Kommentar zum FR-Artikel 'Afghanistan-Kinder zwischen den Fronten'

Quelle FR-Artikel Afghanistan Kinder zwischen den Fronten 26.03.2017
Was ist das eigentlich für ein Land, das von maßgeblichen deutschen und europäischen Politprotagonisten für in Teilen so sicher deklariert wurde, dass unbescholtene junge Menschen ungeachtet ihrer Asylgründe und der Perspektivlosigkeit in ihrem „Heimat“land dorthin deportiert werden dürfen oder – je nach Perspektive – angeblich sogar müssen?


Die Sicherheitsdebatte ist Augenwischerei und seitens der Politik ein untauglicher Versuch, das Gewissen der Bürger zu beruhigen. Wüssten jeder Bürger und seine Frau mehr über die Lage in Afghanistan, wären die Deportationen wahrscheinlich von noch größeren, noch lauteren Protesten begleitet und über kurz oder lang vielleicht nicht mehr möglich.

Hier sollen nur einige Hotspots aufgeführt werden:


Zahlen der Vereinten Nationen belegen, dass die Zahl der vom Konflikt betroffenen zivilen Todesopfer im Jahr 2016 auf 3.500, die Zahl der Verletzten auf ca. 8.000. gestiegen ist. 2016 kamen bei Kämpfen zwischen Sicherheitskräften und Talibanmilizen sowie dem „IS“ 900 Kinder ums Leben.

Ca. 3,7 Millionen Kinder können nicht zur Schule gehen. Viele Eltern befürchten, dass ihre Kinder entführt werden oder in einen der zahlreichen Anschläge oder Zwischenfälle geraten könnten. Die Kinder der zahllosen Binnenflüchtlinge haben ohnehin nur selten Zugang zu einer Schule.


Die ohnehin instabile, korrupte afghanische Regierung kontrolliert inzwischen nicht mal mehr zwei Drittel des Landes. Als die Sicherheitskräfte in der Helmand-Provinz nach zweijährigen Kämpfen ein weiteres aussichtsloses Gefecht gegen die Taliban zu verlieren drohten, machten sie sich zusammen mit einigen Polizisten aus dem Staub und überließen den Taliban kampflos den Sangin-Distrikt. Die Fahnenflucht ist beileibe kein Einzelfall!


Die Hauptstadt Kabul wird immer wieder von schweren Anschlägen heimgesucht. Selbst das größte Krankenhaus Kabuls konnte von den Sicherheitskräften nicht geschützt werden. Beim stundenlangen Amoklauf mit Gewehren, Pistolen und Messern von vermutlich „IS“Terroristen starben rund 100 Menschen – Patienten, Ärzte, Pflegekräfte.


Auch der Drogenhandel blüht. Neuerdings kann Mohn im Zwei-Monats-Rhythmus geerntet werden. Die Taliban erhalten rund 10 % der Einkünfte aus dem Drogenhandel und finanzieren damit ihren Krieg gegen die Bevölkerung.


Rückkehrer, die in Kabul aus dem Flieger geladen werden, sind nach wenigen Tagen auf sich allein gestellt: Ohne Familie, Geld, Unterkunft und Schutz sind sie hilflos einem hohen Risiko ausgesetzt, von den Taliban entführt, ermordet oder zwangsrekrutiert zu werden oder einem der zahllosen Anschläge zum Opfer zu fallen. Es ist für sie vollkommen ausgeschlossen, sich an Aufbau oder Verteidigung des Landes zu beteiligen; zum einen befindet sich das ganze Land im Zerstörungsmodus, zum anderen fehlen den Rückkehrern dazu alle Möglichkeiten. 

(Am Dienstag, 28. 3., sendet ARTE um 19.45 h eine Filmdokumentation über das Schicksal eines Rückkehrers.)

Afghanen mit den Kriterien „jung“, „männlich“ sind dessen ungeachtet massiv von Deportation bedroht. Die Unsicherheitslage in Afghanistan ist kein Deportationshindernis; entscheidend ist das erkaufte Rücknahmeabkommen mit der afghanischen Regierung: Die jungen Männer werden deportiert allein deshalb, weil es geht. Unter ihnen machen sich mittlerweile große Angst und Verzweiflung breit. So viel brachiale Unmenschlichkeit hatten sie von dem Land der Aufklärung, der Dichter und Denker nicht erwartet.


Während die Ausländerbehörden am Wochenende anlasslos wieder eine Gruppe unglücklicher Afghanen – vorwiegend jung, männlich – für ihre Deportation ins Elend am heutigen Montag zusammenstellen ließen, begann im übrigen Deutschland am Wochenende die Grillsaison mit Sonne, Bier und Bratwürsten. Der deutsche Mann und seine Frau waren es zufrieden.


Basis dieses Textes ist der Artikel der Frankfurter Rundschau.
Afghanistan-Kinder zwischen den Fronten

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