afghanistan wird immer gefährlicher // Sanne, das hast du gut gemacht!

Auch unser Aktionsradius in Afghanistan wird immer kleiner, Stück für Stück, seit Jahren schon 
Jürgen Webermann, ARD-Hörfunkkorrespondent für Südostasien, er berichtet u.a. auch aus Afghanistan und kennt die Lage in der Region sehr gut

Jürgen Webermann, ARD-Hörfunkkorrespondent

Auch unser Aktionsradius in Afghanistan wird immer kleiner, Stück für Stück, seit Jahren schon. Kundus ist derzeit "off limits". Mazar-i-Sharif, in dem die spanische IKRK-Mitarbeiterin ermordet wurde, ist eines der angeblich "sicheren" Gebiete des Landes. Kurze Erinnerung: Das deutsche Generalkonsulat dort wurde bei einem Angriff zerstört. In der Partnerkaserne der Bundeswehr erschossen Taliban mindestens 140 Soldaten, wahrscheinlich deutlich mehr.  
In Kabul ist es noch schlimmer. Seit Januar gab es mindestens 12 große Anschläge. Im Mai wurde eine deutsche Entwicklungshelferin ermordet, es war ein Entführungsversuch. Schon der Außenbereich des Flughafens ist angeblich von "Spottern" durchsetzt, die nach möglichen Entführungsopfern Ausschau halten. Für einige Diplomaten ist längst der Hubschrauber das Taxi zur eigenen Botschaft.

Es versteht sich von selbst, dass Afghanen die größte Last tragen. Als wir vor einigen Monaten mit einem Kabuler Künstler ein Stück weit laufen mussten, schaute auch er sich ständig um. Er wechsele ständig seine Wege, erzählte er. Das Viertel, in dem er arbeitet, ist beliebt bei der "Entführungsmafia". Es ist ein Alltag unter höchster Anspannung.

Was sich dagegen in vielen Provinzen abspielt, erfahren wir kaum noch. Wir können dort nicht hin. Die Informationen lassen sich kaum noch nachprüfen. Die Armee und die lokalen Behörden verbreiten Erfolgsmeldungen, die nicht vertrauenswürdig wirken. Die UN sprechen von "alarmierenden Trends". 

Laut dem US-Inspektor, der die Vergabe der amerikanischen Gelder kontrollieren soll, kontrolliert die afghanische Regierung nur knapp 24 Prozent aller Distrikte und "beeinflusst" 36 Prozent - das heißt in vielen Fällen, dass sich die Regierung in Distriktshauptorte zurück gezogen hat, und die Polizei ihr Hauptquartier halten kann, mehr aber auch nicht. 

Der Rest bleibt sich selbst überlassen.

Es ist ein schleichender Niedergang in Afghanistan. Wir können wie mit einer Zeitlupe zuschauen - wenn wir denn hinschauen.


Hier der Link auf den Post >>>
https://www.facebook.com/jurgen.webermann/posts/1917237761624831

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Anm.d.Blog-Redaktion: 




Den Kontakt zu Jürgen Webermann (Foto), der in Dehli (Indien) wohnt, haben wir über eine Zeitung aus der Schweiz erhalten. Sein einleitender Text auf Facebook zum Artikel der NZZ hat uns dann zusammengebracht. Herr Webermann ist ein ARD-Hörfunkkorrespondent für den Bereich Südostasien und auch für Afghanistan zuständig. Mit seiner Genehmigung werden wir im Blog immer wieder seine Berichte zum Thema präsentieren. Wir wollen uns ausdrücklich für die Benutzung seines Materials bedanken.
Horst Berndt Sept.´17 
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DAZU >>> Der Artikel der NZZ vom 12.09.2017
Afghanistan wird immer gefährlicher

Bereits sieben Mitarbeiter des Roten Kreuzes sind dieses Jahr in Afghanistan getötet worden. Das kann nicht ohne Folgen für die Arbeit der Organisation bleiben. Auch andere Akteure im Land passen ihr Sicherheitsdispositiv an. 
Volker Pabst, Delhi 12.9.2017, 12:30 Uhr


Mitglieder eines Selbstmordkommandos der Taliban
posieren für die Kamera in der Zabul-Provinz
in Afghanistan. (Bild: AP Photo / Mirwais Khan, File)
Das Aufatmen beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) in Afghanistan war nur von kurzer Dauer. Nachdem erst vergangene Woche zwei Mitarbeiter nach siebenmonatiger Entführung freigelassen worden waren, ist die Genfer Hilfsorganisation am Montag Opfer eines neuerlichen schweren Anschlags geworden. Eine spanische Physiotherapeutin, die in der nordafghanischen Stadt Mazar-e Sharif im IKRK-Programm zur Betreuung von Minenopfern arbeitete, wurde am Montag von einem Patienten erschossen.

Der Pressesprecher des IKRK in Kabul erklärte auf Anfrage, dass ein Unfall ausgeschlossen werden könne, die Hintergründe der Tat seien aber noch unklar. Bei sogenannten Innentätern, die aufgrund ihrer Funktion direkten Zugang zum Opfer haben, kann es sich sowohl um eingeschleuste Sympathisanten islamistischer Terrornetzwerke handeln als auch um Einzeltäter, die aus persönlichen Gründen handeln. Beides kommt in Afghanistan regelmässig vor.

Anpassung des Dispositivs

Lorena Enebral Pérez ist bereits die siebte Mitarbeiterin des IKRK, die dieses Jahr in Afghanistan getötet wurde. 

Beim grössten Anschlag gegen die Organisation seit mehr als zwei Jahrzehnten hatten im Februar sechs Personen ihr Leben verloren. Danach hatte das IKRK, einer der wichtigsten humanitären Akteure in Afghanistan, seine Programme im Land stark zurückgefahren. Die Freilassung der beiden Kollegen, die beim selben Anschlag entführt worden waren, hatte den Weg frei gemacht für eine Neuevaluation der Sicherheitslage, an deren Ende die Wiederaufnahme sistierter Aktivitäten hätte stehen können. 

Nach dem Anschlag vom Montag erscheint dies aber unwahrscheinlich. Afghanistan ist mit einem Budget von 93 Millionen Franken für das IKRK eigentlich das viertgrösste Einsatzgebiet. Bereits jetzt sind 40 Delegierte für Afghanistan in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe stationiert und fliegen nur für Kurzeinsätze ins Land ein. Diese Zahl könnte erhöht werden.

Nicht nur das IKRK ist zurzeit gezwungen, sein Sicherheitsdispositiv am Hindukusch zu überdenken. Nach dem Anschlag vom 31. Mai nahe der deutschen Botschaft in Kabul, bei dem diese stark beschädigt wurde, zog das Auswärtige Amt die deutschen Mitarbeiter ab. 

Zurzeit ist der Botschafter der einzige deutsche Diplomat in Kabul. Aus Sicherheitsgründen arbeitet er auf dem Areal der amerikanischen Vertretung. Auch die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, Deutschlands staatliche Entwicklungshilfe, hatte nach dem Anschlag den Grossteil des internationalen Personals abgezogen, die EU-Vertretung ebenfalls. 

Dies sind aber temporäre Massnahmen, bis die Sicherheitsvorkehrungen angepasst wurden. An der Notwendigkeit einer Präsenz in Afghanistan halten die meisten Vertretungen fest. Dies gilt auch für die sechs Schweizer, die im Kooperationsbüro der Deza, der offiziellen Vertretung der Eidgenossenschaft in Kabul, arbeiten.
Schwierige Berichterstattung

Dennoch wird die Arbeit im Land immer schwieriger, insbesondere für internationales Personal. Wegen der Entführungsgefahr sind Überlandfahrten in den meisten Organisationen bereits seit längerem verboten. 

Mittlerweile gelten auch die Städte als Risikogebiet, gerade in Bezug auf Kidnapping. Hatten die Souvenirhändler an der berühmten Chicken Street in Kabul vor einigen Jahren auch noch internationale Laufkundschaft, sieht man heute in der Stadt praktisch keine Ausländer mehr auf der Strasse. 

Für Arbeit und Privatleben hält man sich in der Regel auf dem Gelände der eigenen Vertretung auf, die sich oft innerhalb der stark gesicherten sogenannten grünen Zone der afghanischen Hauptstadt befindet. Wenn man diese verlässt, dann meist nur im kugelsicheren Geländewagen.

Doch nicht alle können sich ein solch aufwendiges Sicherheitsdispositiv leisten. Internationale Korrespondenten und andere Ausländer, die ohne grosse institutionelle Unterstützung in Kabul arbeiten, gibt es immer weniger. Auch grosse angelsächsische Medienhäuser decken das Land mittlerweile oftmals aus Islamabad oder Delhi ab und unternehmen von dort Kurzreisen nach Kabul. Doch selbst das gestaltet sich zunehmend schwierig, da es kaum noch sichere Hotels und Gästehäuser in der Stadt gibt. Auch der Flughafen oder eher dessen Umgebung und die Fahrt dorthin gelten als Risikozonen.  

Deutsche Polizisten, die Ausschaffungsflüge nach Afghanistan begleiten, sind gehalten, aus Sicherheitsgründen bis zum Rückflug das Flughafengelände nicht zu verlassen. Angesichts der heftigen Debatte um die Zulässigkeit von Ausschaffungen in der herrschenden Sicherheitslage entbehrt dies nicht einer gewissen Ironie.

Allerdings ist die Gefährdungslage für Ausländer auch eine andere als für Afghanen. Dennoch ist freilich immer noch die lokale Bevölkerung die Hauptleidtragende der Gewalt im Land. Jedes Jahr steigt die Zahl ziviler Opfer im Konflikt. Dass es immer schwieriger wird, diese Missstände zu beschreiben und zu ihrer Behebung beizutragen, ist da umso tragischer. Denn der Bedarf daran wäre so gross wie nie.

Hier der Link zum Artikel von Neue Zürcher Zeitung vom 12.09.2017 >>>
 
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Sanne, das hast du gut gemacht!

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Anmerkung der Blog-Redaktion:

Sanne Phillips ist die mutige, couragierte Pflegemutter, die sich während einer Podiumsdiskussion zwischen Politikern aus dem Zuschauerberreich erhob und diese nachfolgenden Sätze sprach. Wir berichteten im Blog darüber. 
Horst Berndt Sept. ´17  

Hier noch einmal der Blog-Artikel vom 13.09.2017 >>>
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Für den Blog...

Ihr könnt euch nicht vorstellen, was ihr uns für ein unerträgliches Leid zufügt, sagte ich am Freitag bei der Podiumsdiskussion in Schwabach, direkt den 5 Politikern zugewandt.... Diese ewigen Ängste setzen mittlerweile so stark zu, das man gedanklich nicht mehr abschalten kann.

In meinem Appell an die Politiker packte ich aus, sagte ihnen auf den Kopf zu, was das mit uns macht. Das die Jungs, oft schwer traumatisiert, Probleme haben, in die Schule zu gehen oder Praktika abbrechen, weil ihnen von staatlicher Seite jegliche Perspektive genommen wird, Großeltern, die beginnen Wut zu entwickeln, weil sie Angst um das Leben ihrer neu gewonnenen Enkelkinder haben. Geschwister, die in relativ kurzer Zeit, einen Bruder gewonnen haben und wo sich Innige Bindungen entwickelten. Sollen wir unseren anderen Kindern sagen, das der Bruder eventuell zurück in den Krieg geschickt wird und es womöglich nicht überleben wird. 

Das würde auch unsere anderen Kinder traumatisieren. Ich appellierte an die Politiker, den Jungs Ausbildungen machen zu lassen, anstatt sie in den Krieg zu schicken. Und immer wieder der Versuch, die zum Umdenken zu bewegen...... Ich sagte, das sie in Afghanistan, nicht deswegen nicht in die Schule sind, weil sie es nicht wollten sondern weil es ihnen entweder verboten wurde oder es schlicht zu gefährlich war, hinzugehen. Kinder werden auf dem Schulweg ermordet und die Schulen sind nicht sicher vor Bombenanschlägen. Viele Eltern trauen sich deswegen nicht, die Kinder zum Unterricht gehen zu lassen. Ich sagte, das es eine Tragödie ist, was der Staat den jungen Menschen antut, und uns auch. 

Wir haben versucht zu stabilisieren, Geborgenheit und Sicherheit zugeben, unseren Sohn auf dem schwierigen Weg zu begleiten, ihm Hoffnung zu geben und dann kam der negative Bescheid und alles, was wir ihm in den 18 Monaten zuvor gegeben haben ist innerhalb von 2 Sekunden vor unseren Augen pulverisiert. 

Was diesen Jungs angetan wird, kann man eigentlich nur schwer in Worte fassen aber eines ist klar, auch das sagte ich in die politische Runde.....  

Wenn wir das unserer kleinen Pflegetochter antun würden, was der Staat unserem Pflegesohn aus Afghanistan antut, würde gleicher Staat uns die Pflegeerlaubnis für unsere kleine Pflegetochter entziehen. Das ist in keinster Weise nachvollziehbar. 

Mein letzter Satz in die Runde, bevor ich den Raum verließ war jener..... WERDET ENDLICH MENSCHLICH DA OBEN IN MÜNCHEN.... dann brach der Applaus los. Ich sagte, das ich jetzt diesen Saal verlassen muss, weil ich es nicht mehr ertragen kann.... und dann brach der Applaus los und ich spürte, das viele Menschen auf meiner Seite waren. Die Politiker waren während meines Redebeitrages still und sagten kein Wort.......

Es muss sich soviel ändern hier in diesem Land, denn wir befinden uns auf dem besten Weg im ein Deutschland, das eigentlich keiner mehr möchte, zumindest hoffe ich das.

Humanität muss gelebt werden, Politiker müssen umdenken und es dürfen keine Menschen ausgegrenzt werden. DENN DIE WÜRDE DES MENSCHEN IST UNANTASTBAR! ARTIKEL 1 GG



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