Minderjährige Flüchtlinge - Verlorene Menschen? - Eine Geschichte über Augenschein und Behördenwillkür. Eine etwas längere Geschichte, aber lesenswert!

Minderjährige Flüchtlinge

Verlorene Menschen

Jugendliche, die allein aus ihrer Heimat fliehen, machen sich oft älter, als sie sind. Sie werden in Deutschland dann wie Erwachsene behandelt. Eine Geschichte über Augenschein und Behördenwillkür.

Flüchtlinge vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin

An einem klaren Sommermorgen sitzt Zoya auf einem Hartschalensitz im Foyer der Ausländerbehörde und wartet auf die Erlösung. Sie hat eine Nummer gezogen und ihren Rucksack unter sich auf das fleckige Linoleum gelegt, an der Wand gegenüber blinken rote Leuchtziffern. Es ist Montag, der Tag, an dem sich entscheiden soll, ob ihr Leben als 16 Jahre altes Mädchen weitergeht – oder ob sie als 24 Jahre alte Frau zurechtkommen muss. 

Zoya Qassemi, rundliche Wangen und lange Haare, trägt einen Rock, Leggins und Turnschuhe. Vor einem Monat hat sie ihren Pass eingereicht, und wenn es gut läuft, wird die Behörde das Dokument als Beleg akzeptieren. „Und dann bekomme ich mein wahres Alter zurück“, sagt sie fast tonlos.

Zoyas Geschichte handelt davon, wie leicht Jugendliche, die allein aus fremden Ländern geflüchtet sind, in Deutschland durch die Raster fallen. Es geht um das Wirrwarr der Berliner Behörden, um gekaufte Papiere und widersprüchliche Daten.

Minderjährige Flüchtlinge

Wenn minderjährige Flüchtlinge einreisen und sich nicht ausweisen können, prüft das Landesjugendamt ihre Angaben bei einer qualifizierten Inaugenscheinnahme. 

2016 begutachtete die Behörde rund 1900 junge Menschen und stufte 400 als volljährig ein. In diesem Jahr ging die Zahl der Inaugenscheinnahmen wegen der sinkenden Zugangszahlen auf bisher knapp 300 zurück. 140 Mal fiel das Urteil volljährig.

Wie häufig Fehleinschätzungen passieren, ist nirgends erfasst. Aber es gibt ein paar Details, die viele Fälle gemeinsam haben. „Es gibt keinen roten Faden, wie man solche Fälle lösen kann“, sagt ein Psychologe, der in einer Notunterkunft für Flüchtlinge arbeitet. 


Er will anonym bleiben, weil er nicht befugt ist, öffentlich zu sprechen. Er ist unter den erwachsenen Männern in dem Heim bereits fünf Mal auf junge Menschen gestoßen, die er zweifellos für Teenager hielt: „Die Jugendlichen sind auf sich allein gestellt in einem Land, wo jeder weiß, wie schwierig Asylverfahren sind – im Prinzip sind das verlorene Menschen.“

Zoya hebt den Kopf, als ein Mitarbeiter in den Warteraum tritt; er reicht ihr ein Schreiben, sie soll in vier Wochen wiederkommen, die Polizei braucht noch Zeit, um ihren Pass zu prüfen, sagt der Mann kühl. „Wir glauben nämlich, dass das Ding gefälscht ist.“

"Die Jugendlichen sind auf sich allein gestellt in einem Land, wo jeder weiß, wie schwierig Asylverfahren sind – im Prinzip sind das verlorene Menschen." Anonymer Psychologe





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