Abschiebung: Es trifft die Falschen - Ovik Manukyan und viele andere Fälle hier im Artikel - Teil 2 und Fortsetzung des Blog-Artikels vom 20.08.2017

Flüchtlinge 
(Menschen auf der Flucht, Anmerkung der Blog-Redaktion)
Abschiebung: Es trifft die Falschen

Deutschland braucht dringend Neubürger - als Arbeitskräfte und um den demografischen Wandel zu mildern. Trotzdem werden gut integrierte Ausländer abgeschoben, darunter viele ausbildungswillige junge Leute. Ein Einwanderungsgesetz könnte diesen Irrsinn stoppen.

Ovik Manukyan

Kriminelle und Islamisten außer Landes zu schaffen fällt den Behörden schwer. Darum halten sie sich an einen anderen Typus Flüchtling: fleißig, zielstrebig, gut angekommen – und damit leicht zu fassen. Doch gerade diese Menschen könnte Deutschland gut gebrauchen.

Integration durch Arbeit", hat sich die Bundesregierung auf die Fahne, nein, auf ihre Internetseite geschrieben. Leider sieht die Realität anders aus, wie die Geschichte von Ovik Manukyan zeigt. 

Der 19-Jährige lernt Friseur im sächsischen Aue. Das Friseurhandwerk sucht händeringend Lehrlinge. Der Beruf ist bei jungen Leuten unbeliebt – nicht zuletzt wegen der schlechten Bezahlung. Und es herrscht Männermangel. "Friseur ist mein Traumberuf", sagt Ovik Manukyan. Auch seine Chefin ist froh, dass sie ihn hat. "Ich habe selten einen so kreativen Lehrling erlebt", lobt Salonleiterin Doreen Hammer. In wenigen Wochen, im August, wird Ovik Manukyan seine Gesellenprüfung ablegen. Einen festen Anstellungsvertrag hat er in Aussicht. Und er hat große Pläne. "Ich will auf die Meisterschule, irgendwann einen eigenen Salon aufmachen."

"Friseur ist mein Traumberuf", sagt Ovik Manukyan. 
Auch seine Chefin ist froh, dass sie ihn hat. "Ich habe selten
einen so kreativen Lehrling erlebt", lobt Salonleiterin Doreen Hammer
Sven Doering/Agentur Focus

Ovik Manukyan könnte also eines Tages Unternehmer werden, Lehrlinge ausbilden, Friseure anstellen, Steuern zahlen, die Rentenkasse füllen. 

Wäre da nicht das deutsche Ausländerrecht. Denn Ovik Manukyan ist kein Deutscher. Er ist Armenier, obwohl er nie einen Fuß in dieses Land gesetzt hat. Seine Eltern flohen Anfang der neunziger Jahre aus Armenien vor dem Krieg nach Russland. Dort wurde Ovik geboren. Die Familie zog weiter nach Deutschland. "Sie wollten, dass ich eine Chance auf eine Zukunft habe", erzählt der Friseurlehrling. Die Manykyans sind also Wirtschaftsflüchtlinge, die in Deutschland keinen guten Ruf und so gut wie keine Chance haben, weil es kein Einwanderungsgesetz gibt.


"Integriert bis in die Haarspitzen"

Als er 13 war, kam er mit seinen Eltern nach Hamburg. Von dort aus ging es nach Chemnitz und schließlich ins sächsische Aue. Mutter und Vater fanden Arbeit in der Gastronomie. "Meine Mutter ist gelernte Köchin", sagt Ovik Manukyan. Auch die Gastronomie sucht händeringend Leute, vor allem Köche. 


Ovik Manukyan machte ein halbes Jahr lang einen Sprachkurs, lernte sehr schnell Deutsch. Heute spricht er fließend, allerdings mit Akzent – er sächselt, jedenfalls ein bisschen. Nach dem qualifizierten Hauptschulabschluss fand er die Lehrstelle beim Friseur, zeigte schnell sein außergewöhnliches Talent, frisierte im Bürgerhaus von Aue vor Publikum 15 Modelle. Doch dann lief, mitten in der Ausbildung, seine Duldung aus. "Integriert bis in die Haarspitzen – aber ihm droht die Abschiebung", schrieb die Freie Presse Chemnitz. Die Empörung in Aue war groß. Über 500 Leute unterschrieben binnen weniger Tage eine Online-Petition.

Eine Demonstration in München gegen Abschiebungen nach
Afghanistan. Die Gegenwehr in der Bevölkerung ist oft groß,
sobald es um konkrete Menschen geht.
Michael Trammer/Imago


Nun darf Ovik doch bleiben. 

Erst mal. Seine Duldung wurde verlängert, bis er die Prüfung zum Friseur abgelegt hat. Wenn er den Anstellungsvertrag unterschreibt, darf er weitere zwei Jahre bleiben. Was dann geschieht, ist unklar. Ovik Manukyan könnte also, nach all den Jahren, die er schon in Deutschland gelebt hat, abgeschoben werden. Nach Armenien, in ein für ihn völlig fremdes Land.

"Ich bin kein Armenier, ich bin auch kein Russe, ich bin Deutscher durch und durch", sagt er. 

Was aus seinen Eltern wird, ist ebenfalls unklar. Wahrscheinlich müssen sie gehen. Dann wird Ovik sie begleiten. "Ich kann meine Eltern nicht alleine lassen", sagt er. Mit der Familie würden drei Arbeitskräfte Deutschland verlassen.


"Ohne Flüchtlinge , (Menschen, ich nenne sie Menschen, Anmerkung der Redaktion),  sehen wir alt aus"

Viele Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, sind jung wie Ovik Manukyan. Die meisten sind Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren. Die Erwachsenen, die zu uns kommen, sind noch keine 40. 


Was das für ein Pfund ist, brachte der ehemalige SPD-Bundesvorsitzende Franz Müntefering in einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung auf den Punkt: 

"Die vielen Flüchtlinge Menschen bedeuten einen enormen volkswirtschaftlichen Nutzen für das geburtenschwache Deutschland", schrieb er. In Deutschland würden 300.000 Kinder pro Jahr zu wenig geboren. Deshalb müsste das Land Flüchtlinge willkommen heißen. "Sonst sehen wir alt aus."

Doch in diesem Land, das händeringend auf Neubürger angewiesen ist, werden Kinder aus Klassenzimmern abgeführt, um sie abzuschieben. Im September 2015 standen plötzlich zwei Polizisten in Zivil im Sekretariat einer Berliner Schule. Sie wollten einen 14-jährigen Bosnier holen, der abgeschoben werden sollte. Der Asylantrag seiner Familie war abgelehnt worden. 

Der Junge saß gerade in einer "Willkommensklasse", als die Beamten ihn abführten. 

"Ein pädagogischer Supergau", schimpfte der Schulleiter im Deutschlandradio. "Die Schule ist nicht Tabuzone und wird es auch nicht werden", entgegnete Staatssekretär Bernd Krömer (CDU) kühl.

"Die Schule ist nicht Tabuzone und wird es auch nicht werden",
entgegnete Staatssekretär Bernd Krömer (CDU) kühl
Jörg Carstensen/DPA / Picture Alliance

Wenige Wochen zuvor war eine siebenjährige Serbin von der Bundespolizei in Zivil aus dem Klassenzimmer einer Willkommensklasse abgeführt worden. 

"Die Folge war, dass nicht nur die betroffene Schülerin schockiert war und in Tränen ausbrach. Auch Mitschüler, von denen viele extreme Fluchterlebnisse zu verarbeiten haben, waren sehr verstört", sagte Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD) der Berliner Zeitung.


Abschiebung trotz Ausbildungsvertrag

Dabei braucht Deutschland junge, lernwillige Menschen. Noch nie waren so viele Ausbildungsplätze unbesetzt, wie in diesem Jahr - bundesweit 179.000. 


Trotzdem beschweren sich beim Zentralverband des Deutschen Handwerks immer wieder Betriebe darüber, dass ihre Lehrlinge aus dem Land geschmissen werden, weil sie keine Deutschen sind. 

"Leider hören wir nach wie vor von unseren Handwerksbetrieben, dass Flüchtlinge Menschen während des Praktikums und trotz eines gültigen Ausbildungsvertrages abgeschoben werden", sagt Handwerker-Präsident Hans Peter Wollseifer. 

"Das ist dramatisch für die Jugendlichen und für die Betriebe: Der Ausbildungsplatz ist verloren – denn der Jugendliche kann nicht weitermachen, und dem Betrieb bleibt ein leerer, unbesetzter Ausbildungsplatz."

"Leider hören wir nach wie vor von unseren Handwerksbetrieben,
dass Flüchtlinge während des Praktikums und trotz eines gültigen
Ausbildungsvertrages abgeschoben werden", sagt
Handwerker-Präsident Hans Peter Wollseifer
Friso Gentsch/DPA

Der 29-jährige Julio K. war so ein Lehrling, der gehen sollte. Im Sommer 2015 war er aus Kamerun geflohen. Im Norden des Landes wütet die Terrormiliz Boko Haram von Nigeria aus. 

Sie ermordet unschuldige Menschen, entführt Frauen, plündert, brennt Dörfer nieder. In Kamerun gibt es kein Recht auf freie Meinungsäußerung. Menschenrechtler, Lesben, Schwule werden verfolgt. Willkürliche Festnahmen sind an der Tagesordnung. 

Die Todesstrafe wird vollstreckt.Julio K. hatte, so sagt er, ein paar Semester Wirtschaftswissenschaft studiert, bevor er mit dem Schlauchboot übers Meer nach Italien floh. Nach den Buchstaben des Gesetzes hätte er dort bleiben und seinen Asylantrag stellen müssen. Doch Julio K. reiste weiter nach Deutschland, fand eine Lehrstelle bei Heino F. in Brandenburg. 

Der Bäckermeister hatte lange vergebens nach einem Lehrling gesucht. Die Ausbildung ist bei Jugendlichen nicht sonderlich beliebt, man muss spätestens um vier Uhr morgens in der Backstube stehen. Deshalb hatte die Ausländerbehörde den Lehrvertrag ausdrücklich genehmigt. Doch dann kam das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge Menschen, mäkelte, dass Julio K. zuerst in Italien gewesen sei. Und dass dort nun auch das Asylverfahren durchgeführt werden müsse. So schreibt es die Dublin-Verordnung vor. Flüchtlinge Menschen müssen ihr Asylverfahren grundsächlich in dem Land durchfechten, in dem sie zuerst angekommen sind. 

Praktisch für Deutschland, das mitten in der Europäischen Union liegt. 

Über Nord- und Ostsee kommen keine Flüchtlinge Menschen. Sie fliehen übers Mittelmeer nach Europa. 181.000 Menschen waren es 2016, so viele wie nie zuvor. Über 5000 Flüchtlinge Menschen ertranken, so viele wie nie zuvor

Die Handwerkskammer und Brandenburgs Wirtschaftsminister
Albrecht Gerber (SPD) setzten sich für den Bäckerlehrling ein.
Das Bundesamt fand dann doch eine "rechtskonforme
Ausnahmemöglichkeit" - Patrick Pleul/DPA

Anfang November 2016 sollte Julio K. nach Italien abgeschoben werden, weil er übers Meer dorthin geflohen war. 

Die Handwerkskammer und Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) setzten sich für den Bäckerlehrling ein. Das Bundesamt fand dann doch eine "rechtskonforme Ausnahmemöglichkeit". Das Asylverfahren wird nun in Deutschland bearbeitet und Julio K. darf erstmal bleiben, um seine Ausbildung abzuschließen. 

Der Minister kam persönlich in die Backstube, um dem Flüchtling Menschen die frohe Botschaft zu überbringen.


Abschiebung nach teurer Ausbildung in Deutschland

Was in drei Jahren aus Julio K. wird, wenn er zum Bäcker ausgebildet worden ist, wird sich zeigen. Nach dem Gesetz dürfen Geduldete so lange bleiben, bis sie ihre Berufsausbildung abgeschlossen haben. 


Wenn sie nach der Ausbildung übernommen werden, bekommen sie ein Aufenthaltsrecht für zwei Jahre. Wer nicht übernommen wird, wird sechs Monate geduldet, um sich einen Arbeitsplatz suchen zu können. Vielleicht wird Julio K. also irgendwann doch noch abgeschoben, nachdem er in Deutschland teuer ausgebildet worden ist. 

Die fünfköpfige Familie Q. war 2013 aus Tunesien vor
Islamisten nach Deutschland geflohen und hatte sich
bestens in integriert. Alle sprechen fließend Deutsch privat

Zur gleichen Zeit wie Julio K. sorgte eine Familie aus dem sächsischen Meißen für Schlagzeilen. Die fünfköpfige Familie Q. war 2013 aus Tunesien vor Islamisten nach Deutschland geflohen und hatte sich bestens in integriert. 

Alle sprechen fließend Deutsch. Die Mutter war nach einem Praktikum im Bundestag von einer SPD-Abgeordneten als Mitarbeiterin übernommen worden. Sie sollte Migrantinnen helfen. Vater Ahmed Q. sollte eine Ausbildung in einem Hotel beginnen. Die Hoteliers wollten ihn unbedingt, weil er Deutsch, Arabisch und Französisch spricht. Doch das Landratsamt genehmigte den Ausbildungsvertrag nicht. Die Abschiebung war schon in die Wege geleitet worden.

Parteiübergreifender Protest nützte nichts


SPD, CDU, FDP und die "Unabhängige Liste Meißen" protestierten. Am Bahnhof trafen sich viele Meißener, um gegen die Abschiebung zu demonstrieren. Besonders tragisch: Die Familienmitglieder hatten bei der Einreise ihre richtigen Pässe vorgelegt. Ihre Ehrlichkeit erleichterte den Behörden nun die Abschiebung. Terrorist Anis Amri konnte dagegen nicht nach Tunesien abgeschoben werden; er hatte seinen Pass weggeworfen und verübte den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt, bei dem im Dezember 2016 zwölf Menschen ums Leben kamen.

Vater Ahmed Q. sollte eine Ausbildung in einem Hotel beginnen.
Die Hoteliers wollten ihn unbedingt, weil er Deutsch,
Arabisch und Französisch spricht. Doch das Landratsamt
genehmigte den Ausbildungsvertrag nicht.
facebook

Familie Q. saß schon im Flugzeug nach Tunis. Fünf Minuten vor dem Start durften die Eltern den Flieger mit ihren drei Kindern wieder verlassen. 

Die Härtefallkommission hatte sich des Falles angenommen. Die Familie durfte bleiben. Nach weiteren Wochen bangen Wartens musste sie doch gehen. Die Härtefallkommission sah keinen Grund, Familie Q. in Deutschland zu halten. Um ihre Abschiebung zu verhindern, hat die Familie Deutschland inzwischen freiwillig verlassen, lebt jetzt in Belgien. "Die Kinder fragen jeden Tag, wann wir wieder nach Hause fahren. Sie meinen Deutschland", sagt Amed Q. zu stern.de. Er könnte noch immer in der Gastronomie anfangen. Ein Zahnarzt aus Dresden würde seine Frau als Auszubildende einstellen. 

Auch Zahnärzte klagen darüber, dass es zu wenig Auszubildende gebe, vor allem in ländlichen Regionen und im Osten Deutschlands. 


Baufirma kämpft für Kollegen aus Afghanistan

Doch nicht nur Ausbildungswillige müssen gehen, auch Flüchtlinge Menschen, die in Deutschland längst im Job angekommen sind, werden nicht verschont. 


Gerade kämpft eine bayerische Baufirma für ihren Kollegen Tavus Q. Der Flüchtling Mensch aus Afghanistan arbeitet seit Jahren in der Firma. 

"Tavus bestreitet seinen Lebensunterhalt alleine, verdient sein eigenes Geld, bezahlt Steuern und Krankenversicherung wie jeder andere berufstätige Mitbürger auch", 

schreiben seine Kollegen auf Facebook. Trotzdem soll seine Aufenthaltsgenehmigung nicht verlängert werden. Er hat Probleme, sich in Afghanistan einen gültigen Pass zu besorgen. 

"Wir stehen hinter Tavus! Für uns ist nicht nachvollziehbar, dass voll integrierte Flüchtlinge, die inzwischen Jahre bei uns tätig sind und niemandem mehr auf der Tasche liegen, abgeschoben werden." 

Aktuell liegt der Fall bei der Härtefallkommission, die über das Schicksal des Bauarbeiters entscheiden soll. "Herrn Q. selbst geht es psychisch sehr schlecht", sagt eine Firmensprecherin zu stern.de. "Er verfolgt natürlich die politischen Entwicklungen und sieht die weiteren Abschiebungen nach Afghanistan mit großer Sorge."


Flüchtling ist wie ein Sohn für Familie

Nicht mal, wenn eine deutsche Familie einen Flüchtling Menschen wie einen Sohn aufnimmt, ist er vor Abschiebung geschützt.


Die Geschichte von Vahid Faiazi klingt wie ein modernes Märchen. Der 17-Jährige floh aus Afghanistan über den Iran nach Deutschland. Im nordrheinwestfälischen Strümp wurde der unbegleitete, minderjährige Flüchtling Mensch in einer Turnhalle untergebracht, die als Notunterkunft diente. Betreuer Peter Rowland, der damals für die Johanniter arbeitete, lud den Jungen zum Fußballtraining ein. Vahid entpuppte sich als echtes Talent.

 Vor dem Training paukte er mit Rowlands Frau Steffi Deutsch. Nach und nach erfuhr das Ehepaar Vahids traurige Geschichte: Seine Eltern seien, so erzählte er, von den Taliban ermordet worden. Verwandte hätten sich nicht um ihn gekümmert, also sei er mit Nachbarn geflohen.

Die Geschichte von Vahid Faiazi klingt wie ein modernes Märchen.
Vahid entpuppte sich als echtes Fußballtalent.
Vor dem Training paukte er mit Rowlands Frau Steffi Deutsch.
Henning Ross

Weihnachten lud die Familie Vahid zu sich nach Hause ein. Das Paar hat drei Söhne, 7,13 und 15 Jahre alt. Während der Feiertage wuchs der Flüchtling Junge Mann den Rowlands ans Herz. "Ich saß am Tisch und sagte: 'Wir können Vahid doch jetzt nicht wieder zurück in die Turnhalle schicken'", erzählt Steffi Rowland. Sie und ihr Mann nahmen Kontakt zum Jugendamt auf. "Die kamen vorbei, haben sich alles angesehen und wir mussten viele Fragenbogen ausfüllen." Doch dann durfte Vahid bei den Rowlands einziehen. "Wir waren schon bald wie eine richtige Familie", erzählt Mutter Steffi.


"Keine Gefahr für Leib und Leben"

Ende 2016 begleitete sie ihren "Pflegesohn" nach Düsseldorf in die Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Vahid hatte einen Asylantrag gestellt, wurde interviewt. Wenig später kam der Bescheid. Vahid sollte das Land verlassen. "Es droht dem Antragssteller auch keine individuelle Gefahr für Leib oder Leben", schrieb das Amt. Seine Pflegeeltern besorgten Vahid einen Anwalt, der Klage gegen den Bescheid beim Verwaltungsgericht Düsseldorf einreichte. 


Die Familie startete eine Petition auf "Change.org", informierte die Presse. Ein Unternehmer wurde aufmerksam, bot Vahid eine Lehrstelle als Sportfachmann an. Sportfachleute koordinieren in Fitnessstudios oder Sportvereinen den Trainingsbetrieb.

"Es droht dem Antragssteller auch keine individuelle Gefahr 
für Leib oder Leben", schrieb das Amt - Henning Ross

Am 1. August soll Vahid nun mit der Lehre anfangen. Solange geht er noch aufs Berufskolleg in Neuss. Die Abschiebung ist erst mal vom Tisch. Vahid darf drei Jahre bleiben, bis die Ausbildung abgeschlossen ist. Ob das moderne Märchen ein Happyend haben wird, bleibt fraglich. Denn selbst, wenn die Rowlands Vahid adoptieren würden, was sie sich durchaus vorstellen könnten, dürfte er nicht in Deutschland bleiben. Schon 1989 entschied das Bundesverfassungsgericht: "Hat ein Deutscher einen erwachsenen Ausländer adoptiert, begründet der durch Art. 6 Abs. 1 GG gewährleistete Schutz der so entstandenen Familie regelmäßig kein Aufenthaltsrecht des Ausländers" (Az.: 2 BvR 1169/84).
Das Urteil zeigt, wie sich Deutschland abschottet.


Deutsche Abschottungspolitik

Jahrzehnte lang wiederholten Politiker stereotyp, Deutschland sei kein Einwanderungsland. "Deutschland ist unser Vaterland, Europa unsere Zukunft", sagte der kürzlich verstorbene Kanzler Helmut Kohl 1991 in seiner Regierungserklärung. "Unser Ziel ist das Europa ohne Grenzen ... Wir müssen uns dabei im Klaren sein, dass wir nicht alle aufnehmen können, die zu uns kommen wollen. Die Bundesrepublik Deutschland ist kein Einwanderungsland. Aber die Integration derjenigen, die bei uns leben, wollen wir fördern." Auch Wolfgang Schäuble (CDU), damals noch Bundesinnenminister, sagte 2006 zur Eröffnung eines Integrationskongresses des Deutschen Caritasverbandes in Berlin: "Wir waren nie ein Einwanderungsland und wir sind's bis heute nicht." Politiker wollten lieber "Kinder statt Inder" wie Jürgen Rüttgers (CDU), Ex-Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und Ex-Bildungsminister dieses Landes, es im Jahr 2000 formuliert hat. 


"Der Reim 'Kinder statt Inder' ist wie ein harmloses brennendes Streichholz. Er entzündet eine riskante Zündschnur von Gedanken und Assoziationen. Am Ende brennen Häuser und Menschen sterben – keiner will dann mehr wissen, wie es dazu kam", sagte der Wissenschaftsredakteur Ranga Yogeshwar der Berliner Zeitung damals. 

Tatsächlich hat sich die Zahl der fremdenfeindlichen Übergriffe in den letzten Jahren vervielfacht. 2016 gab es über 3.500 Übergriffe auf Flüchtlinge und ihre Unterkünftige. Womöglich gehen viele Spitzenkräfte auch deshalb lieber in die USA, anstatt in Deutschland zu bleiben.

Politiker wollen lieber "Kinder statt Inder" wie Jürgen Rüttgers (CDU),
Ex-Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und
Ex-Bildungsminister dieses Landes, es im Jahr 2000 formuliert hat
Oliver Berg/DPA

Doch zurück zur Bundesregierung. Gerade hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung einen Journalistenpreis ausgeschrieben: Prämiert werden sollen Beiträge, die "Migrantinnen und Migranten" beschreiben, "die den Weg in Ausbildung und Beruf finden".

Hier der Link zum Artikel des Stern vom 20.08.2017 >>> 

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Die Würde des Menschen ist unantastbar. Deutsches Grundgesetz. 
Wenn ich den vorliegenden Artikel gelesen habe, dann frage ich mich allerdings, wessen Würde hier eigentlich gemeint sein könnte. 
Horst Berndt August ´17 


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