VERZEIH MIR, JESUS, DEN VERGLEICH: HEUTE WERDEN DIE GUTMENSCHEN ANS VIRTUELLE KREUZ GENAGELT.

Das Abendmahl nach Leonardo da Vinci


Eine besondere "Osterpredigt" von unserer Bloggerin Lemiye. 



Liebe Freundinnen und Freunde!

Die Christen feiern Ostern in Erinnerung an die Auferstehung ihres Juniorchefs von den Toten. Manch ein Christ weiß das nicht so genau und hält Ostern für das Fest der bunten Eier oder der artübergreifenden Sexualpraktiken eines langohrigen Säugetieres. Aber wenn man es ihm erklärt, findet er es für gewöhnlich ok, denn der Juniorchef war irgendwie cool.

Aus Anlass dieses religionsgebundenen Feiertages möchte ich heute vor allem diejenigen Teile unserer Zivilgesellschaft ansprechen, die sich „Christen“ nennen.

Der historische Jesus war ein jüdischer Oppositioneller, ein Rebell, den der unermüdliche Einsatz für den „Nächsten“ das Leben gekostet hat. Auf ihn berufen sich die Christen, wenn sie seiner Geburt, seines Todes und seiner Auferstehung gedenken. Sein gutes Beispiel sollte Schule machen. Ich erlaube mir ein paar Gedanken dazu.

Das Gebot „Liebe deinen Nächsten“ war Lebensmaxime des historischen Jesus. Heute nennt man es „Solidarität“ und diejenigen, die die praktische Umsetzung wagen, gelten schnell als bauchgesteuerte, irrationale, hysterische Gutmenschen. Verzeih mir, Juniorchef, den Vergleich: Auch heute werden die Gutmenschen wieder ans (virtuelle) Kreuz genagelt. Unterhalb dessen ist in der realen Welt ebenfalls wieder alles möglich: Das christliche Gebot wird auf das Schändlichste umgekehrt durch eklatante Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Ärzte, Kirchenangehörige und Flüchtlingspaten müssen mit strafrechtlicher Verfolgung rechnen, wenn sie den Nächsten lieben wie sich selbst. 


Was sagst du dazu, Juniorchef, dass bei der Verfolgung dieser Gutmenschen ausgerechnet ein einflussreicher Teil derjenigen federführend ist, der sich ständig auf dich und deine Lebensmaxime beruft?

Solidarität wird heute von AfD und ähnlich gestrickten nationalen Gruppen und Einzelpersonen als volks- bzw. gruppengemeinschaftliche Solidarität verstanden. Das eigentlich positive Verständnis, wie es der Juniorchef propagiert und gelebt hat, wird zur Ausgrenzung und Separierung von Armen, Bedürftigen, Schutzsuchenden und – besonders abwegig – von Anhängern der islamischen Glaubensrichtungen missbraucht: Wir (die eigene Gruppe) und ihr (die Anderen). 


In der Flüchtlingspolitik wird Solidarität zunehmend als Provokation empfunden und im Gegensatz zur imaginierten „Volksgemeinschaft“ und deren Kapazität gestellt. Hier wird deutlich, dass einer der ärgsten Feinde der Solidarität der Neid ist. Er trifft jeden, und im Zweifel werden eigene Gruppenmitglieder ausgegrenzt: Ich, der/die Rationale, und du, der hysterische Gutmensch. Im Zweifel bekämpfe ich dich mit Hilfe der Rechtsprechung.

Nicht nur gottlose Anhänger einer starren Ausgrenzungsideologie, auch die „christlichen“ selbst ernannten Verteidiger des christlichen Abendlandes zeigen, dass sie vom Christentum und seiner ultimativen Aufforderung zur Nächstenliebe nichts verstanden haben: Für den Christen ist in Nachfolge zum Juniorchef der Nächste immer derjenige, der seiner am meisten bedarf und für ihn erreichbar ist. Religionen, Nationalitäten, kulturelle Besonderheiten usw. haben keine Rolle zu spielen: Alle sind Menschen, sind Geschöpfe Gottes. Setzt man sich darüber hinweg, ist das „christliche Abendland“ nicht mehr zu verteidigen. Es existiert schlichtweg nicht mehr.

Zahlreiche aufrichtige Christen, Bischöfe, ganze Pfarreien und selbst der Papst haben den unchristlichen Umgang mit geflohenen Menschen – zum ganz überwiegenden Teil Muslime – scharf kritisiert und zum Teil selbstlosen praktischen Einsatz für die Andersgläubigen gelebt. Ihnen allein ist es zu verdanken, dass die christliche Lehre von der Nächstenliebe Glaubwürdigkeit und Legitimität behalten hat: Christen muss es um gerechte Lebensverhältnisse überall auf der Erde gehen. Wo sie sich schützend vor Verfolgte stellen und entschlossen den gewaltfreien Kampf gegen die Verfolger jenseits nationaler Grenzen einerseits und innerhalb unserer Amtsstuben, gesellschaftlichen Gruppen sowie gewissenlosen „Volksvertretern“ andererseits aufnehmen, handeln sie gerecht, solidarisch und – gottgefällig. Ich bin sicher, dass der Juniorchef sie in seinen Fanclub aufgenommen und die Verantwortlichen für Deportationen in Not und Elend Afghanistans, für den Tod so vieler Menschen aus Kriegsgebieten durch Abschottung und Aussetzung des Familiennachzugs sowie für ähnliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit aus dem Tempel geprügelt hätte: „Was ihr dem geringsten meiner Brüder (und Schwestern) antut, das tut ihr mir an!“

Liebe Christen mit und ohne Taufschein, ich wünsche euch in diesem Sinne ein solidarisches Osterfest, das kalendarisch weit über den Gedenktag hinausgeht: Mögen der Juniorchef, seine Lebensmaxime und seine unerschütterliche Kraft jeden Tag auf’s Neue zum Leben erwachen! Möget ihr ein Teil davon sein!
Alle anderen, die Gottesverächter wie diejenigen, die sich mit den Mitteln christlicher Symbolik und Rhetorik zum bösen Zweck lediglich camouflieren, können bunte Eier, Hasen/Hühner-Pornografie oder meinetwegen die freien Tage abfeiern. Mehr haben sie ja nicht.
Lemiye im April 2017

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* Die Würde des Menschen ist unantastbar. (Deutsches Grundgesetz) 

Es war nicht ausschließlich die Würde der Deutschen Menschen gemeint. Hagen Rether (Ein deutscher Kabarettist) 

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