Ein deutscher Künstler, Johann Pätzold - An die Bundeskanzlerin und den Innenminister ... Sehr geehrter Herr de Maizière, sehr geehrte Frau Dr. Merkel, Ich schreibe ihnen diesen Brief – in der Hoffnung, dass Sie diesen lesen und einige Teile womöglich auch beherzigen werden. ...



An die Bundeskanzlerin und den Innenminister 

Johann Pätzold, ein deutscher Künstler 

Sehr geehrter Herr de Maizière, sehr geehrte Frau Dr. Merkel,

Ich schreibe ihnen diesen Brief – in der Hoffnung, dass Sie diesen lesen und einige Teile womöglich auch beherzigen werden. 


Ich möchte mich kurz vorstellen. Ich bin Johann Pätzold, geboren in Rostock in der ehemaligen DDR, vom Beruf Komponist, Familienvater, bekennender Demokrat nach der deutschen Verfassung, dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Mein Vater war einst selbst ein Flüchtender aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland, und meine mütterliche Familie – mich eingeschlossen - musste am eigenem Leibe erfahren, was es bedeutet, wenn jemand Nahestehender die Flucht in den Westen angetreten hatte. 

Womöglich liegt darin das Fundament meiner sehr aufgeschlossenen und offenen Weltsicht für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde. Zudem bin ich ein Verfechter der europäischen Idee und sehe mich selbst nicht nur als Staatsbürger der Bundesrepublik Deutschland, sondern auch als ein Bürger der Europäischen Union. Im nicht anerkannten Ehrenamt engagiere ich mich aktiv und mit Hilfe der Möglichkeiten des Rechtsstaates gegen rechten und linken Radikalismus, und arbeite aktiv, wie immer noch zehntausende andere Deutsche, ohne einen Dachverband, im Rahmen der Integration von Geflüchteten oder deren Rettung. 

So bin ich auch Teil der sogenannten NGOs auf dem Mittelmeer. Dabei ist für mich nicht von Bedeutung, weshalb die Menschen über das Mittelmeer fliehen. Es geht mir einzig und allein darum, dass an europäischen Grenzen, in internationalen Gewässern ebenfalls die Menschenwürde gewährleistet wird. 

Nachdem sich die EU – zumindest politisch - immer mehr aus der Verantwortung bei der Umsetzung unserer Grundrechte auf dem Mittelmeer gezogen hat, ist dies für mich umso mehr ein Ansporn, diese Rechte stellvertretend als ein Staatsbürger der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union nach der Deutschen Verfassung und der Charta der Grundrechte der Europäischen Union, für die EU und der Bundesrepublik Deutschland zu übernehmen. 

Damit stehe ich im übrigen nicht alleine. Allen Menschen, die humanitäre Hilfe auf dem Mittelmeer leisten, geht es nicht um Anerkennung, Ruhm oder Geld. Wir sind dort vielmehr die Repräsentanten sämtlicher Grundrechte von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit – so wie wir es gelernt haben. Ich würde mir Sorgen machen, wenn dieses nicht so wäre. Zudem kann ich ihnen versprechen, das diese Arbeit uns weder Spaß oder Freude bereitet. Im Gegenteil: Ich kann nur für mich sprechen – aber ich fühle mich traumatisiert, ohnmächtig und alleine gelassen. 

Und dennoch werde ich wieder hinaus fahren. Ich nehme an, Sie sind bestens über die Zustände auf dem Mittelmeer informiert. Ich hoffe sie sind sich über die Dunkelziffer der bereits Verstorbenen dieses Jahr bewusst. Wir können diese Zahl nur schwer empirisch nachweisen. Jedoch finden wir pro Tag mindestens 1 - 3 gekenterte Schlauchboote mit 3 bis 4 Leichen. Diese Schlauchboote waren in der Regel mit 150-180 Menschen besetzt. Dieses Jahr haben wir schon etwa 180 gekenterte Boote gefunden. Und wir finden längst nicht alle Boote. Aber selbst uns fällt es schwer einzugestehen, dass dieses Jahr schon mehr als 30.000 Menschen ertrunken sein müssen. Wir können nur die auf dem Wasser treibenden Leichen zählen, oder die Männer, Frauen und Kinder, welche bei uns an Deck sterben. 

Bitte sagen Sie mir, wer das ertragen kann? Das Leben wird nicht leichter damit. Wir haben keine Freude daran, aufzuzählen wie viele Menschen wir gerettet haben, wenn eben noch eine Frau in unseren Armen aufhört zu atmen und neben ihr, ihre kleine Tochter sitzt und sich an ihre tote Mutter schmiegt in der Hoffnung, das bald alles besser wird. Man lernt damit zu leben – keine Frage. Aber es gibt wirklich angenehmere Orte – an welchen man seinen Urlaub verbringen kann. 

Ohnmächtig fühle ich mich auch gegenüber dem Gegenwind, der sich wie ein Sturm über uns legt. Ich frage mich womit wir das verdient haben. Uns als einen „Pull-Faktor“ zu bezeichnen, empfinde ich als so verachtend und zynisch. Als ob wir an Kriegen und Hungersnöten schuld wären… Dies ist eine große Bürde, die Sie uns damit noch zusätzlich auf die Schultern legen.
Freilich weiß ich, dass man innerhalb weniger Legislaturperioden nicht die Probleme dieser Welt lösen wird. Aber uns zur „Fluchtursache Mittelmeer“ zu degradieren, grenzt aus meiner Sicht an Wahnsinn. 


Wir verstehen das Dilemma, in dem Sie sich befinden – es ändert aber nichts daran, dass im Mittelmeer tausende Menschen sterben. Tag für Tag. Und dies lässt sich in meinem Verständnis nicht mit Artikel 1 des Grundgesetzes oder Kapitel 1 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union vereinbaren. Die Würde des Menschen, das Recht auf Leben, das Recht auf Unversehrtheit – wofür wir solange gekämpft haben, wenn wir das jetzt alles über den Haufen werfen. 

Würden wir, die privaten Seenotretter, dort einfach abziehen, werden immer noch mehr Menschen auf dem Mittelmeer sterben. Sie sieht nur keiner mehr. Ich bin zudem erschüttert, was uns - auch von Politikern der Koalition - nachgesagt wird. Dass wir angeblich versuchen, mit der libyschen Küstenwache um Flüchtlingsboote zu kämpfen, oder dass wir Kontakte zu libyschen Schleppern haben sollen, oder dass wir Lichtsignale geben sollen, oder dass wir bewusst in libysche Gewässer einfahren.
Das ist so einfach nicht wahr. Es kann zwar vorkommen, dass wir während einer Rettungsaktion in die Nähe von libyschen Gewässern treiben. Die Strömung schiebt das Schiff manchmal mit bis zu 4 Knoten vorwärts. Wenn man 16-20 Stunden im Einsatz ist und alle Maschinen abgeschaltet sind (abgeschaltet sein müssen) – kann es passieren dass wir nahe an libyschen Gewässern treiben. Aber darüber ist die Rettungsleitstelle MRCC in Rom informiert.


Sollen wir die Menschen dann einfach ertrinken lassen, wenn niemand anderes in der Nähe ist? 

Die Küste ist immer außer Sichtweite – wir können überhaupt keine Lichtsignale an die Küste senden. Und niemand will sich mit der libyschen Küstenwache anlegen. Wir haben Angst vor diesen bewaffneten Desperados. Sie haben uns nun schon mehr als einmal unter Maschinengewehrbeschuss genommen – außerhalb von libyschen Gewässern wohlbemerkt. Entschuldigen sie den Ausdruck – aber das sind teilweise durchgeknallte Cowboys. Manchmal kann man mit ihnen sprechen, manchmal schaut man aber auch in den Lauf einer Kalaschnikow… wir halten uns stets zurück, wenn die Libyer kommen. 

Ich finde es außerdem bedenklich, wenn wir gerade von der EU unter politisches Feuer genommen werden – während gleichzeitig unkommentiert die rechtsextreme „Identitäre Bewegung“ gerade in diesem Moment mit einem Schiff ins Mittelmeer unterwegs ist (sie sind bereits am Suezkanal) um uns „auszulöschen“, wie sie es in ihrem Propaganda Video gesagt haben. Und vielleicht sollte ich auch klarstellen: Unsere humanitäre Hilfsaktion hat wenig mit „Refugees Welcome“ zu tun. Hier geht es lediglich um grundlegende Menschenrechte. Im unserem Recht steht auch eindeutig festgeschrieben, wie Flüchtlinge behandelt werden sollen. 

Und wenn Menschen in ihr Heimatland abgeschoben werden sollen, ist das eine ganz andere Baustelle, als jene, welche die Menschen vor dem Ertrinken bewahrt. Da differenzieren wir (und ich) ganz klar – das sollten sie ebenfalls tun. Wir können Italien verstehen und sind ebenfalls entsetzt, das so wenig Hilfe durch die EU in diesem Land geleistet wird. Uns geht es vorrangig darum, das Sterben auf dem Mittelmeer einzudämmen. Das ist natürlich ebenfalls das Ziel der EU. Dafür aber Milliarden an Libyen zu zahlen ist ebenfalls Wahnsinn. Wären die Libyer daran wirklich interessiert, die Fluchtroute über das Mittelmeer zu schließen – würde kein Boot das Land verlassen. Das was wir aber sehen ist, das es immer mehr Boote werden. Das ist aber weder unsere Schuld, noch Ihre – das zeigt einfach, das Libyen keine Kontrolle über sein Land besitzt. Daran ändert auch keine Milliardenhilfe etwas. Zu guter Letzt: Ich wünsche wirklich keine Standardantwort eines ihrer Mitarbeiter, in dem mir am Ende erklärt wird, was die Milliardenhilfen bewirken werden oder irgendwelche Statistiken, welche mir aufzeigen, wie das Sterben auf dem Mittelmeer zu- oder abnehmen könnte, wenn dies oder jenes passiert. Auch ich habe einst Physik studiert und weiß, wie man Dinge in Zahlen vereinfacht darstellen kann. Hier geht es aber um wesentlich mehr. Hier geht es um was Immaterielles. Hier geht es um Menschenrechte. Um Menschenleben und um Sterbende, welche wir immer wieder vor Augen haben. Hier geht es um eines der größten Unglücke seit dem Bestehen der EU. 

Ich bitte einfach – wenn Sie dies lesen sollten und mir antworten möchten, dass sie dies mit dem angemessenem Respekt tun. Nicht meinetwegen. Sondern mit dem respektvollen Umgang gegenüber den abertausenden Verstorbenen auf dem Mittelmeer. 

Herzliche Grüße,
Johann Pätzold 


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Die Würde des Menschen ist unantastbar. Deutsches Grundgesetz. 

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Kommentare

  1. was gibt es da noch zu kommentieren? dem ist nichts mehr hinzuzufügen außer danke!

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  2. @unknown > so ging es mir auch. Johann Pätzold bringt es klar und deutlich auf den Punkt. Sein Brief sollte wirklich eine vernünftige und angemessene Antwort erhalten.

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  3. Johann Pätzold ich hoffe Du bekommst auf Deinen wirklich eindrucksvollen Brief eine respektvolle Antwort.
    Ich sitze hier und heule Rotz und Wasser.
    Ich erinnere mich an den Tag als ich erfahren habe, das mein Neffe auf dem Weg nach Lambedusa war und Gott sei Dank gut angekommen ist.
    Mein Neffe hat seinen Weg gemacht und unterstützt heute seine Familie in der Heimat.
    Ich bewundere Euch für Eure Arbeit von ganzem Herzen und lässt die Hetztriaden an Euch abprallen!
    Hochachtungsvoll Anna Hermi

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  4. Gott sei Dank gibt es Menschen wie Dich und Deine Kameraden

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