Wir haben sie kommen sehen - Ein Film vor 27 Jahren - "Der Marsch" - auf die Festung EU // Wer Menschen nach Afghanistan abschiebt, nimmt wissentlich ihren Tod in Kauf ....


Wir haben sie kommen sehen


Ein visionärer Film, der dem spanischen Fernsehen mit gutem Grund zu realistisch erschien: „Der Marsch“ beschrieb vor fünfzehn Jahren ein Szenario, wie wir es jetzt in den spanischen Exklaven in Marokko erleben.

11.10.2005, von MALTE HERWIG

"Der Marsch" - Ein visionärer Film - 1990 produziert, 27 Jahre alt, Wir haben sie kommen sehen! 

Bemerkung: Diese Artikel ist 12 Jahre alt (Frankfurter Allgemeine), der Film >> "DER MARSCH" ist 27 Jahre alt. 
Horst Berndt Juli ´17 

Wir können nicht sagen, man habe uns nicht gewarnt. Die dramatischen Bilder der afrikanischen Flüchtlinge, die, aus dem armen Süden kommend, zu Tausenden die spanischen Exklaven in Marokko bestürmen und sich massenhaft gegen die Grenzen der dünn umzäunten Wohlstandsfestung Europa werfen, diese Bilder haben wir schon einmal gesehen.

Damals, vor fünfzehn Jahren, strahlte die ARD ein von der BBC produziertes Fernsehspiel mit dem Titel „Der Marsch“ aus, das den Aufbruch Zehntausender verzweifelter Menschen aus einem sudanesischen Flüchtlingslager erzählt. 

Fünf lange Jahre, so die Erfindung, hat es in Äthiopien und Somalia, im Tschad und im Sudan nicht mehr geregnet, und die Hilfsmittel aus Europa und den Vereinigten Staaten sind im Filz der korrupten Regime ihrer afrikanischen Heimatländer verschwunden.

Bilder des Elends im Wohnzimmer

Angeführt von dem charismatischen Lehrer Isa El-Mahdi, zieht der Treck in Richtung Europa, um dem sicheren Hungertod zu entkommen. Auf dem Weg zur marokkanischen Küste schwillt das Heer der Hoffnungslosen auf Millionen von Menschen an. 

Nicht kriegerische Absicht treibt sie gen Norden, sondern Verzweiflung. 

Die Masse der Ohnmächtigen besitzt keine andere Macht mehr als die, vor unseren Augen zu sterben. Ihre Botschaft ist unmißverständlich:

„Wir sind arm, weil ihr reich seid. Jetzt kommen wir zu euch, damit ihr uns sterben seht.“ 

Seine Wirkung bezieht der Marsch der Hungernden vor allem daraus, daß er - quasi in einem Film im Film - schnell zu einem internationalen Medienereignis wird. Reporterteams schwärmen aus und liefern die Bilder des Elends direkt in die Wohnzimmer der Wohlstandsgesellschaft.

Was der britische Autor William Nicholson 1990 im Drehbuch zu „Der Marsch“ als düstere, biblisch unterlegte „Was wäre wenn“-Vision beschwor, hat heute, nur fünfzehn Jahre später, beklemmende Aktualität gewonnen (siehe auch: William Nicholson über seinen Film „Der Marsch“). 

Nach Schätzungen des Innenministeriums in Rabat halten sich in Marokko mittlerweile rund 20.000 Flüchtlinge aus Ländern südlich der Sahara auf, die nach Spanien fliehen wollen. Sie sind bereit, auf der Fahrt über das Mittelmeer ihr Leben zu riskieren, viele finden in ihren seeuntüchtigen Booten den Tod: 

„Wir haben keine Garnelen, sondern Leichen in den Netzen - das ist die Situation im Mittelmeer vor der libyschen Küste“, berichteten im vorigen Jahr italienische Fischer.

Dramatische Szenen

In Melilla sollen die Sperrzäune entlang der zehn Kilometer langen Grenze nun auf sechs Meter erhöht werden. Die marokkanische Regierung hat jüngsten Meldungen zufolge zahlreiche Flüchtlinge, denen der Durchbruch in die spanischen Exklaven nicht gelungen ist, in der Wüste an der Südostgrenze zu Algerien ausgesetzt. 

Ausländische Journalisten, die Zeugen der „Repatriierung“ wurden, berichten von dramatischen Szenen:

„Warum behandelt man uns wie Tiere?“ sollen die Flüchtlinge gerufen haben.

Die Antwort gibt in „Der Marsch“ der Anführer der Flüchtlinge, El-Mahdi, in Worten, die dem Zuschauer die Kehle zuschnüren. Den eilig nach Afrika entsandten Vermittlern der EU, die den Flüchtlingstreck zur Umkehr bewegen sollen, hält El-Mahdi entgegen:

„Ihr habt in Europa so kleine Katzen. Es heißt, eine Katze kostet mehr als zweihundert Dollar pro Jahr. Laßt uns nach Europa kommen als eure Haustiere. Wir könnten Milch trinken, wir könnten eure Hand lecken. Wir könnten schnurren. Und wir sind viel billiger zu füttern.“

Die Angst vor dem Ansturm

In dem von David Wheatley produzierten Film ist es die Entwicklungskommissarin Claire Fitzgerald, die im Namen der EU den Flüchtlingen im Gegenzug für die Rückkehr in ihre Heimatländer millionenschwere Unterstützung verspricht. Doch El-Mahdi und seine Schicksalsgenossen gehen nicht auf das Angebot ein, und in Europa macht sich die Angst vor dem bevorstehenden Ansturm breit.

Flüchtlinge aus dem Senegal in Marokko (2005) 

Als die Flüchtlinge am Ende des Films mit Tausenden von Booten nach Gibraltar übersetzen, werden sie an der spanischen Küste von Panzern empfangen.
Im Widerstreit von humanitärer Hilfe und militärischer Härte sichert die Festung Europa ihren Burggraben mit Waffengewalt. 

„Wir sind noch nicht bereit für euch, vielleicht später, vielleicht eines Tages. Wir können es nur hoffen. Was für eine Welt würde es sonst sein?“ So spricht Mrs. Fitzgerald zu dem „schwarzen Gandhi“ aus dem Sudan, als Europa seine Grenzen endgültig verschließt.

Perfekte Machart, glanzvolle Dialoge

Die Vorgeschichte von „Der Marsch“ wirft selbst ein Schlaglicht auf das Verhältnis Europas zur Flüchtlingsproblematik.

Der Film entstand als Gemeinschaftsproduktion europäischer Sendeanstalten unter Federführung der BBC, allerdings gegen die Bedenken spanischer und italienischer Sender, denen die Idee einer „ökologischen Migration“ von Afrikanern in ihre Länder zu nahe und realistisch schien. Er wurde im Mai 1990 als Höhepunkt der europäischen Medieninitiative „Eine Welt für alle“ ausgestrahlt, von einem für heutige Verhältnisse ausführlichen Begleitprogramm flankiert und von der Kritik für seine perfekte Machart und die glanzvollen Dialoge gelobt.

Leben und Tod im Mittelmeer 

William Nicholson, der schon früher zahlreiche Reportagen über Entwicklungsländer für die BBC gedreht hatte, ist mittlerweile als Drehbuchschreiber von Blockbustern wie „Gladiator“ und „Shadowlands“ und als Kinderbuchautor bekannt, dessen „Windsänger“-Trilogie auch in Deutschland gelesen wird. Ihr Thema ist die Gegenbewegung zum Ansturm auf Ceuta und Melilla. 

William Nicholsen 

Die jüngste „Amazon“-Rezension eines Lesers aus Fellingshausen (Hessen, Deutschland) faßt die Handlung so zusammen: „In dem Buch geht es um Aramanth, eine Stadt, die zur Diktatur geworden ist, in Form von Leistung und der Abschaffung des ,Andersseins'. Die Menschen in dieser Stadt leben für und von Leistung. Wer Leistung erbringt, kann seiner Familie etwas bieten, wer das nicht kann oder nicht will, wird ausgegrenzt und muß in den untersten Bezirk der Stadt ziehen. Einmal im Jahr finden die Prüfungen statt, zu denen auch die Familie Hath erscheinen muß. Als ihre jüngste Tochter nicht besteht und somit keine Leistung erbringt, muß die Familie in einen niedrigeren Bezirk ziehen.“ Wir sind gewarnt.

Hier der Link zum Artikel der Frankfurter Allgemeine vom 11.10.2005 >>> 

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Wer Menschen nach Afghanistan abschiebt, nimmt wissentlich ihren Tod in Kauf



Der Mittwoch, 28. Juni, war für den Flughafen Leipzig/Halle mal wieder ein Ereignis. Nicht weil man mal wieder eine völlig sinnfreie Party feierte, sondern weil über 100 junge Leute unterschiedlicher Herkunft kreativ gegen die sächsische Abschiebepraxis am Flughafen Leipzig/Halle (LEJ) demonstrierten. Denn auch ins Bürgerkriegsland Afghanistan möchte Sachsens Regierung unbedingt abschieben. Es ist nur aufgeschoben.



Einriss der symbolischen Mauer der „Festung Europa“. Foto: Aktionsnetzwerk „Protest LEJ“

Am 28. Juni sollte erneut ein Abschiebeflug nach Afghanistan abheben – diesmal vom Flughafen Leipzig-Halle. Das war erst in der vergangenen Woche bekannt geworden. Zeitgleich mit Nachrichten über neue schwere Terroranschläge in Afghanistan. Nachdem die letzte reguläre Sammelabschiebung Ende Mai ausgesetzt worden war, hatten Bundesregierung und Bundesländer vereinbart, nur noch straffällige Geflüchtete, sogenannte „Gefährder“ und solche, die gegen die „Mitwirkungspflichten“ bei der Identitätsfeststellung verstoßen, abzuschieben. 

Selbst das ein perfides Spiel, das den braven Bürgern suggerieren soll, dass man hier mutmaßliche Kriminelle schnell außer Landes bringen möchte. Doch oft haben die Behörden nicht einmal ernsthafte Verdachtsmomente gegen die Menschen, die sie so eilig wieder in vom Krieg zerrüttete Länder verfrachten wollen.

Aber dazu kommt das ebenso tückische Spiel mit „Sicheren Herkunftsstaaten“, mit dem die konservativen Sicherheitsarchitekten der Bundesrepublik selbst Länder, in denen Kriege toben, zu „sicheren“ Zielländern erklären. Was dann auch in der vergangenen Woche wieder zum nächsten Vorstoß führte, die Sicherheitslage in Afghanistan neu zu bewerten. Die Absage des für Mittwoch geplanten Abschiebefluges beruhte allerdings auf „rein logistischen Gründen“.

„Es ist gut, dass es zunächst keinen neuen Abschiebeflug nach Afghanistan geben wird. Die Bundesregierung muss sich aber fragen lassen: 

Haben straffällige Geflüchtete, ‚Gefährder‘ und solche, die gegen die ‚Mitwirkungspflichten‘ bei der Identitätsfeststellung verstoßen, kein Recht zu überleben?“, fragte Juliane Nagel, Sprecherin der Linksfraktion für Migrations- und Flüchtlingspolitik der Linksfraktion im Sächsischen Landtag, aus diesem Anlass einmal aus ganz simpler menschlicher Perspektive. 

„Es gibt – Behauptungen auch des sächsischen Innenministers zum Trotz – nahezu keine sicheren Regionen in Afghanistan. Dies bekundete zuletzt auch die afghanische Flüchtlingsministerin. Alle Abschiebungen nach Afghanistan müssen gestoppt werden!“

Aufgeschoben ist allerdings nicht aufgehoben. Das Bundesinnenministerium hält weiter an Abschiebungen nach Afghanistan fest. Das betrifft auch Geflüchtete, die in Sachsen leben: Die Zahl der vollziehbar Ausreisepflichtigen aus Afghanistan hat sich seit Herbst 2016 von 153 auf 353 mehr als verdoppelt.

„Das zeigt auch, dass die Entscheidungspraxis des BAMF auf falschen Einschätzungen der Situation vor Ort beruht“, sagte Juliane Nagel. „Deshalb ist es richtig, dass Initiativen trotzdem zum Protest aufrufen.“

Das Netzwerk „Protest LEJ“ verweist darauf, dass vom Leipziger Flughafen regelmäßig Abschiebungen stattfinden. Im vergangenen Jahr waren über 2.000 Menschen betroffen, deren Lebensperspektive durch die Zwangsmaßnahme Abschiebung zerstört wurde.

„Es braucht dringend einen Paradigmenwechsel: Statt sich auf Abschottung und Abschiebung auszuruhen, muss darüber gesprochen werden, wie Menschen in Deutschland sicher leben und sich integrieren können“, betonte die Landtagsabgeordnete.


Auch wenn der Abschiebeflug kurzfristig verschoben wurde, trafen sich die Aktivisten trotzdem zum Protest am Flughafen.

Bunt und laut zog die Demonstration durch den Flughafen und erlangte die Aufmerksamkeit der zahlreichen Reisenden. Zum Abschluss der Demonstration durch den Flughafen errichteten die Teilnehmer eine symbolische Blockade vor dem für Abschiebungen genutzten Tor 1.

„Diese Aktion drückt unsere Entschlossenheit aus, keine weiteren Abschiebungen mehr zu akzeptieren und zeigt, dass wir darauf vorbereitet sind, jede weitere Abschiebung vom Flughafen Leipzig/Halle zu blockieren. Daher auch das Motto: ‚Ready to Block 1.0‘, so Aram Khan, Sprecherin des neugegründeten Aktionsnetzwerks „Protest LEJ“.

Die für Mittwoch angesetzte Abschiebung wäre die erste ins vermeintlich sichere Afghanistan seit dem offiziellen Abschiebestopp Anfang Juni gewesen. Während des letzten Monats war das ganze Land anhaltend Ziel von Anschlägen, die Sicherheitslage hat sich drastisch verschlechtert.

Aram Khan: „Wir gehen davon aus, dass diese konkrete Abschiebung verschoben wurde, weil sie öffentlich bekannt geworden ist. Die Situation in Afghanistan ist alles andere als sicher, und das ist momentan in der öffentlichen Wahrnehmung präsent. 

Dass die Abschiebung verschoben wurde, ist nichts Positives. Es werden immer noch Menschen abgeschoben, aber jetzt ist unklar, wann dies passieren wird. Diese Intransparenz verunmöglicht direkte Kritik und somit breiten gesellschaftlichen Protest.“

Und auch die sächsischen Grünen fordern ein Ende dieser rücksichtslosen Abschiebung von Menschen in ein krisengeschütteltes Land.

Christin Melcher, Landesvorstandssprecherin der Grünen: „Es ist unerträglich und grob fahrlässig, dass die Bundesregierung erneut Abschiebungen nach Afghanistan in Betracht zieht. Afghanistan ist nicht sicher und insbesondere für Rückkehrer aus Europa ist die Lage gefährlich, sie werden als fremd identifiziert und haben kein soziales Umfeld, das für das Überleben notwenig ist.“

Zudem hat gerade die Bundesregierung selbst die Reisewarnung für Afghanistan weiter verschärft: „Bombenanschläge, bewaffnete Überfälle und Entführungen gehören seit Jahren in allen Teilen von Afghanistan zum Angriffsspektrum der regierungsfeindlichen Kräfte. […] Der Aufenthalt in weiten Teilen des Landes bleibt gefährlich.“

Christin Melcher: „Eine Bundesregierung, die das Reisen nach Afghanistan als gefährlich einstuft, aber Menschen dorthin abschiebt, handelt unverantwortlich und nimmt wissentlich Tote in Kauf. Wir fordern einen sofortigen und konsequenten Stopp aller Abschiebungen nach Afghanistan.“

Protest gegen Abschiebungen am Flughafen Leipzig/Halle am 28. Juni 2017. Foto:
Aktionsnetzwerk „Protest LEJ“

Anne Kämmerer, Sprecherin der Grünen Jugend Sachsen ergänzt: „Afghanistan ist nicht sicher. Sollten sich die Vermutungen bestätigen, dass es am 28.06.2017 eine Sammelabschiebung vom Flughafen Leipzig geben wird, werden wir das nicht einfach hinnehmen. Gemeinsam mit der Zivilgesellschaft werden wir vor Ort sein.“

Die Demonstration am Mittwoch kritisierte diese intransparente Praxis der deutschen Behörden öffentlich und soll so den Boden für zukünftige Protestaktionen bereiten. Außerdem sollte die Rolle des Flughafen Leipzig/Halle als Drehkreuz der deutschen Abschiebemaschinerie sichtbar gemacht werden. 


Denn seit seiner Erweiterung im Jahr 2007 dient der Flughafen allerlei undurchschaubaren Zwecken – seinerzeit ja bekanntlich auch für die großen amerikanischen Truppentransporte für die Kriege im Irak und natürlich Afghanistan.


Allein 2016 wurden von Leipzig aus über 2.100 Menschen abgeschoben. Damit handelt es sich nach Frankfurt am Main um den zweitgrößten Abschiebeflughafen in Deutschland. Da täglich nur wenige reguläre Flüge starten und aufgrund der relativ abgeschiedenen Lage des Flughafens in Schkeuditz können Abschiebungen dort von der Öffentlichkeit weitestgehend unbeobachtet vonstatten gehen.

Am Ende der Aktion rissen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unter Jubel gemeinsam eine symbolische Mauer der „Festung Europa“ ein. In einer anschließenden Rede wurden konkrete Forderungen gestellt.

„Wir fordern den Flughafen auf, keine Abschiebungen mehr auf dem Gelände zuzulassen. Wir fordern die Fluggesellschaften Meridiana and Turkish Airlines auf, nicht an weiteren Abschiebungen mitzuwirken. Und wir fordern das Recht auf Bewegungsfreiheit für jeden: zu kommen, zu bleiben und zu gehen wohin auch immer er oder sie will,“ fasst Khan abschließend zusammen. „Wir fordern alle an Abschiebungen Beteiligten auf, sich zu widersetzen: Von Beamt*innen in den Behörden über die ausführenden Polizist*innen bis hin zu Pilot*innen können alle ihre Verantwortung wahrnehmen, eine Abschiebung zu verhindern.“

Hier der Artikel der Leipziger Internetzeitung vom 30.06.2017 >>> 

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Die Würde des Menschen ist unantastbar. Deutsches Grundgesetz. 

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